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Polizeianwärter vor Gericht : Prozess um versuchte Gefangenenbefreiung

  • Aktualisiert am

Berufswunsch dem Aus: Prozess gegen einen ehemaligen Polizeianwärter. Bild: dpa

Aus Sorge um seine Freundin verschafft sich ein Polizeianwärter Zugang zu einem Polizeikessel. Er ist nicht im Einsatz und will Bekannte mit seinem Dienstausweis befreien – das hatte nun Folgen.

          Er wollte unbedingt Polizist werden. Seine Karriere hat sich ein 22 Jahre alter Mann selbst verbaut. Nach Krawallen am Rande des Schlossgrabenfestes in Darmstadt ist ein früherer Polizeianwärter vom Amtsgericht am Dienstag wegen versuchter Gefangenenbefreiung und Amtsanmaßung verwarnt worden. Wird er binnen einer Bewährungsfrist von einem Jahr erneut auffällig, muss er eine Geldstrafe zahlen. Der junge Mann versuchte Anfang Juni 2018 mit Dienstausweis und Codewort für den laufenden Einsatz, seine Freundin und Bekannte aus einem Polizeikessel zu befreien, obwohl er gar nicht im Dienst war. (Az: 500 Js 42684/18)

          „Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe“, sagte der Verurteilte, der sich bei seinem Schlusswort die Tränen aus den Augen wischte. „Ich habe dadurch meinen Job verloren, für den ich gekämpft habe.“ Nach den Worten seines Anwalts droht dem jungen Mann noch, dass das Land auch noch seine Bezüge zurückfordert - insgesamt 36.000 Euro. Das Land habe dies schon angekündigt.

          Streit beim Schlossgrabenfest

          Am Rande des Schlossgrabenfests war es nachts zu Ausschreitungen gekommen. Nach Darstellung der Polizei wurden Beamte von einer Menge angegriffen und unter anderem mit Flaschen und Steinen beworfen. Weil die Situation zwischenzeitlich unübersichtlich war, kesselte die Polizei nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 50 Personen ein. Darunter auch die Freundin und Bekannte des damaligen Polizeianwärters. Seine Freundin habe ihn angerufen und gesagt, dass Flaschen fliegen, sagte der Anwalt. „Sie hat gesagt, dass sie Angst hat.“ Daraufhin sei sein Mandant wieder hingefahren und habe sich mit seinen Dienstausweis und dem über einen Kollegen bekommenen Codewort Zugang zu dem Kessel verschafft.

          Er sei ein junger Mann, der bislang eigentlich ordentlich durchs Leben ging, sagte Richter Bruno Beil. Es sei durchaus nachvollziehbar, dass er nach dem Anruf seiner Freundin aus Sorge hingefahren und auch in den Kessel gegangenen sei. Dafür hätte ihn wohl vermutlich auch niemand aus dem Polizeidienst entlassen. Aber dass er dann versucht habe, zusammen mit seiner Freundin und Bekannten wieder aus dem Kessel herauszukommen. „So jemand kann nicht im Polizeidienst bleiben“, sagte Beil. Er als angehender Polizist hätte die Situation einschätzen können.

          Gefangenenbefreiung und Amtsanmaßung

          Das Gericht sah ihn am Dienstag der versuchten Gefangenenbefreiung und Amtsanmaßung für schuldig an. Strafmildernd sei allerdings das volle Geständnis des Mannes sowie die Tatsache, dass er aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist. „Sie sind bestraft genug“, sagte Beil bei der Urteilsbegründung.

          Sollte der 22 Jahre alte Mann binnen eines Jahres Bewährung straffällig werden, wird eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen je zehn Euro wirksam. Die Verteidigung hatte auf eine Verwarnung plädiert, die Staatsanwaltschaft auf eine Geldstrafe. Beide legen aber keine Rechtsmittel ein, womit das Urteil rechtskräftig ist.

          Nach den Attacken auf die Polizisten leitete die Staatsanwaltschaft mehr als 150 Verfahren ein. In rund 30 Verfahren wurde Anklage wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, versuchter gefährlicher Körperverletzung und schweren Landfriedensbruchs erhoben. Ein erstes Urteil war Mitte April gesprochen worden. Wegen seiner Beteiligung an der Randale war ein 19 Jahre alter Mann zu zwei Wochen Jugendarrest, 1500 Euro Geldbuße und einem Antiaggressionstraining verurteilt worden.

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