https://www.faz.net/-gzg-a2hus

Tödliche Attacke auf Jungen : Eine unvorstellbare Tat

Gleis 7: Mit Blumen und Kuscheltieren bekundeten Menschen ihr Beileid im vergangenen Jahr. Bild: dpa

Am Landgericht Frankfurt hat der Prozess um die tödliche Attacke auf einen acht Jahre alten Jungen am Hauptbahnhof begonnen. Der Angeklagte schweigt, der Vater des Jungen nicht.

          3 Min.

          Es ist kurz nach 15 Uhr, als Leos Vater sein Wort an den Mann im Zeugenstuhl richtet. Eigentlich ist dessen Vernehmung schon beendet. Da schaltet der Vater sein Mikrofon ein und räuspert sich. „Ich würde gern noch etwas sagen.“ Ein paar Sekunden verstreichen, bis es ihm gelingt, zu sprechen. „Die Mutter möchte, dass ich Ihnen danke sage. Dafür, dass Sie so beherzt waren und sie da rausgeholt haben und sich gekümmert haben, als keiner da war.“ Der Gerichtssaal, voll von Menschen, verstummt. Niemand sagt einen Ton. Nur der Mann im Zeugenstuhl reagiert: „Danke.“ Er versucht, gute Worte zurückzugeben. Aber was sagt man einem Vater und einer Mutter, die ihr Kind verloren haben, weil es jemand vor einen Zug geschubst hat?

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Zeuge ist der Mann, der am 29. Juli 2019 der Mutter des acht Jahre alten Leo half, aus dem Gleis zu steigen, in das sie zuvor ebenfalls gestoßen worden war. Sie überlebte wohl, weil der Stoß so heftig war, dass sie weit genug flog, um sich gerade noch vor dem einfahrenden ICE wegzurollen. Ihr Sohn schaffte das nicht. Als der Mann ihr aus dem Gleisbett half, wusste sie davon noch nichts. „Warum macht jemand so was?“ sagte sie. Und: „Was ist mit meinem Kind?“ So behutsam wie möglich ging der Mann mit ihr zu einer Bank, darauf bedacht, bloß nicht zu nahe an den Tatort zu gehen. Er war da, als sie realisierte, was geschehen war. Hielt ihr Schreien aus und hielt sie im Arm, bis die Sanitäter kamen.

          Die tödliche Attacke auf Gleis 7 ist eine Tragödie. Schon der erste Tag des Prozesses, der die Tat aufklären und einordnen soll, zeigt, wie viele Menschen sie für immer geprägt hat. Der Zeuge, der der Mutter half, ist aus Frankfurt weggezogen. Ein anderer, der sah, wie der Junge vom Zug überrollt wurde, und als Erster den Notruf wählte, kann heute kaum ertragen, wenn Angehörige einen Bahnsteig betreten. Die ältere Dame, die der Beschuldigte nach der Mutter und dem Sohn auch noch attackierte, ist in Therapie und kann wegen der durch ihren Sturz erlittenen Verletzungen den rechten Arm nicht mehr richtig bewegen. Und dann sind da die Eltern. Beide sind Nebenkläger. Der Vater ist im Gericht, die Mutter nicht. Am Rand des Prozesses erklärt einer ihrer Anwälte, warum. Die Mutter sei in einem tiefen Tal, sagt er. Noch immer mache sie sich Vorwürfe. „Deshalb hat der Vater den schweren Gang auf sich genommen, um dem Mann ins Auge zu blicken, der seinen Sohn getötet hat.“

          Spontantat oder nicht?

          Mehrere Fragen stellt der Vater dann auch am ersten Prozesstag selbst. Sie richten sich an den psychiatrischen Sachverständigen, der mit dem Beschuldigten mehrere Gespräche geführt und ein vorläufiges Gutachten erstellt hat, demzufolge der 41 Jahre alte Habte A. zur Tatzeit an einer schizophrenen Psychose in akuter Form litt. Der Eritreer, der seit mehr als zehn Jahren als anerkannter Flüchtling mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz lebte, wäre damit schuldunfähig. Er hätte Mutter und Sohn nicht bewusst attackiert und könnte dafür auch keine Freiheitsstrafe bekommen, sondern würde zum Schutz der Allgemeinheit in der Psychiatrie untergebracht. Nun gibt es aber Videoaufnahmen und Zeugenaussagen, denen zufolge A., der selbst drei Kinder hat, vor der Tat am Bahnsteig hinter einem Pfeiler stand und das Geschehen beobachtete. Außerdem ist zu sehen, wie er durch Menschenansammlungen geht – bei dem psychiatrischen Sachverständigen hatte er jedoch angegeben, davor massive Angst zu haben. Solche Widersprüche wird der Prozess klären müssen. Es geht um die Frage, in welchem Zustand A. sich befand und wie er auf seine Opfer kam. War es eine Spontantat? Oder nutzte er die Arg- und Wehrlosigkeit von Mutter und Sohn aus? Sollte sich Letzteres herausstellen, zieht das Gericht auch eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht – trotzdem unter der Maßgabe, dass A. im Zustand der Schuldunfähigkeit handelte.

          „Alles muss sich so zugetragen haben“

          Der Beschuldigte selbst schweigt am Mittwoch. Er will sich weder zu seiner Biographie noch zur Tat einlassen. Doch die Schilderungen des Sachverständigen aus den gemeinsamen Gesprächen geben Einblicke. Habte A. erzählte dort, er habe seit November 2018 psychische Probleme gehabt. Er habe sich von Menschen um ihn herum verfolgt und kontrolliert gefühlt. Er habe eine Stimme gehört, die ihm Befehle erteilt und ihn bedroht habe. Er sei sich sicher gewesen, dass ein „Ring“ es auf ihn und seine Familie abgesehen habe. Davor sei er mehrfach ins Ausland geflüchtet, wenige Tage vor der Tat zum zweiten Mal nach Frankfurt. An die Tat selber habe er keine Erinnerung, soll Habte A. gesagt haben, sie aber als „größten Fehler meines Lebens“ bezeichnet haben.

          Sein Verteidiger gibt am Mittwoch eine kurze Erklärung für ihn ab: „Ich war sehr schwer krank. Alles muss sich so zugetragen haben. Es tut mir unendlich leid, vor allem für die Familie des achtjährigen Jungen.“ Der Prozess wird fortgesetzt

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

          Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

          Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.
          Gespenstisch: New York City in Dunkelheit, nur ein paar Generatoren sorgen für Licht.

          Was tun bei Stromausfall? : Tote Dose

          Die Steckdose als Schwarzes Loch – nichts kommt heraus. Gegen den Blackout kann ein Stromaggregat helfen. Aber wohin damit, welche Leistung wird gebraucht, und mit welchem Treibstoff soll es betrieben werden?

          „Deutschland spricht“ : Wo sich ein Grüner und ein AfDler einig sind

          Robert Gödel ist AfD-Mitglied, Yannick Werner bei den Grünen. Beide wollen bei der Aktion „Deutschland spricht“ dem politischen Gegner den Schrecken vor der eigenen Position nehmen – und entdecken dabei einige Gemeinsamkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.