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Prozess wegen versuchten Morde : „Es war eigentlich keine Absicht“

  • -Aktualisiert am

Justitia wird richten: Der Mann war auf Drogenentzug und hatte Methadon genommen. Bild: dpa

Wegen versuchten Mordes hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt einen 44 Jahre alten Mann angeklagt. Mit einer Schere hatte er nach einem Beinahe-Unfall auf einen anderen Fahrer eingestochen. Die will er zufällig dabei gehabt haben.

          Wer sich einen Klischee-Italiener vorstellt, der muss Enoc M. im Kopf haben. Einen kleinen Charismatiker mit Kugelbauch, der selbstverständlich auch bei diesen Temperaturen Lederjacke und Hemd offen trägt. Und wenn man Italienern nachsagt, sie seien leicht zu erhitzen, dann übertreibt Enoc M. damit gerne, mit Vorliebe im Straßenverkehr. So hat der 44 Jahre alte Mann schon einen Taxifahrer zusammengeschlagen, jemanden mit seinem Helm (Vespa!) verprügelt und einen anderen mit einer Schusswaffe bedroht.

          Bei dieser Vita erstaunt es, dass er im Juli des vergangenen Jahres überhaupt noch mit dem Segen der Führerscheinbehörde seinen Dacia in die Hugenottenstraße in Friedrichsdorf lenken durfte. Nur um dort aus einer alltäglichen Situation heraus abermals eine Handgreiflichkeit anzuzetteln, bei der sein Opfer offenbar nur durch Glück nicht lebensgefährlich verletzt wurde.

          Zunächst beschimpfen sich die Männer

          So sieht es jedenfalls die Staatsanwaltschaft, die Enoc M. vor dem Landgericht Frankfurt wegen versuchten Mordes angeklagt hat. Und wenn der Italiener ehrlich ist, dann sieht er es auch so. „Mir tut mein Verhalten unendlich leid“, ließ der Angeklagte durch seinen Anwalt ausrichten. Als er dann selbst an der Reihe war, klang das ein bisschen anders, eher nach: Ich habe mich provozieren lassen, und das war falsch, der andere kann aber auch echt nicht Auto fahren.

          Passiert ist Folgendes: Enoc M. fuhr mit seiner hochschwangeren Frau auf dem Beifahrersitz zum Arzt, als er einen mit Warnblinker auf seiner Spur stehenden Bus überholen wollte. Kurz vor ihm scherte ein anderer Fahrer aus. Völlig überraschend, wie der Angeklagte behauptet. Er habe so stark bremsen müssen, dass seine Frau schmerzhaft in den Gurt gedrückt worden sei. Die beiden Männer beschimpften sich zunächst, dann stiegen sie aus. Enoc M. nahm eine mit Mull umwickelte Schere mit und stach laut Anklage unvermittelt zweimal auf die Brust seines Kontrahenten ein.

          Nach dem Streit soll der Täter das Opfer beinahe umgefahren haben

          Das ist der Teil, den die Staatsanwaltschaft für versuchten Mord hält. Das Opfer habe mit dem Angriff auf sein Leben, der glücklicherweise am Brustbein endete und nur zu einer leichten Verletzung führte, nicht rechnen können. Der Angeklagte sagt, es habe erst ein Handgemenge gegeben, dann habe er, offenbar, vielleicht, wahrscheinlich, zugestochen. „Es war eigentlich keine Absicht.“ Nach der Attacke soll Enoc M. sein Opfer dann noch beinahe umgefahren haben. Warum er die Schere zum Streit mitgenommen habe, wisse er nicht, es sei verrückt. Er will das Stechwerkzeug für seine Arbeit als Reinigungskraft im Krankenhaus zum Paketmesser umfunktioniert und zufällig dabeigehabt haben. Keinesfalls habe er vorgehabt, jemanden weh zu tun. Nach der Flucht hatte er auch bald reumütig bei der Polizei angerufen.

          Das Landgericht will noch zwei Tage weiterverhandeln. Enoc M. hatte am Tattag Methadon genommen, er steckte in einem Entzugsprogramm. Freiwillig, wie er sagt, denn es müsse irgendwann Schluss sein mit den Drogen. An frühere Gewaltausbrüche im Straßenverkehr kann er sich nach seinen Worten nicht erinnern.

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