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Prokrastination an der Uni : Schluss mit der Aufschieberitis

  • -Aktualisiert am

Was tun gegen die Ablenkung? Ein Workshop soll Studenten dabei helfen, effektiv in der Bibliothek arbeiten zu können. Bild: Stefan Finger

Viele Studenten kennen das Problem: Der Abgabetermin einer Hausarbeit rückt näher und damit auch der Druck. Doch wie schafft man es, der Versuchung der Prokrastination zu widerstehen?

          Pünktlich zum Kursbeginn schlägt die Studentin ihr Notizheft auf. Innen auf dem Einband klebt eine Postkarte mit dem Spruch „In zwei Wochen sind Prüfungen? Die Wohnung muss noch geputzt werden.“ Solche Situationen dürften den meisten der 22 Studenten im Kursraum vertraut sein. Sie besuchen einen Anti-Prokrastinations-Workshop an der Goethe-Universität.

          Prokrastination, also das Aufschieben von Aufgaben, gehört für viele zum Alltag. Statt etwas Dringendes zu erledigen, beschäftigen sie sich dauernd mit Dingen, die ihnen im Moment interessanter oder wichtiger erscheinen: Den Kühlschrank wieder füllen, das Bad putzen, ein lustiges Youtube-Video schauen und dann noch ein paar davon – und schon ist der Tag um.

          Laut Studien schiebe rund jeder fünfte Befragte Dinge auf, unter Studenten sei der Anteil noch wesentlich höher, sagt der Psychologe Thomas Abel. Seit 2017 leitet er mit seiner Kollegin Corinna Schreiber den Kurs „Schluss mit dem ewigen Aufschieben“, den das Studentenwerk anbietet. In der Einzelberatung hätten so viele Studenten das Thema immer wieder von selbst angesprochen, dass es ihm sinnvoll erschienen sei, daraus ein Gruppenangebot zu machen, sagt Abel. Der Workshop sei seitdem der beliebteste Kurs des Studentenwerks. Weil die Nachfrage weiter wachse, hätten er und seine Kollegin eine Auftaktveranstaltung eingeführt, um vorher zu schauen, wer welche Form von Hilfe brauche.

          Alle peinlich berührt

          Vor der ersten Sitzung haben die Teilnehmer einen Selbsttest ausgefüllt. Der fragt ab, wie sehr sie sich von wichtigen Aufgaben ablenken lassen und wie stark sie das belastet. Wer einen Wert von über 85 Prozent herausbekommen habe, liege im „roten Bereich“, erklärt Abel, als er die Studenten nach ihren Ergebnissen fragt. Kurz schweigen alle peinlich berührt, dann gehen nach und nach immer mehr Hände in die Luft. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hat einen Wert von 95 Prozent erreicht. Wirklich überrascht ist niemand von ihnen. Obwohl der Selbsttest für eine erste Einschätzung hilfreich sei, lasse sich pauschal nur schwer sagen, wann Prokrastination zum Problem werde, sagt Abel. Bedenklich sei es aber in jedem Fall, wenn der Leidensdruck so groß werde, dass er einen im Alltag einschränke. Studenten seien auch deshalb besonders anfällig für regelmäßiges Aufschieben, weil sie sich ihre Arbeitszeit oft selbst einteilen und mit dieser Freiheit zum Teil nur schwer umgehen könnten.

          So geht es auch Karina Bauer, die in Wirklichkeit anders heißt. Sie hat 2005 angefangen, Germanistik und Anglistik auf Lehramt zu studieren – im wievielten Semester sie mittlerweile ist, weiß sie nicht genau. Anfangs lief ihr Studium noch geregelt, auch weil sie dem Bafög-Amt regelmäßig Nachweise ihrer Leistungen vorlegen musste. „Ich brauche einfach diesen Druck von außen, um konsequent zu sein“, sagt sie. Dann fing sie an, in einem Club an der Bar zu arbeiten. Aus dem Minijob wurde eine Vollzeitstelle als Barchefin, für die sie ihr Studium acht Jahre unterbrochen hat. An der Arbeit in der Gastronomie gefalle ihr vor allem das, was ihr beim Studieren fehle: das Gefühl, gebraucht zu werden. „In der Uni fällt es nicht auf, ob ich zum Seminar komme oder nicht.“ Wenn sie aber Lob von Gästen bekomme, sehe sie die unmittelbaren Ergebnisse ihrer Arbeit.

          Was einem wichtiger ist

          Thomas Abel erlebt immer wieder, dass Studenten, die in seine Sprechstunde kommen, zu viel jobben und ihr Studium deshalb hinten anstellen. „Wenn man die Möglichkeit hat, weniger zu arbeiten, sollte man sich überlegen, was einem wichtiger ist.“ In manchen Fällen sei auch ein Fachwechsel die richtige Entscheidung.

          Nach der Auftaktveranstaltung haben die Studenten die Möglichkeit, sich für einen von zwei Kursen zu entscheiden. Der eine ist praxisorientiert; dort lernen sie Methoden, wie sie ihr Verhalten ändern können. In dem anderen Kurs werden die individuellen Gründe für das Aufschieben analysiert.

          „Gut, dass Sie es nicht aufgeschoben haben, zu diesem Workshop zu kommen“, lobt Thomas Abel die Studenten scherzhaft. Der lockere Spruch hat aber einen ernsten Hintergrund: „Einige stecken schon so tief in ihrem Loch, dass sie nicht genug Antrieb haben, sich selbständig über Hilfsangebote zu informieren, geschweige denn sie in Anspruch zu nehmen“, sagt er. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, schafften viele allein nicht, besonders wenn es eine Wechselwirkung zwischen ständigem Aufschieben und Depressionen gebe. Deshalb appelliert er an jeden, im eigenen Umfeld wachsam für bedenkliches Aufschiebeverhalten zu sein.

          Karina Bauer hat oft überlegt, ihr Studium abzubrechen. „Ich habe gemerkt, dass mir etwas Praktisches eigentlich mehr liegt.“ Dennoch hat sie sich nun entschieden, ihr Examen zu machen, um endlich einen Abschluss zu haben. Sie arbeitet nicht mehr in Vollzeit, sondern jobbt an zwei bis drei Tagen die Woche. Von dem Workshop erhoffe sie sich, wieder zum strukturierten Arbeiten zu finden, sagt sie. „Es hat schon geholfen, zu sehen, dass es vielen genauso geht wie mir.“

          Warnsignale erkennen

          Folgende Gedanken können ein Anzeichen für Prokrastination sein:

          • womit soll man bloß anfangen?
          • die Aufgabe ist in ihrem Ausmaß nicht zu erfüllen – es ist zu viel
          • man fühlt sich ohnehin nicht dazu in der Lage, die Aufgabe heute zu erledigen
          • am nächsten Tag kann man die Arbeit auch noch angehen
          • man kann die hohen Erwartungen ohnehin nicht erfüllen
          • man könnte vielleicht vorher noch etwas im Haushalt erledigen: Wann hat man eigentlich das letzte mal geputzt?
          • im Verlauf des Tages wird einem noch eine Lösung einfallen – aber nicht jetzt

           

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