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Provenienzforschung im Städel : Frau Roth will die Wahrheit

Kunst und Verbrechen: Nicole Roth auf der Suche nach dem entscheidenden Hinweis auf Raubkunst im Archiv des Städel-Museums. Bild: Wonge Bergmann

Die Provenienzforscherin des Frankfurter Städel sucht in den Beständen des Museums nach Raubkunst. Dazu rekonstruiert sie die Geschichte von 900 Gemälden. Das klappt aber nicht immer.

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          Nicole Roth mag Gelb nicht. Denn Gelb steht für Ungewissheit. Und Ungewissheit ist schlecht, wenn jemand, so wie sie, nach der Wahrheit sucht. Roth ist Provenienzforscherin im Frankfurter Städel-Museum, man könnte auch sagen: Detektivin für die Geschichte von Gemälden. Ihre Aufgabe ist es, die Herkunft von Bildern lückenlos zu rekonstruieren. Wem gehörte das Bild, bevor es ins Museum nach Frankfurt kam? Und vor allem: Ging es mit rechten Dingen zu, als es seine Besitzer wechselte? Roth will wissen, ob Gemälde in der Nazizeit unrechtmäßig aus jüdischem Besitz in das Städel gelangt sind - beschlagnahmt, enteignet, unter Zwang zu einem lächerlichen Preis verkauft, weil es die Lebensumstände der Besitzer erzwangen. Sprich: ob es sich um Raubkunst handelt. Zu einem eindeutigen Ergebnis kommt sie nicht immer. Dann klebt sie auf die Akte des Gemäldes einen gelben Punkt. Und ärgert sich jedes Mal aufs Neue.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Dass ein Museum eine Stelle darauf verwendet, die eigenen Bestände nach Raubkunst zu durchkämmen, ist nicht selbstverständlich. Vor allem bei kleinen Häusern ist das auch schwer machbar. Neben dem Städel leistet sich in Frankfurt nur das Historische Museum eine eigene Provenienzforscherin. Andere Häuser hoffen auf Studenten, die zum Thema forschen, oder vergeben Einzelaufträge an Kunsthistoriker, wenn Erben Anspruch auf ein bestimmtes Werk erheben. Viele enteignete Kunstwerke wurden schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg auf Bestreben der Alliierten an die zumeist jüdischen Besitzer zurückgegeben - aber längst nicht alle. Deshalb nahm sich die „Washingtoner Konferenz“ im Jahr 1998 des Problems abermals an. Deutschland verpflichtete sich, Raubkunst aufzuspüren und gemeinsam mit den früheren Besitzern oder deren Erben gerechte Lösungen zu suchen.

          „Jedes Gemälde ist ein eigener Fall“

          Der Weg dorthin ist langwierig. Vor gut zehn Jahren hat Roth, 41 Jahre alt und Kunsthistorikerin, ihre Stelle im Städel angetreten. Seitdem arbeitet sie sich durch die Inventarliste des Museums und untersucht alle Gemälde, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 ins Haus kamen. Es sind nahezu 900. Mehr als die Hälfte von ihnen hat sie mittlerweile bearbeitet. Routine stellt sich dabei nicht ein: „Jedes Gemälde ist ein eigener Fall“, sagt Roth. „Man weiß vorher nie, wie man zum Ziel kommt.“

          Roth vergleicht ihre Arbeit mit einem Mosaik: Sie muss winzige Teile zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Erst wenn auch das letzte Stück an seinem Platz liegt, hat sie Gewissheit. Viel Zeit verbringt sie dafür im Archiv und in der Bibliothek des Städel. Zwischen deckenhohen Bücherregalen und Aktenschränken blättert sie sich durch Auktionskataloge aus den dreißiger Jahren, durch Werkkataloge von Künstlern, vergilbte Fachzeitschriften und Korrespondenzen des Museums mit Kunsthändlern und Privatpersonen. Wenn sie dort nicht weiterkommt, beantragt sie Unterlagen aus anderen Archiven oder fährt selbst hin. Auf den entscheidenden Hinweis kann sie überall stoßen. Vielleicht auf der Rückseite eines Gemäldes, auf der ein Besitzerwechsel vermerkt wurde. Vielleicht auch nirgends.

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