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Sozialpsychologe Rolf van Dick : „Gefahr, dass Fremdenhass wächst, ist akut“

  • Aktualisiert am

Ankunft: Flüchtlinge melden sich am Eingang der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. Bild: Helmut Fricke

Die Aggression gegenüber Flüchtlingen betrachtet der Sozialpsychologe Rolf van Dick mit Sorge. Er rät, Kontakte zu knüpfen, um Vorurteile abzubauen.

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          Die Zahl der Flüchtlinge steigt enorm an. Was ist die größte Herausforderung für uns als Aufnahmegesellschaft?

           Es gibt auf allen Ebenen viel zu wenig Personal, das sich um sie kümmert, angefangen von der Europäischen Union über den Bund und die Bundesländer bis in die Kommunen. Diese gewaltige Managementaufgabe ist die Politik nicht rechtzeitig angegangen. Dass die Zahl massiv steigen würde, war seit Jahresanfang klar.

          Also hat die Politik diese Entwicklung verschlafen?

          Vielleicht steckt auch Kalkül dahinter, gerade bei konservativen Parteien. Ich denke, sie wollten nicht über die absehbar stark steigenden Zahlen sprechen.

          Warum?

          Um möglichen Flüchtlingen nicht die Tore zu öffnen und, was vielleicht noch wichtiger ist, um Wählerschichten nicht zu verunsichern. Gerade die konservativen Parteien sind angesichts der Pegida-Bewegung, die um die Jahreswende sehr stark war, vorsichtig geworden. Da wäre es nicht opportun gewesen, von vielen Flüchtlingen zu sprechen.

          Die Zahl der Anschläge auf Flüchtlingsheime ist in diesem Jahr stark gestiegen. Wächst die Fremdenfeindlichkeit?

          Die Gefahr, dass Fremdenhass wächst, ist akut. Es gibt sie seit Herbst vergangenen Jahres, als die verschiedenen Pegida-Bewegungen denen, die immer schon fremdenfeindlich waren, signalisiert haben, sie würden mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken. Aktuell müssen wir uns große Sorgen machen. Fast täglich gibt es Nachrichten über solche Angriffe.

          Und diese sind Spätfolgen der Pegida-Bewegung?

          Ja. Diese Bewegung hat dafür gesorgt, dass bestimmte fremdenfeindliche Aussagen salonfähig geworden sind und dass tendenziell gewaltbereite Menschen Gewalt auch ausüben. Untersuchungen haben übrigens gezeigt, dass fremdenfeindliche Menschen häufig auch gegen andere Minderheiten sind, Obdachlose etwa oder Homosexuelle. Wir müssen generell dafür werben, dass Vielfalt uns guttut, gerade die ethnische Vielfalt.

          Findet klare Worte: Rolf van Dick
          Findet klare Worte: Rolf van Dick : Bild: Frank Röth

          Tut sie das?

          Wir sehen an Länden wie den Vereinigten Staaten oder Kanada, dass Einwanderung hilft, mit bestimmten Problemen kreativ umzugehen, eben weil es eine Vielfalt an Perspektiven gibt.

          Vielfalt kann aber auch Probleme mit sich bringen.

          Natürlich ist Diversität kein Selbstläufer, sondern hat ein Potential für Konflikte. Deswegen muss Vielfalt gemanagt werden, jene innerhalb von Flüchtlingsheimen genauso wie die von Flüchtlingen und ihren einheimischen Nachbarn. Niemand hat es gerne, wenn der Baumarkt um die Ecke ein Asylbewerberheim wird. Damit sind Ängste verbunden, und dafür habe ich jedes Verständnis. Diese Ängste können aber abgebaut werden durch persönliche Kontakte.

          Woher kommt die Aggression Flüchtlingen gegenüber?

          Unter anderem durch den Vorwurf des Asylmissbrauchs.

          Gibt es den etwa nicht?

          Es gibt Menschen, die „nur“ aus wirtschaftlichen Gründen fliehen. Ihnen Asylmissbrauch vorzuhalten, hilft aber nicht weiter, im Gegenteil. Das kann Aggressionen schüren. Deutschland braucht diese Menschen dringend. Wenn wir keine Arbeitsmigration haben, werden wir bis 2050 etwa 40 Prozent weniger Beschäftigte haben. Es muss endlich ein echtes Einwanderungsgesetz geben. Damit tut sich die Politik bis heute schwer.

          Gibt es, was das Aggressionspotential angeht, einen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland?

          Ja, und das hat vor allem damit zu tun, dass Menschen in Ostdeutschland viel weniger Kontakt zu Ausländern und damit auch zu Flüchtlingen haben als die im Westen. In Ostdeutschland gibt es maximal vier Prozent Ausländer, im Westen sind es 13, 14 Prozent, in Städten deutlich mehr. Aus der sozialpsychologischen Forschung wissen wir viel darüber, wie wichtig dieser Kontakt ist und wie er gestaltet werden muss, um Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen.

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