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Jesiden-Prozess in Frankfurt : Der Schmerz der Mutter

Der Angeklagte Taha Al-J. am ersten Prozesstag. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Angeklagte soll sie als Sklavin gekauft und ihre fünfjährige Tochter auf brutale Weise ermordet haben: Im Prozess um die Verbrechen des IS an den Jesiden sagt die Kronzeugin in Frankfurt aus.

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          Die Zeugin braucht nicht lange in Richtung des Mannes im roten T-Shirt zu schauen. „Kennen Sie ihn?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Ja.“ „Wer ist das?“ „Abu Muawia.“ Auch später, als der Vorsitzende noch mal nachfragt und sie bittet, genau hinzusehen, bleibt sie dabei: Er ist es. Der Mörder ihrer Tochter. Der Mann, den die Zeugin als Abu Muawia zu erkennen meint, heißt Taha Al-J. Er ist Iraker und von der Bundesanwaltschaft angeklagt, als IS-Anhänger 2015 die Zeugin und deren fünf Jahre alte Tochter auf einem Sklavenmarkt gekauft zu haben.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eines Tages soll er das kleine jesidische Mädchen zur Strafe in der sengenden Sonne an ein Fenster gekettet haben, bis sie verdurstete. Al-J. ist der Ehemann der deutschen IS-Anhängerin Jennifer W., ihr wird wegen derselben Ereignisse seit Monaten der Prozess am Oberlandesgericht München gemacht. Das Pendant in Frankfurt hat besondere Bedeutung: Zum ersten Mal könnte vor einem rechtsstaatlichen Gericht ein Vertreter der Terrororganisation stellvertretend für das erklärte Ziel des IS verurteilt werden, das Volk der Jesiden zu vernichten.

          Die Zeugin, die am Freitag das erste Mal vor Gericht erscheint, ist eine Schlüsselzeugin. 48 Jahre alt, eine junge Stimme, aber ein Gesicht und ein gebeugter Körper, denen man ansieht, was sie zu erleiden hatte. Wenn sie von ihrer Tochter spricht, nennt sie nicht deren jesidischen Namen. Sie bezeichnet sie als „Rania“ – so benannten die Sklavenhalter die Fünfjährige um, weil ihr eigentlicher Name der einer Ungläubigen sei. Im Kopf der Mutter hat sich das eingeprägt. Es ist ein kleines Wunder, dass die Ermittler an ihre Aussage kamen. Zufällig hörte 2018 eine Mitarbeiterin der Organisation „Yazda“, dass in Deutschland eine Anklage erhoben wurde, in der es um den Tod eines Mädchens in der Sonne geht. Ihr fiel auf, dass ihr erst kürzlich im Irak eine Frau genau diese Geschichte erzählt hatte. Die Anwälte der Organisation meldeten sich bei der Bundesanwaltschaft.

          Nein, die Füße hingen in der Luft

          Viele Tage lang hat die Zeugin seitdem von ihrer Zeit beim IS und dem Tod der Tochter erzählt. Sie ist mehrfach von den Ermittlern vernommen worden. Im Prozess gegen Jennifer W. musste sie elfmal erscheinen, bis alle Fragen beantwortet waren. Und nun auch noch Frankfurt. Das Gericht hat drei Tage für die Vernehmung angesetzt. Ob das reicht, ist nicht abzusehen. Dass die Befragung unangenehm und kompliziert wird, wie es schon in München war, zeichnet sich ab. Schon am Freitag erfragen die Richter Details, die die Zeugin zum Weinen bringen. Wie genau hat Abu Muawia das Mädchen ans Fenster gefesselt? Die Mutter macht es mit erhobenen Händen nach. Konnte sie noch selber stehen? Nein, die Füße hingen in der Luft. Wie lange hing sie da? Länger als eine halbe Stunde. Viele Fragen versteht die Zeugin auf Anhieb nicht. Mühsam tastet sich der Vorsitzende mit Hilfe mit der Dolmetscherin voran. Er muss es genau wissen, am Ende kommt es auf Details an. Zum Beispiel darauf, ob Abu Muawia dem Kind wirklich Wasser geben wollte, nachdem er es losgekettet hatte; so stellt die Zeugin es dar. Oder darauf, ob das Kind da noch lebte, wie steif der Körper, wie verkrampft der Kiefer war, was Zeichen für ihren Tod sein könnten.

          Die Zeugin sagt außerdem, dass Abu Muawia das Kind ins Krankenhaus gebracht habe und dann verschwunden sei. IS-Polizisten seien Tage später gekommen und hätten ihr gesagt, das Kind sei tot. Abu Muawia werde dafür bestraft. Der Angeklagte sagt zu alldem nichts. Aber sein Auftreten signalisierte vom ersten Prozesstag an, dass er auf seiner Unschuld besteht. Auch am Freitag schreibt er viel mit und diskutiert in Verhandlungspausen mit seinen Verteidigern. Als die Zeugin angibt, ihn zu erkennen, reagiert er entgeistert.

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