https://www.faz.net/-gzg-ac1n0

Prozess gegen Franco A. : Ein erfundenes Leben

Erzähler: Franco A. (links), hier im Gespräch mit seinem Verteidiger. Bild: Lucas Bäuml

Am Oberlandesgericht Frankfurt erzählt Franco A., wie er sich eine Existenz als Flüchtling aufbaute und trotzdem weiter als Oberleutnant bei der Bundeswehr arbeitete. Und wie war das mit der Waffe?

          3 Min.

          Der Tag, an dessen Ende der Vorsitzende Richter enttäuscht und ein bisschen müde wirken wird, beginnt mit einer Reue-Bekundung. „Ich brach Recht“, sagt Franco A. und zählt auf, was er damit meint. Dass er einen Asylantrag stellte, obwohl er gar kein Flüchtling war. Dass er eine Waffe besaß, die er nicht hätte besitzen dürfen. Dass er Menschen etwas vorspielte. Es tue ihm leid, sagt A. „Es war nie meine Absicht, einem Menschen Leid zuzufügen.“

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Bundesanwaltschaft, die dem 32 Jahre alten Oberleutnant der Bundeswehr aus Offenbach angeklagt hat, ist überzeugt, dass er genau das wollte: Menschen schaden. Vor allem denen, die er als Mitverantwortliche für die Flüchtlingspolitik ausgemacht hatte. Die Strafverfolger sind zu dem Schluss gekommen, dass er Attentate verüben wollte, getarnt als Flüchtling, um die Bundesrepublik in die Krise zu stürzen. Juristisch heißt das: die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

          Entscheidendes verschweigt er

          Zu diesem Vorwurf sagt A. am zweiten Tag des Prozesses gegen ihn am Oberlandesgericht Frankfurt nichts. Auch was die Waffen angeht, wird er nicht konkreter. Der Staatsschutzsenat hatte sich in dieser Hinsicht mehr erhofft. Als der Verhandlungstag zu Ende ist, sagt der Vorsitzende Richter: „Wir werden jetzt eine große Beweisaufnahme machen. Das wird eine lange Hauptverhandlung.“

          In eines aber gibt Franco A. Einblicke, jedenfalls jene, die er geben möchte: in seine Gedankenwelt. Wie schon das „Opening Statement“ seiner Anwälte ist die Einlassung in großen Teilen eine politische Abhandlung. A. erzählt, wie er seit längerem mit politischen Entwicklungen unzufrieden gewesen sei, mit der Abschaffung der Wehrpflicht zum Beispiel, und dann im Herbst 2015 sein Vertrauen „erschüttert“ worden sei, als Hunderttausende Schutzsuchende in Deutschland um Asyl baten, in seinen Augen ein „offenkundiger“ Verstoß gegen die Interessen des Landes. „Und all das, obwohl kurz davor das Supergrundrecht auf Sicherheit beworben worden war.“

          An einer späteren Stelle seiner Einlassung zitiert er den Satz, Multikulti sei gescheitert, und fängt an, aus dem Wahlprogramm der Union zur Bundestagswahl 2005 zu zitieren, die in hartem Ton Zuwanderung als Sicherheitsrisiko beschreibt. Ausgerechnet diese Leute, will A. damit sagen, waren im Herbst 2015 in der Verantwortung.

          An dieser Stelle unterbricht ihn der Vorsitzende Richter. Er versucht ihm zu erklären, was der von zwei Verteidigern beratene Angeklagte eigentlich wissen müsste. Dass Sinn und Zweck einer Einlassung zunächst etwas anderes ist: Festzustellen, welche Vorwürfe ein Angeklagter einräumt, damit die Beweisaufnahme auf dieser Basis geführt werden kann. Über Motive könne man dann immer noch reden, sagt der Richter. Also beginnt Franco A. noch einmal von vorne.

          Basteln an der Legende

          Er erzählt, wie er in seinem Weihnachtsurlaub 2015 herumsaß, nichts vorhatte und zu dem Ergebnis kam, dass er sich nun selbst ein Bild machen wolle: „Wenn nicht jetzt, wann dann.“ Er beschreibt, dass er sich so anzog, „wie ich mir einen Flüchtling vorstellte“, sich das Gesicht verdunkelte und zur Unterkunft am Kaiserlei ging, um dort um Asyl zu bitten. Im Gespräch mit einem Sicherheitsmitarbeiter hatte er die Erkenntnis: Man muss nicht nur „Asyl“ sagen, damit das Verfahren beginnt.

          Sein Weg führte über die Offenbacher Polizei, die ihn mit zur Wache nahm. „Als die Tür hinter mir zuging, wusste ich, jetzt ist die Sache scharf geschaltet.“ Im Gang, erzählt A., habe eine Weltkarte gehangen. „Ich entschied mich, in Damaskus geboren zu sein.“ Zurück daheim, begann er, sich eine „möglichst glaubwürdige Legende“ zurechtzulegen. Heraus kam die Lebensgeschichte des französischstämmigen Syrers christlichen Glaubens, David Benjamin, mit den Eltern Pierre, Nura und dem Großvater Samuel, der dank des kleinen französischsprachigen Kosmos in Aleppo kein Arabisch brauchte und Landwirt war.

          Eines Nachts, auch das gehört zu der Geschichte, die A. im November 2016 erfolgreich dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg auftischte, sei der Islamische Staat gekommen, habe seinen Vater erschossen und den Hof zerstört. Deshalb sei er, geplagt von schlechtem Gewissen, über den Landweg bis nach Bayern geflüchtet.

          Doppelleben

          Von der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, wohin ihn die Offenbacher Polizei schickte, wurde A. nach Bayern gebracht. Erst in die Außenstelle des BAMF nach Zirndorf, wo er sich mit einem deutschen Satz beinahe verriet, dann nach Roth, wo er sich wunderte, dass es Bewegungsfreiheit statt eines Morgenappells gab. Mitte Januar 2016 kam er nach Kirchberg im Landkreis Erding. Von dort pendelte A., so erzählt er es, nach Offenbach und Illkirch im Elsass, wo er in einer deutsch-französischen Einheit stationiert war. Etwa einmal im Monat sei er in der Unterkunft gewesen, habe per SMS auf seinem eigens besorgten „Flüchtlingshandy“ Kontakt zu den Bewohnern gehalten, falls ein Termin per Brief kommen sollte. Einen Rucksack mit seinem „Flüchtlingsleben“ hatte er im Auto.

          Er habe festgestellt, sagt A., dass Flüchtlinge gar nicht in Lumpen herumliefen, sondern ganz normal. Da habe er es anfangs wohl übertrieben. Als der Vorsitzende Richter ihn fragt, wie lange er vorhatte weiterzumachen, sagt A.: Das bestmögliche Szenario sei gewesen, irgendwann eine Wohnung zu bekommen, vielleicht in München, um als Übersetzer arbeiten zu können – und dass die Person David Benjamin schließlich in den Akten nicht mehr aufgetaucht wäre.

          Am Ende des Verhandlungstages bleibt das Bild eines Mannes voller Widersprüche. Der bereit war, extreme Schritte zu unternehmen, weil er wegen des Zuzugs von Flüchtlingen die Existenz seines Landes bedroht sah, andererseits davon spricht, die Flüchtlinge seien „meine Brüder und Schwestern und nicht weniger ehrbar als meine Landsleute. Ich habe mit ihnen gelebt und an ihrem Leid teilgehabt.“ Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Machtdemonstration: Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge fährt auf einer Autobahn auf der Krim. .

          Russischer Aufmarsch : Die Ukraine ist von drei Seiten umstellt

          Westliche Dienste sehen mit Unruhe, wie Moskau immer mehr Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt – auch über Belarus und das Schwarze Meer. Mit ihren Waffen sind die Russen schon jetzt überlegen.