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Kinder suchtkranker Eltern : Hilfe für „unsichtbare Kinder“ läuft aus

  • -Aktualisiert am

„Kinder suchtkranker Eltern wachsen in einem unsicheren System auf und können sich auf niemanden verlassen“, sagt Anja Lindner vom Projekt „Stark“. Bild: Picture-Alliance

Sie geraten oft in Vergessenheit: Jungen und Mädchen suchtkranker Eltern. Dabei gelten sie als besonders gefährdet. Das Projekt „Stark“ in Dietzenbach will sie auffangen. Nun endet die Förderung der Initiative.

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          Für Alkohol- und Drogenabhängige gibt es viele Angebote – aber nur wenige für deren Kinder. Dabei gelten sie als stark gefährdet, selbst einmal abhängig zu werden oder an erheblichen psychischen Störungen zu leiden, wie Sozialpädagogin Anja Lindner sagt. Sie würden daher oft die ‚unsichtbaren Kinder‘ genannt.

          Lindner leitet das Projekt „Stark“, das sich eben um diese jungen Menschen kümmert. Träger ist der Verein Aktionsgemeinschaft soziale Arbeit Dietzenbach, mitinitiiert und gefördert wurde das Projekt von der Aktion Mensch. Doch die Förderung läuft Ende August aus, ein neuer Geldgeber ist noch nicht gefunden.

          Projekt setzt auf Erlebnispädagogik

          „Kinder suchtkranker Eltern wachsen in einem unsicheren System auf und können sich auf niemanden verlassen“, sagt Lindner. Sie übernähmen oft Aufgaben, die eigentlich Erwachsene erledigen sollten, und werden somit selbst zu „kleinen Eltern“. Sie entwickelten oft heftige Scham- und Schuldgefühle und hätten häufig niemanden, mit dem sie über die Probleme zu Hause sprechen könnten.

          Mit erlebnispädagogischen Angeboten wie Klettern im Hochseilgarten, Theater und Musik sollen Kinder und Jugendliche von sechs bis 18Jahren ein stärkeres Selbstbewusstsein gewinnen, sich altersgerecht entwickeln und lernen, mit der Erkrankung der Eltern umzugehen. „Sie sollen Spaß haben und unabhängig sein dürfen, den Alltag vergessen und lernen, Sorgen abzugeben“, erklärt Lindner ihre Arbeit. Es sei ungemein erholsam für Kinder, mit anderen zusammen zu sein, die ähnliche Schicksale hätten. „Sie können darüber reden, müssen sich aber nicht erklären.“

          Pro Jahr etwa 50.000 Euro nötig

          Einmal wöchentlich hat sich eine feste Gruppe aus zehn Kindern und Jugendlichen im Europahaus Dietzenbach getroffen. Weitere zwölf Kinder wurden von Lindner und einem Kollegen einzeln begleitet. In einem selbst gedrehten Film über das Projekt hört man einen Vater sagen: „Bei Süchtigen geht es vor allem um sie selbst.“ Dann sieht man Kinder, wie sie Schlittschuh laufen und sich mit Laub bewerfen, außerdem einen Jungen, der sich getraut hatte, über ein Hochseil zu balancieren. Erst habe er Angst gehabt, jetzt sei er stolz, sagt er. Ein Mädchen erzählt: „Ich habe gelernt, dass ich nicht schuld bin, dass meine Mutter Alkoholikerin ist. Und ich habe gelernt, zu sagen, was ich über sie denke.“

          Das Schwerste sei gewesen, an die jungen Leute heranzukommen, sagt Lindner. Viele Eltern glaubten, dass ihre Kinder nichts von den Problemen mitbekämen, selten werde in der Familie offen über die Krankheit gesprochen.

          180.000 Euro hat das Projekt seit 2012 gekostet. Um es weiterzuführen, würden pro Jahr etwa 50.000 Euro benötigt, sagt Herbert Nuschenpickel, Geschäftsführer des Vereins. Sozialdezernent Carsten Müller (SPD) bedauere, dass sich kein Sponsor finde. Dem Kreis fehle es an Geld. Das Netzwerk und die Fokussierung auf das Problem bleibe. Das Angebot aber werde fehlen.

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