https://www.faz.net/-gzg-9lq52

Folgen für Opfer : Vor der Disco ins Koma geprügelt

  • Aktualisiert am

Aufklärung: Christoph Rickels spricht vor Schülern über Folgen von Gewalt. Bild: dpa

Christoph Rickels wurde vor zwölf Jahren vor einer Disco niedergeschlagen. Seitdem ist er halbseitig gelähmt und hofft, dass andere aus seiner Geschichte lernen.

          Wenn Christoph Rickels lacht, hat er nicht zwangsläufig gute Laune. Er kann auch tieftraurig oder wütend sein. Das ungewollte Lachen ist eine Folge der verhängnisvollen Nacht, die das Leben des 32 Jahre alte Mann vor zwölf Jahren veränderte. Vor einer Disco wird er niedergeschlagen - vom eifersüchtigen Freund eines Mädchens, dem Rickels ein Getränk spendiert hatte. Er knallt mit dem Kopf auf den Asphalt und fällt ins Koma.

          Der Täter bekam eine Bewährungsstrafe, Rickels leidet lebenslang. Er ist halbseitig spastisch gelähmt. Seine Muskeln hat er nur teilweise unter Kontrolle. Die Tat hat sein Leben nicht nur verändert, sie bestimmt es bis heute. Rickels kämpft seit Jahren mit den juristischen, finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Folgen. Aber sein Schicksal hat ihm auch eine Mission gegeben.

          „Das einzige, was das Leben lebenswert macht, ist First Togetherness“, sagt der 32 Jahre alte Mann. Das ist seine gemeinnützige Initiative, mit der er Menschen von psychischer und physischer Gewalt abhalten will. Für sein neues Projekt „40:40“ ist er von Friedeburg in Niedersachsen ins nordhessische Kassel gezogen. Hier will er in einem Jahr alle 40 Schulen im Landkreis besuchen und von seinem Schicksal berichten. „Es geht darum, in der Mitte Deutschlands einen Stein ins Wasser zu werfen“, sagt er. Gleichzeitig ist er aber auch bundesweit unterwegs, um seine Geschichte zu erzählen.

          Zentral ist für ihn der Begriff „cool“. Denn „cool“ seien für Jugendliche oft die falschen Vorbilder: gemeine, abweisende oder einfach körperlich starke Menschen. „Cool“ könne aber auch ein gutes Miteinander sein. Es gehe darum, die Definition von „Coolness“ zu verändern.

          Preise und Würdigungen

          Wenn Rickels im Rampenlicht steht, hat er viele Unterstützer: Politiker haben sein Engagement gewürdigt, Prominente unterstützen ihn, er hat Urkunden und Preise bekommen. Abseits des Trubels ist Rickels allein: Es gebe nur einen Menschen, den er als Freund bezeichne, sagt Rickels. „Nach dem Koma waren alle im Krankenhaus und haben mir beim Schlafen zugesehen“, erklärt er: Als er danach Freunde brauchte, seien sie weg gewesen. Auch eine Beziehung sei schwierig: „Ich bin aus Angst, etwas falsch zu machen, übervorsichtig.“

          Dass das Leben von Gewaltopfern Jahre später durch die Tat bestimmt wird, ist laut der Hilfsorganisation Weißer Ring nicht ungewöhnlich: „In einem solchen Fall ist ohne weiteres nachvollziehbar, dass sich das Leben fortan nahezu ausschließlich um die Straftat und deren Folgewirkungen dreht“, sagt der hessische Landesvorsitzende Patrick Liesching. Bei schweren Gewaltstraftaten erlebe man sehr häufig, dass es auch zu gravierenden psychischen Beeinträchtigungen komme.

          „Körperliche wie auch psychische Belastungen durch eine Straftat können dazu führen, dass der betroffene Mensch komplett aus der Bahn geworfen wird und nicht mehr in der Lage ist, seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten, auch einfache Alltagsaufgaben zu bewältigen oder sich unbefangen und frei in Gesellschaft anderer zu bewegen“, erklärt Liesching.

          Finanzielle Not von Opfern

          Auch finanziell können Gewaltopfer in Not geraten. „Was die Hilfe bei finanziellen Notlagen angeht, kommt es darauf an, in welchem Zusammenhang Kosten und finanzielle Schäden entstanden sind.“ Behandlungs- und Therapiekosten übernehmen regelmäßig die Krankenkasse, gegebenenfalls auch die gesetzliche Unfallversicherung oder Berufsgenossenschaften. Darüber hinaus können Kriminalitätsopfer einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz stellen.

          Für Rickels waren die finanziellen Folgen erheblich: Der Täter ist insolvent, seine Versicherung weigert sich trotz Verurteilung zu zahlen - erst wegen „vorsätzlicher Tatbegehung“, dann wegen Verjährung. Bis heute hat der Rickels  keinen Euro von der Versicherung bekommen, stattdessen reiht sich ein Prozess an den nächsten. Weil er nicht arbeiten kann, lebt er vom Berufsschadensausgleich. Das ist eine Sozialleistung, die hauptsächlich Kriegsversehrte und Gewaltopfer bekommen.

          Rickels will weiter kämpfen, sowohl vor Gericht als auch für sein Anliegen. Sein Traum ist, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland Gewaltprävention zu machen. Als nächstes geht es in die Schweiz und nach Luxemburg. Alleine will er sein Anliegen nicht in die Welt tragen: „Ich will Opfer motivieren, dass sie anderen helfen - und damit sich selbst auch.“

          Hilfe für Opfer

          In Hessen gibt es zahlreiche Beratungsangebote für Gewaltopfer. Der Verein Weißer Ring bietet mit seinen 400 Außenstellen bundesweit, davon 28 in Hessen, Hilfe an. Kurzfristige Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene bietet das Traumanetzwerk des (Opferentschädigungsgesetzes (OEG) an insgesamt 19 verschiedenen Klinikstandorten in Hessen.

          Schäden wie Verdienstausfall, aber auch Schmerzensgeld können Betroffene im Zivilrechtsweg gegenüber dem Täter geltend machen. Hier übernimmt der Weiße Ring im Bedarfsfall die Kosten des Rechtswegs. „Auch wenn bei vorsätzlichen Straftaten die Pfändungsfreigrenzen herabgesetzt sind, lassen sich solche Ansprüche allerdings oft praktisch nicht verwirklichen, weil der Täter schlichtweg nicht über ein ausreichendes Einkommen oder Vermögen verfügt“, sagt Patrick Liesching, Landesvorsitzender des Weißen Rings in Hessen.

          Verbleibe trotz der vielfältigen Hilfsmöglichkeiten ein finanzieller Schaden bei dem dadurch bedürftig gewordenen Kriminalitätsopfer, könne der Weiße Ring durch Zahlung einer Opferhilfe die finanziellen Folgen der Tat abmildern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          DFB-Pokalfinale im Liveticker : Neuer hält die Bayern im Spiel

          Mitten in der stärksten Leipziger Phase trifft Robert Lewandowski spektakulär zum 1:0. Doch RB kommt mutig aus der Kabine. Münchens Torhüter reagiert gleich zweimal glänzend. Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.