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Prozess gegen Bordell-Netzwerk : Transsexuelle berichtet über Leben als Zwangsprostituierte

  • Aktualisiert am

Zwangsprostitution: Ein Bordellbetreiber-Netzwerk soll Transsexuelle aus Thailand ausgebeutet haben. Bild: dpa

Erstmals in dem Prozess um ein bundesweites Bordellbetreiber-Netzwerk sagt eines der Opfer aus. Sie ist vermutlich als Sex-Sklavin gehalten worden.

          Als die Transsexuelle von ihrer Ausbeutung in Bordellen und den zerplatzen Träumen von einem besseren Leben in Deutschland berichtet, verliert sie die Fassung. Schluchzend wischt sich die Frau immer wieder Tränen aus den Augen. „Hierher zu kommen, war die letzte Hoffnung“, sagt die 25 Jahre alte Frau mit brüchiger Stimme. Sie schildert, wie sie im Jahr 2016 in diversen Etablissements im Bundesgebiet angeschafft hat. Von den Strippenziehern wurde sie ihren Worten zufolge abgezockt, bedroht und eingesperrt - wie eine Sex-Sklavin, die jeden Wunsch erfüllen müsse.

          Es ist am Donnerstag vor dem Landgericht Hanau der erste Auftritt von einer der beiden Nebenklägerinnen. Verhandelt wird der Prozess gegen fünf mutmaßliche Bordellbetreiber. Sie sollen Teil eines bundesweiten Prostitutionsrings mit Transsexuellen aus Thailand sein. Angeklagt sind vier thailändische Frauen und ein deutscher Mann im Alter zwischen 49 und 63 Jahren. Sie sollen mit weiteren Mittätern die Prostituierten per Flugzeug nach Deutschland eingeschleust haben. Unter anderen handelte es sich laut Anklage um Männer, die sich einer Geschlechtsumwandlung zur Frau unterzogen hatten.

          Vorgeworfen wird den Angeklagten unter anderem Zwangsprostitution, das Einschleusen von Ausländern, Ausbeutung von Prostituierten, Vorenthalten und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuerhinterziehung.

          Nach Gerichtsangaben handelt es sich um einen „transsexuellen Geschädigten“, der am Donnerstag in dem Prozess aussagt. Sie selbst bezeichnet sich als „Trans-Frau“. Mit männlichem Geschlecht geboren, wirkt sie mit ihren langen braunen Haaren, der gestreiften Bluse und den rot lackierten Fingernägeln sehr weiblich. Ihre Stimme wirkt für eine Frau tief.

          Ausbeutung und Einschüchterung

          Von einer Dolmetscherin übersetzt berichtet sie im Zeugenstand von ihrem Fall. Nach ihrem Flug nach München reiste sie demnach weiter nach Düsseldorf und von dort aus zu ihrem ersten Einsatzort in Siegen. Sie kam mit dem Ziel, in Deutschland als Prostituierte zu arbeiten, wie sie sagt. Mit dem Verdienst wollte sie ihre Mutter zu Hause unterstützen. In der Heimat habe die 25 Jahre alte Frau ihr Studium abgebrochen. Sie jobbte demnach als Tänzerin. In Deutschland sollte es besser werden. Doch dort wurde sie übel abgezockt, wie sie schildert.

          Den Großteil ihrer Einkünfte habe sie den Betreibern aushändigen müssen. Davon seien Schulden für die Einreise von 18.000 Euro sowie Kosten für Unterkunft und Verpflegung abgezogen worden. Sie gab an, sie habe mitunter rund um die Uhr für Sex zur Verfügung stehen müssen in ihrem Zimmer im Keller.

          Nach der Station in Siegen sei es weiter gegangen nach Hannover (Niedersachsen), Rastatt (Baden-Württemberg), Rodgau und Maintal (Hessen). Sie gab an, als Sex-Arbeiterin fast immer eingesperrt gewesen zu sein in den Häusern. Frische Luft zu schnappen vor der Tür sei nur mit einem Aufpasser erlaubt gewesen. Das Gelände habe sie nicht verlassen dürfen. Wenn sie nicht spurte, habe sie befürchtet, dass ihrer Mutter in Thailand etwas zustoßen könne. Die Flucht aus den Fängen der Bordell-Betreiber sei schwierig gewesen. Auch weil ihr Reisepass einbehalten worden sei. Zudem habe sie das Gefühl gehabt, ihre Familie nicht enttäuschen zu dürfen, wenn sie ohne Geld heim kommt.

          Paar als mutmaßliche Drahtzieher

          Im Sitzungssaal sagte die Frau, sie erkenne zwei der anwesenden fünf Angeklagten wieder. Es handelt sich um die Hauptbeschuldigten, die in der ersten Reihe auf der Hanauer Anklagebank sitzen. Der 63 Jahre alte Verdächtige und eine 60 Jahre alte Frau - ein ehemaliges, deutsch-thailändisches Paar aus Siegen. Es soll dort drei Bordelle betrieben haben. Die Sex-Arbeiterinnen wie die Nebenklägerin in Hanau seien im Rotationsverfahren an weitere Etablissements verteilt worden.

          Das Netzwerk flog bei einer Großrazzia auf. Am 18. April 2018 hatten mehr als 1500 Bundespolizisten insgesamt 62 Bordelle, Wohnungen und Büros in zwölf Bundesländern durchsucht. Die Schwerpunkte lagen in NRW (17 Objekte), Hessen (10), Niedersachsen (9) und Baden-Württemberg (9). Es war die bisher größte Durchsuchungsaktion in der Geschichte der Bundespolizei. Ausgelöst wurden die Ermittlungen im Juni 2016 nach einer Kontrolle dreier Prostituierter in Maintal (Main-Kinzig-Kreis).

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