https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/prozess-gegen-marvin-e-lehrling-soll-anschlaege-geplant-haben-18217147.html

Lehrling unter Terrorverdacht : Stahlkugeln und Zündschnüre aus dem Internet

Der Angeklagte Marvin E. (Mitte) kommt in Begleitung von Justizbeamten zum Prozessauftakt in den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts Frankfurt. Bild: dpa

Seit Dienstag steht der Schreinerlehrling Marvin E. vor Gericht. Er soll versucht haben, eine rechtsextreme Organisation zu gründen, und Anschläge vorbereitet haben. Auch potentielle Ziele hatte er schon im Blick.

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          Der Mann, den die Wachtmeister am Morgen in den Verhandlungssaal führen, ist klein, blond und trägt die Kleidung der Justizvollzugsanstalt. Rotes Oberteil, graue Hose. Er nimmt zwischen seinen Verteidigern Platz, lässt die Maske auf, bis alle Kameras weg sind, dann nimmt er sie ab. Das Gesicht, das zum Vorschein kommt, ist jung: Marvin E. ist 20 Jahre alt, rechtlich gesehen kein Jugendlicher mehr, aber ein Heranwachsender. Der Vorsitzende Richter weist die Kameraleute und Fotografen deshalb darauf hin, dass sie ihn unkenntlich machen müssen.

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist das eine. Das andere ist die öffentliche Verhandlung: Ein Gericht kann die Öffentlichkeit ausschließen, wenn die Person auf der Anklagebank zum Tatzeitpunkt jünger als 21 war. In diesem Fall aber tun die Richter das nicht. Aufgrund der Bedeutung der Sache überwiege das „erhebliche“ Interesse der Allgemeinheit, sagen sie.

          E. steht vor dem Oberlandesgericht, weil er versucht haben soll, eine terroristische Organisation zu gründen. Damit soll er vorgehabt haben, Anschläge zu verüben. Er sei fest entschlossen gewesen, sagt die Bundesanwaltschaft, angetrieben von der Ideologie der rechtsextremistischen Organisation „Atomwaffen Division“, deren Anhänger wie mutmaßlich auch Marvin E. daran glauben, dass die weiße Bevölkerung systematisch verdrängt werde, und deren Ziel die Vorherrschaft der Weißen ist. Der nordhessische Schreinerlehrling E. aus Spangenberg soll sich dem Wahn verschrieben haben, durch Anschläge einer hessischen Terrorzelle Chaos zu stiften und das demokratische System zu destabilisieren, um sein Ziel zu erreichen: eine rechtsex­tremistische Herrschaftsform. Juden, Muslime, Migranten, Repräsentanten des Staates sollten dafür ermordet werden.

          Was die Ankläger zum Beweis dessen zusammengetragen haben, verlesen sie am Dienstag: Im Juli 2021 habe E. beschlossen, einen hessischen Ableger der „Atomwaffen Division“ zu gründen, habe dafür ein Instagram-Profil und Mail­adressen angelegt und ein Programm aufgesetzt, in dem er ausführte, wie er innerhalb von drei Jahren einen „Rassen- und Bürgerkrieg“ entfachen will. Er habe Social Media unterwandern wollen, um Hass zu erzeugen, und sich vorgestellt, dass fünf bis zehn Personen mit ihm an der Spitze ausreichend seien, um seine Ziele zu verwirklichen. Die Mitglieder sollten, so seine angebliche Idee, Erfahrung mit Waffen und Pyrotechnik haben. Mit potentiellen Kandidaten habe er sich anfreunden wollen und erst mit der Zeit „mit der Indoktrination beginnen“.

          Bei einem ehemaligen Klassenkameraden von der Berufsschule, mit dem er schon mal rechtsextreme Inhalte ausgetauscht hatte, fühlte E. laut Bundesanwaltschaft vor. Schickte Bilder und Videos mit Bezug zur „Atomwaffen Division“ und fragte, ob er dem hessischen Ableger beitreten wolle. „Ja, o. k.“, habe der andere geantwortet. In einem anderen Chat, „AWD Deutschland“, habe E. geklagt, man komme schwer an Waffen. In Kassel habe er eine Propaganda-Aktion geplant, sich im Netz nach dem G3-Sturmgewehr erkundigt. Begehen wollte er die Anschläge laut Anklage mit Sprengsätzen, deren Teile er per Amazon bestellte: Stahlkugeln, Zündschnüre, Magnesium- und Schwefelpulver und so weiter. Mindestens 15 große Sprengkörper habe er hergestellt, am größten einen Fernzünder angebracht. Die Sprengwirkung habe er mit einem Zeugen getestet – sie sei nur unwesentlich geringer als bei militärischem Sprengstoff, sagt die Bundesanwaltschaft.

          Und: Dass es nicht zu einem Anschlag kam, sei der Tatsache zu verdanken, dass der junge Mann Mitte September 2021 festgenommen wurde. Da habe er schon potentielle Anschlagsziele im Netz gesucht: Schulen in Kassel und Essen, einen Grundriss des Bundestags.

          Der Prozess ist bis November terminiert. Am nächsten Verhandlungstag will E. sich zu den Vorwürfen äußern.

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