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Prozess wegen Falschaussage : Konsequent widersprüchlich

  • -Aktualisiert am

Maskiert: Hinter Papieren und einer Perücke verbirgt sich die Angeklagte vor dem Prozessbeginn in Darmstadt. Bild: dpa

Im Prozess gegen eine Lehrerin, die einen Kollegen zu Unrecht ins Gefängnis gebracht haben soll, bleibt die Angeklagte bei ihrer Geschichte.

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          Die 48 Jahre alte Gymnasiallehrerin Heidi K. aus dem niedersächsischen Rothenfeld hat am Donnerstag vor dem Landgericht Darmstadt die Vorwürfe wiederholt, mit denen sie ihren einstigen Kollegen Horst Arnold vor mehr als zehn Jahren zu Unrecht ins Gefängnis gebracht haben soll. Sie habe die Tat „noch sehr präsent“ im Gedächtnis, sagte K.: Arnold habe sie vergewaltigt, am 28.August 2001 während einer großen Pause in einem Biologie-Vorbereitungsraum der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim.

          Am 24. Juni 2002 wurde der Gymnasiallehrer deshalb von der 12.Großen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Weil er nie aufgehört hatte, seine Unschuld zu beteuern, galt er als uneinsichtig und musste die Strafe bis auf den letzten Tag verbüßen. Ein Wiederaufnahmeverfahren verhalf ihm dann zu dem, was gemeinhin lupenreiner Freispruch genannt wird: Arnold sei „nachweislich unschuldig“, befand das zuständige Gericht in Kassel im Juli 2011. Elf Monate später starb er, erst 53 Jahre alt, an Herzversagen.

          „Die haben ihn im Regen stehen lassen“

          Heidi K. muss sich jetzt wegen schwerer Freiheitsberaubung vor Gericht verantworten. Gewissermaßen stellvertretend für Horst Arnold verfolgten gestern Familienangehörige den Prozess. „Wir haben immer an seine Unschuld geglaubt“, sagte sein sechs Jahre jüngerer Bruder Steffen in einer Verhandlungspause. Dem Land Hessen warf er vor, dass Horst Arnold auch nach seiner Rehabilitierung beruflich nicht wieder habe Fuß fassen können: „Die haben ihn im Regen stehenlassen.“

          Die Angeklagte aber hielt an ihren Beschuldigungen fest, mehr noch: Diverse Therapien hätten ihr bewusst gemacht, so K., „dass ich Gewalttaten anziehe“. Auch in ihren drei Ehen sei das so gewesen: „Immer das gleiche Muster der Opferrolle.“ Von vielen Stationen und Begebenheiten ihres Lebens berichtete die mittlerweile mit halbierten Bezügen vom Dienst suspendierte Lehrerin für Biologie und Deutsch ausführlich und detailreich, verwickelte sich auf Nachfragen aber oft in Widersprüche. Vieles passte dann nicht zusammen, besonders wenn es um Arnold und dessen angebliche Taten ging. Allein schon die Abläufe und Vorgehensweise bei der angeblichen Vergewaltigung: Mal hieß es, Arnold habe sie im Biologie-Vorbereitungsraum angesprochen - „er werde es mir zeigen“ -, mal ist er angeblich unvermittelt von hinten an sie herangetreten.

          „Wenn du was sagst, bist du tot“

          Hatte K. bei der Polizei angegeben, Arnold habe sie mit dem linken Arm in den Schwitzkasten genommen und ihr mit der Hand den Mund zugehalten, um sie dann anal zu vergewaltigen, war gestern von Schwitzkasten keine Rede, sondern „nur“ noch von Boxen und Treten. Auch daran, dass ihr Arnold bei der Tat angeblich mit dem Ellenbogen die Luft abgedrückt hat, kann sie sich offenbar nur hin und wieder erinnern.

          Umso ausführlicher berichtete die Angeklagte, mit welchen Worten ihr Arnold während der Vergewaltigung oder auch danach angeblich gedroht hat, um sie zum Schweigen zu bringen: „Wenn du was sagst, bis du tot und dein Sohn auch.“ Daneben habe er mit seinen guten Beziehungen zur Kripo in Erbach, zum Landrat und zum Schulamt und mit seinem einflussreichen Vater geprahlt. Und damit, dass er schon öfter „so was gemacht“ habe und nie dafür belangt worden sei.

          K. bleibt dabei

          Auf den Gedanken, irgendwelche Beweise für die Tat zu sichern, ist die Angeklagte nach ihren Schilderungen wegen der Drohungen überhaupt nicht gekommen. Den zerrissenen Slip und andere Unterwäsche will sie zum Beispiel entsorgt haben. Erst auf Zureden des Schulleiters und von Kolleginnen hin will sie Arnold dann eine Woche später bei der Polizei angezeigt haben. „Sie wissen ja, dass Herr Arnold die Vorwürfe immer bestritten hat“, hielt Richterin Barbara Bunk der Angeklagten vor und erinnerte sie an eine offenkundig falsche Anzeige bei der Polizei über eine Begegnung mit dem angeblichen Vergewaltiger auf dem Erbacher Marktplatz. Arnold soll ihr dort gedroht haben: „Ich krieg dich noch, wenn du nicht mehr damit rechnest.“ Tatsächlich saß er zu der Zeit nachweislich schon in Untersuchungshaft.

          Doch K. blieb auch gestern dabei: „Ich kann nur sagen, dass dieser Mann genauso aussah.“ Nach der Tat wechselte K. auf eigenen Wunsch, wie sie sagte, mehrfach die Schulen - und geriet offenbar immer wieder in die Opferrolle. Nirgendwo sei sie mit offenen Armen empfangen worden, man habe sie gemobbt und ihren Unterricht boykottiert. In Ober-Ramstadt gar sollen Kollegen versucht haben, sie mit Antidepressiva zu vergiften: „Meine Pulsfrequenz war ziemlich reduziert, und ich wurde ganz schlapp.“

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