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„Lieber Freifläche erhalten“ : Protest gegen Bau von Behindertenwohnungen

  • -Aktualisiert am

Sucht seit Jahren im Rheingau geeignete Plätze, um dezentrale Wohnhäuser für geistig Behinderte zu errichten: Vinzenzstift in Rüdesheim Bild: Michael Kretzer

Die Stadt Lorch will Behindertenwohnungen errichten lassen. Doch Kritiker wollen die für diesen Zweck ausgewählte Lohwiese lieber als Freifläche erhalten und sammeln dafür Unterschriften.

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          Das Geld ist auf dem städtischen Konto schon eingegangen. Knapp 220.000 Euro hat das Rüdesheimer Sankt Vincenzstift an die Stadt Lorch für eine rund 2900 Quadratmeter große Teilfläche der Lohwiese überwiesen. Zuvor hatte die Stadt mit großer Mehrheit dem Kaufvertrag mit dem gemeinnützigen Unternehmen zugestimmt und die Aufstellung eines Bebauungsplans beschlossen. Inzwischen scheint aber nicht mehr ausgeschlossen, dass das Projekt an der St.-Benoit-Straße doch noch scheitert und die Stadt das Geld wieder zurückzahlen muss.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Denn in Lorch werden Unterschriften gesammelt, um die Lohwiese in ihrer jetzigen Größe von knapp 5800 Quadratmetern als „Freifläche für Fest-, Kultur- und Freizeitzwecke“ zu erhalten. Knapp 300 Unterschriften von Lorcher Wahlberechtigten sind notwendig, um ein Bürgerbegehren in Gang zu setzen.

          Stift sucht seit Jahren geeignete Plätze

          Vor dem Hintergrund des Inklusionsgedankens und weil das Zentralgebäude am Stammsitz des Vincenzstiftes in Aulhausen mit 140 Plätzen für Behinderte aus Brandschutzgründen geschlossen werden soll, sucht das Stift seit Jahren im Rheingau geeignete Plätze, um dezentrale Wohnhäuser für geistig Behinderte zu errichten. In Lorch erscheint Geschäftsführer Caspar Söling die nördliche Hälfte der Lohwiese ideal. „Wir freuen uns über das Angebot der Stadt Lorch, uns einen Teil des mitten in der Stadt gelegenen Grundstücks zu überlassen“, sagte Söling vor wenigen Wochen über das Angebot der Stadt.

          Das Vincenzstift will rund 3,7 Millionen Euro investieren, das Land fördert das Vorhaben mit 700.000 Euro. In der Vergangenheit wurden schon Wohnhäuser für Kinder und Erwachsene in Offenbach, Hofheim, Rüdesheim und Geisenheim gebaut. In Lorch sind auf zwei Stockwerken insgesamt acht Wohngemeinschaften für jeweils sechs Menschen und ein Anbau für die Tagesbetreuung vorgesehen. Die geistig und in manchen Fällen zusätzlich körperlich Behinderten werden beim Einkaufen, bei der Freizeitgestaltung und bei Ausflügen unterstützt. Tagsüber besuchen sie Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Rüdesheim und Aulhausen oder arbeiten in Tagesförderstätten.

          Vm aufflackernden Protest überrascht: Lorchs Bürgermeister Jürgen Helbing

          In der Kommunalpolitik fanden die Pläne bislang fast einhellig Rückdeckung. Söling und Bürgermeister Jürgen Helbing (CDU) wurden daher vom aufflackernden Protest überrascht. Die Gegner argumentieren zumindest öffentlich weder gegen das Vincenzstift noch gegen zentrumsnahe Behindertenwohnungen, sondern ausschließlich für den Erhalt der ganzen Wiese. Helbing versichert jedoch, dass die verbleibende Hälfte ausreichend groß sei für das traditionelle Martinsfeuer und die Kerb - sofern diese überhaupt noch stattfindet. Notfalls gebe es aber auch andere gut geeignete Plätze wie das Rheinufer oder die Parkplätze an der Rheinstraße. Auch für einen Bolzplatz reiche der Südteil der Lohwiese aus.

          Zu klein, zu abschüssig

          Alternative Standorte für das Behindertenwohnaus, wie von der Bürgerinitiative ebenfalls vorgeschlagen, scheiden für Söling aus - sie seien zu klein, lägen zu abschüssig, zu abgelegen oder zu nah an Durchfahrtsstraßen. Auch seien Grundstücke zu teuer und damit die Wirtschaftlichkeit des Projekts nicht mehr gegeben. Im Sinne der Inklusion solle ein solches Wohnhaus nicht in einem zentrumsfernen Industriegebiet stehen. Der „nachbarschaftliche Bezug“ der Einrichtung sei wichtig, argumentiert Söling. Für die Lohwiese zahlt das Stift 75 Euro je Quadratmeter und damit den Preis, der gutachterlich ermittelt wurde.

          Helbing vermutet, dass die Argumente für den Erhalt der Lohwiese womöglich nur vorgeschoben seien und es grundsätzliche Vorbehalte gegen behinderte Menschen in der Mitte der Stadt gebe. Er sorgt sich schon um das Image der auf Touristen angewiesenen Stadt. Der Rathauschef weist zudem auf 30 zusätzliche, sichere Arbeitsplätze im Stadtgebiet hin und darauf, dass rund 90 Lorcher schon im Vincenzstift beschäftigt seien. Die Landtagsabgeordnete Petra Müller-Klepper (CDU) unterstützt das Vorhaben ebenfalls.

          Bis Mitte April haben die Initiatoren des Bürgerbegehrens um den früheren SPD-Vorsitzenden Michael Holdinghausen Zeit, ausreichend Unterschriften gegen die Beschlüsse der Stadtverordneten zu sammeln. Dann wird sich zeigen, ob der Baubeginn in diesem Jahr tatsächlich noch realistisch ist.

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