https://www.faz.net/-gzg-9xboa

Prozess in Frankfurt : Alte Dame brutal ausgeraubt

Das Landgericht in Frankfurt hat einen 43 Jahre alten Mann zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt (Symbolbild). Bild: dpa

2018 wird eine Seniorin daheim überfallen und misshandelt. Der Täter wird zu sechs Jahren verurteilt, nun stehen auch die mutmaßlichen Drahtzieher vor Gericht. Eine davon stand wohl in einer besonderen Beziehung zum Opfer.

          3 Min.

          Der Vorsitzende Richter meint es gut, als er sich bei der alten Dame im Zeugenstuhl bedankt, noch bevor er ihr überhaupt eine Frage gestellt hat. „Es tut mir leid, dass Sie die ganze Geschichte nochmal erzählen müssen.“ Er weiß, dass sie das gesamte Prozedere, das gleich auf sie zukommt, schon einmal hinter sich gebracht hat. Als derselbe Fall verhandelt wurde, allerdings gegen einen Mittäter der beiden Menschen, die jetzt auf der Anklagebank sitzen. Er weiß auch, dass die Aussage für die Dame möglicherweise nicht leicht ist, denn sie ist das Opfer. Doch die Vierundsiebzigjährige ist gewappnet. „Ist schon in Ordnung“, sagt sie, und dann legt sie los. Ohne Zaudern und mit großer Bestimmtheit berichtet sie die ganze nächste Stunde, was ihr am Nachmittag des 4. Januar 2018 widerfahren ist.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie hatte gerade Biathlon geschaut und sich geärgert, dass Laura Dahlmeier verschossen hatte, das weiß sie noch ganz genau. Da klingelte es an ihrer Wohnungstür. Die Post sei da, hieß es vom Paketboten unten am Haus, er habe ein Päckchen für sie. Doch der Mann, der kurz darauf vor der Rentnerin stand, hatte anderes im Sinn. Er stieß sie zu Boden und prügelte sofort auf sie ein. „Sei still, sonst töte ich dich“, war seine Antwort auf ihre Hilfeschreie. Er fesselte sie an Händen und Füßen, wickelte ihr Klebeband um Kopf und Mund und zog sie ins Badezimmer. Während ihre Hand von dem viel zu fest gezogenen Kabelbinder langsam blau wurde, durchsuchte er die Wohnung. „Wo ist das Geld?“, wollte er mehrfach von ihr wissen. Die alte Dame, die ihre Todesangst und ihr rasendes Herzklopfen dank einer Atemübung beruhigen konnte, hörte ihn suchen und zwischendurch reden. „Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich Geld habe?“, fragte sie ihn, durch das Klebeband murmelnd. Sein „Ich habe Informationen“ quittierte sie mit einem „Sie haben aber schlechte Informationen. Jeder der mich kennt weiß, dass ich kein Geld haben“. Irgendwann, als er die ganze Wohnung verwüstet hatte, ging der Mann. Die Seniorin wartete kurz, dann robbte sie zum Telefon, das glücklicherweise auf einem niedrigen Tischchen stand, und rief die Polizei.

          Die Täter kauften im Baumarkt Kabelbinder und Klebeband

          Der Täter sitzt mittlerweile im Gefängnis. Sechs Jahre hat er für das bekommen, was er der Frau angetan hat. Aber – deshalb beginnt am Montag dieser neue Prozess – er hat es wohl nicht allein getan. Die Staatsanwaltschaft ist der Überzeugung, dass die wahren Drahtzieher der Mann und die Frau sind, 31 und 23 Jahre alt, die jetzt auf der Anklagebank sitzen. Möglicherweise, das zeichnet sich am ersten Prozesstag ab, haben sie den falschen Paketboten nur benutzt, damit er die Tat ausführt. Nach dem, was in der Anklageschrift steht und was der Mittäter am Montag als Zeuge sagt, kamen die Informationen über das Opfer von der jungen Frau. Der Mann, der eigentlich in Freiburg wohnt, ebenso wie die Mitangeklagte zwischenzeitlich und der bereits Verurteilte, soll letzteren zu der gemeinsamen Tat angestiftet haben.

          Die Männer fuhren demnach in Freiburg zum Baumarkt, besorgten Kabelbinder und trafen sich einen Tag vor der Tat in einem Frankfurter Hotel mit der Frau. Dort sollen sie das genaue Vorgehen besprochen haben. Der Angeklagte soll während der Tat nahe der Wohnung gewartet haben und zwischendurch mit dem bereits Verurteilten telefoniert haben, weil dieser kaum Bargeld in der Wohnung fand. Schlussendlich erbeutete er laut Anklage Gegenstände im Wert von etwa 1300 Euro, von denen er 100 erhielt. Materiell wertloses wie diverse Reitpokale der Tochter des Opfers sollen die Männer verbrannt haben.

          Was der Grund für alles das gewesen ist, bleibt am Montag unklar. Es weist zwar Verschiedenes auf die Täterschaft der beiden Angeklagten hin, aber sie schweigen zu den Vorwürfen. Beide sind mehrfach vorbestraft wegen verschiedener Delikte, der Mann hat bereits diverse Bewährungsstrafen bekommen und stand Anfang 2020 noch unter Bewährung. Die Frau indes hatte eine Beziehung zum Opfer, die die Tat im Fall ihrer tatsächlichen Beteiligung daran noch grausamer machen würde: Sie wohnte als Kind im selben Haus wie die Rentnerin, ihre Eltern noch heute. Die alte Dame war für sie offenbar eine „Ersatz-Oma“. Bei der sie übernachtete, mit der sie Ausflüge machte und Hobbies ausprobierte, und die sich ihrer mit viel Liebe annahm. Das Gericht hat vier Fortsetzungstermine für das Verfahren angesetzt, am Mittwoch soll es weitergehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unser Autor: Martin Benninghoff

          F.A.Z.-Newsletter : School’s out forever?

          Corona sorgt nicht nur für entkräftete Eltern und Lehrer: Die Gefahr, dass Bildungsdefizite mancher Kinder größer werden, wächst mit jedem Tag. Bessere Nachrichten gibt es hingegen für die Buchmesse. Der F.A.Z. Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.