https://www.faz.net/-gzg-a1gnj

Nach Ausschreitungen : Flüchtlinge in Frankfurt fordern besseres Wohnen

Die Unterkünfte am Alten Flugplatz galten früher als vorbildlich. Bild: Theresa Weiß

Die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in Frankfurt-Bonames lassen nicht locker. Aus Protest lesen sie vor dem Sozialdezernat ihren Bericht über mangelhafte Wohnbedingungen vor. Vom Dezernat kommt keiner.

          3 Min.

          Das Fass ist voll. Nachdem die Bewohner einer Unterkunft für Flüchtlinge in Bonames wochenlang gegen ihre Wohnbedingungen protestiert hatten und es wie berichtet immer wieder zu Ausschreitungen kam, haben sie nun für das Sozialdezernat einen Bericht über die Vorkommnisse verfasst. Etwa 50 Menschen sind zur Übergabe vor das Sozialdezernat gekommen. Sie lesen ihren Bericht vor, drei volle Seiten. Vom Dezernat kommt niemand, um ihn entgegenzunehmen.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Irgendwie passt das. Denn die Bewohner fühlen sich nicht gehört. Sie sagen, dass auf ihre Beschwerden über Enge, Krätze, fehlendes Warmwasser und undichte Dächer nur Beschwichtigungen gekommen seien. Die Stadt habe, anstatt zu helfen, Security-Kräfte zur Unterkunft geschickt, um „für Sicherheit zu sorgen“. Mittlerweile seien etwa 20 private Sicherheitsleute rund um die Uhr anwesend. Sie hätten die Bewohner teils eingeschüchtert und bedroht. Ein Video, das der F.A.Z. vorliegt, zeigt etwa einen Streit zwischen Bewohnern und einem Sicherheitsmitarbeiter, der Handschellen zückt. Der Bewohner sagt daraufhin: „Nicht so, nicht so. Du bist nicht Polizei.“ Und der Sicherheitsmann erwidert: „Ich mach, was ich will, hier.“

          „Von einem großen Polizeikommando sehr grob aus deren Wohnung gezogen“

          In ihrem Bericht beschreiben die Bewohner die Eskalation aus ihrer Perspektive. Der Konflikt zwischen ihnen, der Diakonie – dem Träger der Unterkunft – und dem für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständigen Sozialdezernat ist nach Darstellung der Bewohner geprägt von schlechter Kommunikation. Sie nennen mehrere Situationen, in denen die Stadt oder die Mitarbeiter der Diakonie nicht das Gespräch gesucht, sondern hart durchgegriffen hätten. Etwa, als zwei Familien aus der Unterkunft gebracht worden seien.

          Im Bericht, den die Bewohner verfasst haben, heißt es: „Am 2. Juli um fünf Uhr morgens wurde die, wir wiederholen es, im achten Monat schwangere Frau Yusefi mitsamt Familie sowie Frau Rashid mit Familie von einem großen Polizeikommando sehr grob aus deren Wohnungen gezogen, ohne klopfen, ohne Vorankündigung. Etwa zehn Polizisten stürmten die Wohnung von Frau Yusefi, etwa 50 warteten im Hof. Die Diakonie hat den Polizisten den Schlüssel gegeben. Frau Yusefi, welche natürlich zu der Uhrzeit schlief, wurde nicht gestattet, sich richtig zu kleiden und ein Kopftuch anzuziehen. Die zwei Familien wurden nicht zufällig gewählt. Frau Rashid und Frau Yusefi haben mit vielen Bewohnern über die Situation gesprochen und sie bestärkt, für ihre Rechte einzustehen. Sie haben Hausverbot bekommen. Für uns ist eindeutig, dass es sich um eine Abschreckungsmaßnahme handelt. Leider hat das funktioniert.“ Die übrigen Bewohner fühlten sich nun eingeschüchtert.

          Stromproblem seit 2016 bekannt

          Die nächste Auseinandersetzung folgte bald. In der vergangenen Woche hatte ein Elektriker im Auftrag der Stadt ein Gutachten über den Zustand des Stromnetzes erstellt und eine akute Brandgefahr festgestellt. Demnach wäre es gefährlich, wenn das Stromnetz über die elektrischen Geräte zum Kochen in den Wohneinheiten überlastet wird; es drohten Kabelbrände. Die Bewohner sagen, dieses Problem sei seit der Öffnung der Unterkunft 2016 bekannt, da die Stromkapazität in dem Landschaftsschutzgebiet, in dem die Unterkunft steht, nicht dafür ausgelegt sei, von mehr als 300 Menschen genutzt zu werden.

          Die Stadt rückte mit einem großen Polizeiaufgebot an, um alle Kochplatten und Herde zu entfernen. Aus dem Sozialdezernat ist zu hören, die Brandgefahr sei so hoch, dass man die Bewohner andernfalls noch am gleichen Tag aus der Unterkunft hätte bringen müssen. Die Bewohner sagen, es habe zwar eine Durchsage gegeben, dass die Geräte entfernt werden müssten. Doch danach hätten die Mitarbeiter der Stadt jede Kommunikation verweigert, obwohl die Menschen Fragen gehabt hätten und ein Übersetzungsfehler der Ansage dazu geführt habe, dass die Geflüchteten gedacht hätten, sie müssten alle elektronischen Geräte abgeben. Offenbar missdeuteten die Verantwortlichen bei der Stadt die Verunsicherung der Bewohner als Aggression. Da nicht alle Herde sofort herausgegeben wurden, stellte die Stadt den Strom in der Unterkunft ab. „Obwohl wir Leute mit elektronischen Beatmungsgeräten, Patienten mit Medikamenten, welche gekühlt werden müssen und Milch für Neugeborene vor Ort haben, wurde uns abends der Strom abgestellt. Das wurde nicht einmal richtig kommuniziert. Der Strom würde erst wieder angestellt werden, wenn alle Kochgeräte, auch Mikrowellen, aus den Wohnungen raus sind. Statt mit uns zu reden, wurde so Druck auf uns ausgeübt“, schreiben die Bewohner.

          Bewohner wollen keinen Sicherheitsdienst

          Sie berichten weiter, dass einige Panikattacken gehabt hätten, doch niemand einen Rettungswagen gerufen habe. Die Polizei hat die Bewohner laut dem Bericht in der Unterkunft eingekesselt. Abends entspannte sich die Situation, übers Wochenende war es in der Unterkunft recht ruhig. Es gibt inzwischen wieder Strom, jedoch keine Kochmöglichkeiten. Nach Angaben der Stadt gibt es ein „kulturgerechtes“ Catering.

          Den Bewohnern reicht das nicht. Sie fordern eine menschenwürdige Unterbringung, warmes Wasser und ausreichend Strom. Außerdem wollen sie nicht, dass Sicherheitsdienste in ihrem Zuhause patrouillieren. Die Bewohnerin, die diesen letzten Teil des Berichts vor dem Sozialdezernat verliest, schiebt hinterher: „Wir sind doch keine Verbrecher!“ Sie schließt mit der Forderung: „Sprecht mit uns, nicht über uns!“ Ihre Stimme bricht dabei.

          Weitere Themen

          Von Goethe bis Ebbel Video-Seite öffnen

          Quiz zu 75 Jahre Hessen : Von Goethe bis Ebbel

          Die Hessen haben ein Lieblingsgetränk, ihr Bundesland hat eine geographische Mitte und große Namen spielen eine Rolle und das Land hat Nachbarn. Ein Quiz zum 75. Jahrestag der Gründung des Bundeslands in Deutschlands Mitte.

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.