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Karstadt-Schließungen : 440 Beschäftigte auf der Palme

Dauerprotest gegen die Schließung: Beschäftigte der Karstadt-Filiale an der Frankfurter Zeil wollen ihre „Karstadt Familie“ bewahren. Bild: Marcus Kaufhold

Vor Karstadt an der Frankfurter Zeil protestiert die Belegschaft gegen die Schließung ihrer Filiale. Hoffnung gibt ihnen ein Angebot des Vermieters – und die Solidarität der Kunden.

          3 Min.

          Als Zeichen des Triumphes und der Freude wird die Palme seit der Antike gedeutet. Jesus wurde angeblich bei seinem Einzug in Jerusalem mit Palmwedeln begrüßt, die Griechen zeigten sie mit der Siegesgöttin Nike oder assoziierten sie mit Phönix, dem Wiedergeborenen. Für die Frankfurter Karstadt-Mitarbeiter steht ihre Palme allenfalls für eine vage Hoffnung, dass es doch noch weitergeht. An eine Zimmerpalme haben sie Hunderte Zettel gehängt, auf jedem steht der Namen eines der insgesamt 440 Beschäftigten des Kaufhauses und ihre jeweiligen Berufsjahre: Sabine S., 30Jahre; Asina H., 19 Jahre, Marion N., 40 Jahre, Joerg T., 33Jahre. Oder auch Senka L., 27 Jahre.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ihr ganzes Berufsleben hat die Frankfurterin Senka Lijović im Unternehmen verbracht. Ihre Ausbildung machte sie im Nordwestzentrum noch bei Hertie, das damals schon zu Karstadt gehörte, später wechselte sie in die Filiale an der Zeil und arbeitet dort heute in der Strumpfabteilung im Erdgeschoss, gleich links hinter dem Haupteingang. Eigentlich, sagt die Mutter zweier Kinder, habe sie an diesem Mittwoch frei. Dennoch steht sie vor dem Kaufhaus, um mit Kollegen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu demonstrieren. „Diese Krise ist krass“, sagt sie. „Früher wussten wir wenigstens, dass es am Ende doch weitergehen wird.“ Diese Hoffnung habe sie nun kaum noch.

          Mietsenkung um eine Million

          Es ist nicht die erste Krise des Unternehmens, die sie miterlebt. Zur Jahrtausendwende trennte sich Karstadt von verlustreichen Hertie-Häusern, nur ein paar Jahre später folgten die nächsten Schließungen, ein erstes Insolvenzverfahren und mehrere Eigentümerwechsel. Vor einem Jahr erfolgte dann der Zusammenschluss mit Galeria Kaufhof. Und vor einer Woche das nächste Insolvenzverfahren.

          Einfach traurig sei das, sagt Senka Lijović, die Motivation der Mitarbeiter sei im Keller. Jahrelang habe sich die Belegschaft engagiert, Lohnkürzungen hingenommen und sei dennoch dem Unternehmen treu geblieben. „Und das ist der Dank dafür.“ Verärgert ist sie vor allem über die Geschäftsführung des Hauses. Die müsste doch mit ihnen vor der Tür demonstrieren, findet die Sachsenhäuserin, „es geht ja auch um deren Jobs“. Selbst der Vermieter hatte sich mal bei den Protestierenden blicken lassen. Er sei, so heißt es, inzwischen bereit, die Miete um eine Million Euro zu verringern.

          Erst Schlecker, dann Karstadt

          Mit einer Unterschriftensammlung hoffen die Mitarbeiter, die Unternehmensführung zum Einlenken zu bewegen. 13000 Unterstützernamen hätten sie bereits zusammen, erzählt eine Mitarbeiterin. Mit den Listen stehen sie in den Pausenzeiten vor den Eingängen und haben sie ansonsten neben den Kassen ausgelegt. Mit Flugblättern werden Passanten zudem dazu aufgerufen, eine Protest-E-Mail an Arndt Geiwitz zu senden, den Sanierungsbeauftragten des insolventen Konzerns.

          Geiwitz hat vor acht Jahren die Schlecker-Drogerien abgewickelt, er berät zudem angeschlagene Unternehmen wie Lufthansa und Bogner. Der Insolvenzanwalt ist für die Karstadt-Mitarbeiter derzeit der Buhmann. Dabei hatte er erst vor wenigen Tagen mitteilen können, dass sechs Warenhäuser der Kette in Deutschland doch nicht geschlossen werden, weil die Vermieter Zugeständnisse gemacht hatten. Die Filiale an der Zeil jedoch steht weiterhin auf der Streichliste, ebenso wie die Karstadt-Dependance im Main-Taunus-Zentrum und Galeria Kaufhof im Hessen-Center.

          „Katastrophe für die gesamte Zeil“

          „Das ist doch ein Traditionskaufhaus“, sagt etwa die Kundin Ulrike Humpert, als sie auf der Zeil ihre Unterschrift geleistet hat. Sie selbst sei zwar aus Schlüchtern, aber ihr Mann sei mit dem Kaufhaus groß geworden. Ein Mann namens Musambo sagt, er unterstütze die Mitarbeiter, weil ja jeder von ihnen auch eine Familie habe. „Nicht, dass das so endet wie Schlecker.“ Eine Passantin unterschreibt wiederum, weil sie die Postfiliale erhalten wolle, die im Erdgeschoss des Kaufhauses einen Platz gefunden hat. Die sei die einzige Post in der näheren Umgebung.

          An der Zeil, einer von Deutschland am stärksten frequentieren Einkaufsstraßen, gebe es doch genügend Platz und Kunden für zwei Kaufhäuser des Konzerns, findet die Verdi-Gewerkschaftssekretärin Katja Deusser. Zumal die Karstadt-Filiale schwarze Zahlen schreibe. „Die Schließung wäre eine Katastrophe für die gesamte Zeil.“ Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen, die sich wie die Linken-Politikerin Janine Wissler zu den Protestierenden gestellt hat, warnt vor den Folgen einer Schließung für die Einkaufsstraße. Karstadt habe eine Ankerfunktion. Man müsse sich daran erinnern, wie sehr die Berger Straße gelitten habe, als 2013 der Elektrohändler Saturn seine dortige Filiale schloss.

          Die Schließung beschäftigt inzwischen selbst die Landesregierung. Am Dienstagabend hatte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) die Frankfurter Karstadt-Betriebsräte zum Gespräch in die Wiesbadener Staatskanzlei eingeladen. Was dort besprochen wurde, durften die Arbeitnehmervertreter hinterher nicht erzählen. Die Staatskanzlei selbst twitterte nur, der Ministerpräsident werde, „so gut es geht“, den Mitarbeitern zur Seite stehen und nach einem Weg suchen, den Standort an der Zeil zu erhalten. Seine Möglichkeiten dazu dürften allerdings begrenzt sein, allenfalls kann er auf Geiwitz und die Vermieter einwirken, sich doch noch zu einigen.

          In der Filiale selbst sind derzeit auffällig viele knallrote Schilder zu sehen, auf denen „Schlussverkauf bei Karstadt“ steht. 20 Prozent Rabatt auf Kosmetik, 30 Prozent auf Taschen und Textilien, 50 Prozent auf Modeschmuck. Verkäuferin Senka Lijović beunruhigt das nicht. Das sei, sagt sie, eine ganz normale Rabattschlacht. Und nicht der Ausverkauf.

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