https://www.faz.net/-gzg-8ymc5

Prozess gegen Rapperin : „Schwesta Ewa“ legt Teilgeständnis ab

  • -Aktualisiert am

„Schwesta Ewa“, bürgerlich Ewa Malanda, am 8. Juni vor Gericht Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt legt ihr Zuhälterei, Menschenhandel, Körperverletzung und Steuerhinterziehung zur Last. Einen Teil davon hat „Schwesta Ewa“ vor Gericht eingestanden.

          3 Min.

          Der Saal I des Landgerichts Frankfurt ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und wer zu spät kommt, wird abgewiesen. Das überwiegend junge Publikum will Ewa Malanda sehen, die unter ihrem Künstlernamen Schwesta Ewa bekannt ist. Malanda ist als Rapperin öffentliche Auftritte gewohnt, allerdings finden die normalerweise in Clubs und in Begleitung leicht bekleideter Tänzerinnen statt. Als Schwesta Ewa rappt die Zweiunddreißigjährige über käuflichen Sex, Rauschgift und Gewalt – alles Themen, mit denen sie sich dank ihres Lebens im Rotlichtmilieu gut auskennt. Zehn Jahre lang arbeitete sie im Frankfurter Bahnhofsviertel als Prostituierte, bis sie sich als Musikerin versuchte. Jetzt muss sie sich wegen Menschenhandels, Zuhälterei und Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten.

          Ewa Malanda erscheint fast bieder zur Verhandlung, ohne Make-Up, mit hochgeschlossenem blassrosa Polohemd und nachtblauem Cardigan. Als sie zwischen ihren drei Verteidigern sitzt, dreht sie sich demonstrativ zur Kammer und kehrt dem Publikum den Rücken zu. Dass sie als Zuhälterin Geld verdiente, ist an sich nichts Neues. Bei Youtube finden sich zahlreiche Interviews, in denen sie ausführlich über ihre Vergangenheit im Rotlichtmilieu spricht und behauptet, schon mit 17 Jahren andere Mädchen auf den Strich geschickt zu haben. Nach dem Beginn ihrer bescheidenen Karriere als Rapperin aber hat sie anscheinend die Musik und das Rotlichtmilieu miteinander verbunden: Laut Anklageschrift nutzte sie die Bekanntheit, die sie über Internetmedien erlangte, um teilweise minderjährige weibliche Fans anzuwerben und in ganz Deutschland zur Prostitution zu zwingen.

          Verziert: Eine Hand von „Schwesta Ewa“
          Verziert: Eine Hand von „Schwesta Ewa“ : Bild: dpa

          Die Künstlerin, so sieht es die Staatsanwaltschaft, habe über ihre Facebook-Seite Kontakt zu „sehr jungen, unreifen, leicht zu beeindruckenden Mädchen mit begrenzter Bildung“ gesucht, die „aus schwierigen familiären und wirtschaftlichen Verhältnissen“ stammten. Sie habe die Frauen finanziell abhängig gemacht, indem sie ihnen Geld etwa für Schönheitsoperationen vorgestreckt und später verlangt habe, die Schulden durch Prostitution abzuarbeiten. Wenn die Frauen nicht gehorcht hätten, habe die Rapperin sie mit Schlägen gefügig gemacht.

          „Reden Sie ruhig lauter, Sie sind das ja gewohnt“

          Als Malanda zu den Vorwürfen und zu ihren persönlichen Verhältnissen Stellung nimmt, spricht sie leise, fast schüchtern. „Reden Sie ruhig lauter, Sie sind das ja gewohnt“, fordert der Vorsitzende Richter sie auf. Malanda, die nicht vorbestraft ist, erwidert: „Diese Situation hier ist für mich neu.“ Sie präsentiert eine Kurzversion ihrer Lebensgeschichte, die sie schon oft erzählt hat: Geboren wurde sie im polnischen Koszalin (Köslin). Mit drei Jahren wanderte sie zusammen mit der Mutter nach Deutschland aus, nachdem ihr Vater wegen fünffachen Mordes verurteilt worden war. Als Kind lebte sie in Frauenhäusern und Asylantenheimen. Geld war immer knapp, deshalb stahl sie Lebensmittel und fischte Winterjacken aus Altkleidercontainern. Gewalt war an der Tagesordnung, ihre Mutter verprügelte sie regelmäßig mit Gürtel und Rohrstock. Um der Armut zu entkommen, begann Malanda als Achtzehnjährige, auf dem Straßenstrich und in Bordellen zu arbeiten.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Als sie angefangen habe, Musik zu machen, habe sie keine Zeit mehr für die Prostitution gehabt, sagt die Angeklagte vor Gericht. Nach ihrer Darstellung boten die Frauen, die im Prozess als Nebenklägerinnen auftreten, zunächst selbständig sexuelle Dienstleistungen an und gingen später auf eigenen Wunsch für Malanda anschaffen. „Die haben nicht so gut verdient alleine. Zusammen haben wir ein bisschen auf Abzocke gearbeitet.“ Die Rapperin kümmerte sich um die Organisation und schaltete für jede Prostituierte mehrere gebührenpflichtige Profile auf einschlägigen Online-Portalen frei, um mehr Freier zu gewinnen. Sie vereinbarte Termine, handelte Preise aus und buchte Hotelzimmer. 50 Prozent ihrer Einnahmen mussten die Frauen dafür an sie abgeben.

          Mit Musik habe sie nicht viel verdient, sagt sie zur Begründung. „Ich kann doch das Geld nicht liegenlassen, das da so offen auf der Straße liegt.“ Zur Prostitution will sie die Frauen zwar nicht gezwungen haben. Die Schläge aber gesteht sie vor Gericht: „Ich habe eben eine aggressive impulsive Art und habe ihnen wegen Kleinigkeiten Ohrfeigen gegeben, zum Beispiel, wenn ihre Haare fettig waren.“

          Ewa Malanda sitzt seit November in Untersuchungshaft. Das Gericht hat vier Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll am 20.Juni fallen.

          Weitere Themen

          Harte Reden, ruhige Demo

          100 Jahre Antifa : Harte Reden, ruhige Demo

          Wieder sind Tausende ins Gallus gekommen, um zu demonstrieren. Der Protest gegen den Polizeieinsatz am 1. Mai verläuft aber weitgehend friedlich.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.