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Prozessbeobachter : Im Namen des Radlerhosenträgers

  • -Aktualisiert am

Prozessbeobachter: Andreas Engel sitzt im Landgericht meist in der ersten Zuschauerreihe. Bild: Hoang Le, Kien

Mehrmals in der Woche schaut sich Andreas Engel Verhandlungen vor dem Landgericht an. Am liebsten würde er selbst Richter werden.

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          Der Angeklagte weint, die Fragen des Richters beantwortet er murmelnd. Der Dolmetscher soll die türkischen Worte des 31Jahre alten Mannes ins Deutsche übersetzen, hat aber selbst Mühe, ihn zu verstehen. In Saal9 des Landgerichts kommt die Aussage des mutmaßlichen Täters nur schleppend voran. 18Mal soll er auf seine damalige Ehefrau eingestochen haben, zuvor habe er sie vergewaltigt und eingesperrt, heißt es. Die Liste der Vorwürfe ist lang, Andreas Engel ist trotzdem keiner der knapp zehn Paragraphen entgangen.

          Engel trägt Radlerhosen und sitzt in der ersten Zuschauerreihe. Auf seinem Schoß liegt ein Klemmbrett. Die Delikte hat er notiert, genau wie die Namen der Richter, des anwesenden Sachverständigen und der Anwälte. Der Mann mit Glatze und Schnauzbart ist 49Jahre alt und wohl der Einzige, der freiwillig in den Saal gekommen ist. Sonst sitzen dort noch ein paar Journalisten und einige müde dreinblickende Schüler, die von ihren Lehrern begleitet werden. Andreas Engel kommt allein. Zwei- bis dreimal die Woche fährt er 15Kilometer mit dem Fahrrad von Oberursel aus ins Gericht, um sich die Verhandlungen anzuschauen. So hält er sich fit und die Kosten für sein Hobby gering.

          Sein erster echter Prozess war einer gegen einen Totschläger

          Schon eine Stunde vor Verhandlungsbeginn sitzt Engel in der Gerichtskantine. Zwei Körnerbrötchen, Teewurst, Nutella, Marmelade, ein Ei. Dazu trinkt er einen Kaffee. Auf nüchternen Magen kommt ein Totschlagsprozess nicht so gut. Aus gesundheitlichen Gründen kann er nicht mehr arbeiten, wie er sagt. Zuletzt war er als Fernfahrer angestellt. Danach stand er vor der Aufgabe, seine Tage selbst mit Beschäftigung zu füllen. Eine Zeitlang halfen ihm dabei die Gerichtsshows im Nachmittagsprogramm. Die fiktiven Verhandlungen unter Vorsitz von Salesch und Hold weckten sein Interesse für die Justiz. Irgendwann wollte er dann erleben, wie im wahren Leben mit Straftätern umgegangen wird.

          Sein erster echter Prozess war einer gegen einen Totschläger. Bald darauf verfolgte er das Verfahren gegen Magnus Gäfgen, später das gegen Armin Meiwes, der von der Boulevard-Presse „Kannibale von Rotenburg“ getauft wurde. „Das waren echte ,Highlights‘“, sagt Engel und spricht die Anführungsstriche mit. Dass das makaber klingt, ist ihm bewusst, aber die großen Prozesse haben ihn fasziniert.

          55 Kladden hat er vollgeschrieben

          Abseits der großen Fälle ist er oft der einzige Vertreter des Volkes, in dessen Namen die Urteile verkündet werden, der einzige Unbeteiligte, der Notiz davon nimmt, wie die Justiz mit Kleinkriminellen umgeht. Wer geht auch gerne freiwillig ins Gericht?

          Engel notiert jeden Fall, den er verfolgt. 55 Kladden hat er vollgeschrieben. Darin finden sich jede Menge Urteile gegen Drogenschmuggler. Oft zeichnet er Skizzen von den Behältnissen, in denen die Kuriere die Drogen nach Deutschland bringen wollten. Früher habe er sich nie Gedanken darüber gemacht, wie das Rauschgift ins Land komme, sagt er. Jetzt lässt ihn der Gedanke nicht mehr los, welche Risiken die Schmuggler eingehen. Er blättert in einem seiner Notizbücher, um einen Fall zu suchen. „Hier“, sagt er: 81Kugeln mit Kokain hatte einer der Kuriere geschluckt, jede von ihnen fünf Zentimeter groß. Engel hat ein Faible für die Transportmethoden: In Surfbrettern, in Kuscheltieren, selbst in Märchenbüchern haben die Angeklagten die Drogen ins Land gebracht. „Das muss man sich mal vorstellen.“ Andere sammeln Briefmarken, Engel sammelt Arten, Drogen zu schmuggeln.

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