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Projekt Krebsmühle : Gewinn ist kein Tabu mehr

  • -Aktualisiert am

Am Anfang eher eine Ruine: die über Jahrzehnte auf- und ausgebaute Krebsmühle zwischen Frankfurt und Oberursel. Bild: Cornelia Sick

Am Anfang des alternativen Betriebs Krebsmühle in Oberursel standen Zeiten von Versuch und Irrtum. Aber das Unternehmen gibt es noch heute – und Hilfe zur Selbsthilfe ist immer noch ein Ziel.

          5 Min.

          Profit? Igitt!“ Das war einmal. Die Betreiber der Krebsmühle, eines der ältesten alternativen Unternehmens-Projekte in Deutschland, haben längst akzeptiert, dass Rentabilität und Gewinn kein Teufelzeug sind, sondern notwendige Voraussetzung, um das zu finanzieren, was man für wichtig hält. Seien es nun im betriebswirtschaftlichen Sinn rentable Investitionen oder eben soziale Projekte, wie sie der gemeinnützige Träger der Krebsmühlen GmbH, der Verein Hilfe zur Selbsthilfe, unterstützt. Immer braucht es Geld, und das will erwirtschaftet werden.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Inzwischen kommen sogar Mitarbeiter der Deutschen Bank auf das Mühlen-Areal an der Grenze von Oberursel zu Frankfurt, um Zäune zu streichen und beim Saubermachen zu helfen. Neudeutsch heißt das „social day“. Denn auch in den bekannten Zwillingstürmen hat man offenbar dazugelernt. Zumindest aber hat man erkannt, dass es sich womöglich nicht auszahlt, wenn einen die Öffentlichkeit als ein allein auf maximale Rendite fixiertes Finanzhaus wahrnimmt, dessen Mitarbeiter nur an jenem Rest der Welt interessiert sind, der viel Geld hat und es anlegen möchte.

          Gruppe stammte aus Frankfurter Sponti-Szene

          In der Mühle fing es 1978 an. Dort zog eine Gruppe von zeitweise bis zu sechzig Männern und Frauen ein, die schon seit einiger Zeit versucht hatten, gemeinsam eine Art kleine Gegengesellschaft abseits von Mehrwert, Ertrag und Rendite zu etablieren. Sie stammten aus der Frankfurter Sponti-Szene um Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, den späteren Bundesaußenminister. Zunächst gründeten sie die Arbeitslosenselbsthilfe, die später zur Arbeiterselbsthilfe wurde. Der sozialarbeiterische Ansatz war unter anderem, Jugendlichen aus Problemvierteln im noch zu gründenden alternativen Betrieb Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. In der Chronik eines Beteiligten ist zu lesen: „Dieser Ansatz ging fürchterlich daneben.“ Schon nach einem halben Jahr war der Versuch vorbei. Die Jugendlichen wollten offenbar gar nicht gerettet werden, jedenfalls nicht so. Ein erster Rückschlag, nicht der letzte. Immerhin funktionierte aber der Plan, mit einem alten Lastwagen, den die Vereinsmitglieder wieder in Schuss gebracht hatten, Entrümpelungen, Haushaltsauflösungen und Transporte als Dienstleister anzubieten.

          Beim Versuch, in einer alten Schuhfabrik in Bonames einen geeigneten Firmensitz zu installieren, erzielte allerdings der Chronik zufolge nur einer Rendite: der Makler. Von wegen Hausbesetzung, die alternativen Jungunternehmer hatten den Makler ganz bürgerlich mit der Suche nach einem passenden Gelände betraut. Gepasst hat dann weder das Umfeld noch die Finanzierung, was der Makler den jungen Leuten allerdings offenbar so nicht sagte. Was blieb, waren 36.000 Mark Schulden, die abzustottern waren – es war die Maklerprovision. Man suchte trotzdem weiter und stieß auf die marode Mühle.

          Holz-Cleanic gehört zum Kerngeschäft

          Fördergeld und Spenden lehnte der Verein ab. Die Firmengründer wollten den Unterhalt für das Projekt, nicht zuletzt die Raten für die Kredite, um das völlig heruntergekommene Mühlengelände überhaupt kaufen und renovieren zu können, im eigenen Betrieb erwirtschaften. Das Geld für das Auskommen jedes Einzelnen natürlich auch.

          Ein Gehalt gab es ursprünglich nicht, sondern eine Gemeinschaftskasse. Das änderte sich aber bald, weil die Mitglieder, die in der Stadt wohnten, Miete zu zahlen und ihr Auto zu tanken hatten, also ein festes Budget brauchten. Bei allen Widrigkeiten und Irrtümern bleibt festzuhalten: Die Krebsmühle gibt es nach 37 Jahren immer noch, sie wirtschaftet in ihren Betreiben so rentabel, dass sie etliche Projekte der Hilfe zur Selbsthilfe anstoßen oder unterstützen konnte. Dazu zählt die Gründung der Ökobank und die der Lernwerkstatt, die Jugendliche mit Defiziten ausbildete. Seit rund zehn Jahren fördert der Mühlenverein aus seinen Erträgen vor allem die Basa-Stiftung in Neu-Anspach, die sich der Jugendarbeit und der Jugendforschung widmet.

          Die Rentabilität der Krebsmühle basiert einmal auf eigenen Betrieben und zum anderen auf Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Da ist etwa die Holz-Cleanic. Sie hat seit mehr als 30 Jahren ihren Ort in der Mühle. Sie gehört also fast von Beginn an zum Kerngeschäft des alternativen Betriebes. Die zwei Schreiner und ihre Helfer, die dort heute fest arbeiten, verstehen sich auf umweltgerechtes Ablaugen von Möbeln, Fenstern und Türen sowie auf das Restaurieren hochwertiger Einzelstücke. In der Hochzeit der Weichholzmöbel gab es einmal 36 Sammelstellen für alte Möbel, heute sind es noch drei, wie Rainer Huthmann sagt. Er ist Geschäftsführer der Krebsmühlen GmbH, der Holz-Cleanic und eines Möbelhandels. Alles in allem arbeiten hier 15 Beschäftigte.

          Möbelhandel recht rentabel

          Die Holz-Cleanic ist weit über die Region hinaus bekannt für ein giftfreies Verfahren der Schädlingsbekämpfung. Den rund 60 Grad der Wärmekammer widersteht weder Holzwurm noch Hausbockkäfer, jedenfalls nicht 24 Stunden lang. Dieses Know-how hat schon manchen weltbekannten Kunden in die Mühle an der Ursel geführt. Wer das war, darf nicht veröffentlicht werden, man sei vertraglich zu Stillschweigen verpflichtet, sagt Huthmann. Zuletzt hat eine Kirchengemeinde angefragt, an deren Bänke der gefräßige Holzwurm Geschmack gefunden hat. Ein in jeder Hinsicht großer Auftrag.

          Neben der Holz-Cleanic gehört der Möbelhandel zum etablierten und rentablen Geschäft. Da gibt es neue Vollholzmöbel, die auch individuell lackiert werden, Gartenmöbel aus Teak und moderne Möbel aus recyceltem Teakholz, deren besonderer Charakter darin besteht, dass noch Farbreste der einstmaligen Verwendung zu sehen sind. Mit 695 Euro liegt beispielsweise die 1,85 Meter lange Anrichte „Emily“ nicht einmal über Schweden-Niveau, hat aber einen sehr viel individuelleren und wertigeren Charakter.

          Auch als Veranstaltungsort genutzt

          Weitere Einnahmen erwirtschaftet die Krebsmühle mit privaten und gewerblichen Mietern. Zu den gewerblichen gehören das Umweltlabor Arguk, eine Antiquitäten-Fundgrube und eine Dependance des Dreirad-Zentrums, einer auf diese Variante des Fahrrads spezialisierten Kette. Dort werden mit Muskelkraft zu betreibende Räder angeboten, solche mit Elektromotor, Modelle für Behinderte, aber auch für Menschen ohne Handicap. Zentraler Bestandteil der Mühle sind außerdem das Lokal Linse und die Vermietung von Veranstaltungs- und Tagungsräumen. Die Veranstaltungsflächen nutzt die Mühlen GmbH auch, um selbst Raum für Kunst, Kultur und Unterhaltung zu bieten, so gastiert beispielsweise in diesem und im nächsten Monat das Wiesbadener Galli-Theater dort. Die Mühleninsel bietet Anti-Stress-Training, Yogakurse, Muskelentspannungskurse und Psychotherapie. Daneben hat sich noch eine Hunde-Physiotherapiepraxis etabliert, eine der ganz wenigen in der Region, wie Geschäftsführer Huthmann sagt.

          Beste Kontakte pflegt die Mühlengesellschaft seit langer Zeit zu „Ursellis historica“, dem Oberurseler Mittelalterverein, der eine Wiese hinter dem Mühlengebäude gewissermaßen zum Vereinssitz gemacht hat. Mit Ritterspielen in voller Rüstung bietet der Verein bei Familienfesten einen spektakulären Einblick in vergangene Zeiten.

          Krebsmühle will Flüchtlingen helfen

          Wenn in der Gründungsphase Ende der 1970er Jahre Mitarbeiter der Deutschen Bank bei der Urzelle der Krebsmühle, der Arbeiterselbsthilfe Frankfurt, aufgekreuzt wären, hätte man gewiss nicht gemeinsam Zäune gestrichen. Und die 2010 vom Land Hessen verliehene Auszeichnung als Unternehmen des Monats, überreicht vom christdemokratischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, hätte drei Jahrzehnte früher gewiss mehr als eine Krisensitzung und hitzige Diskussionen in der Selbstverwaltung des Alternativbetriebs verursacht. Aber, wie sang Bob Dylan, der große Barde des alternativen Aufbruchs, dem auch Ex-Bundesaußenminister Fischer eine prägende Bedeutung zuschreibt: „Die Zeiten, sie ändern sich.“

          Die Zeiten schon, manche Überzeugungen und Ziele nicht: Und so denkt Johannes Schoeppe, heute im Vorstand des Krebsmühlen-Trägervereins Hilfe zur Selbsthilfe und seit den frühen Achtzigern dabei, mit seinen Mitstreitern gerade darüber nach, wie man für junge Flüchtlinge aus Syrien und den anderen Krisengebieten der Welt in der Krebsmühle Sprachunterricht organisieren könnte – als Hilfe zur Selbsthilfe.

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