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Straßenbahnlinie in Darmstadt : 7,1 Kilometer für 110 Millionen

Machbarkeitsstudie: Wird es bald eine Straßenbahnverbindung zwischen Darmstadt und Weiterstadt geben? Bild: Marcus Kaufhold

Eine neue Machbarkeitsstudie lässt das alte Projekt einer Straßenbahnlinie von Darmstadt nach Weiterstadt wieder aufleben. Doch das hat seinen Preis.

          3 Min.

          Die Stadt, der Landkreis Darmstadt-Dieburg und die südhessische Nahverkehrsorganisation Dadina nehmen einen neuen Anlauf zum Bau einer Straßenbahnlinie von Darmstadt nach Weiterstadt. Das haben vor zwei Wochen Oberbürgermeister Jochen Partsch und der Erste Kreisbeigeordnete Robert Ahrnt (beide Grüne) nach dem ersten südhessischen „Verkehrsgipfel“ mitgeteilt. Stadt und Kreis beginnen damit die Vorplanungen für ein Verkehrsprojekt neu, das nach langer Diskussion 2008 zurückgestellt worden war.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Als Grund gaben der damalige Verkehrsdezernent Klaus Feuchtinger (Die Grünen) und Weiterstadts Bürgermeister Peter Rohrbach (Alternative Liste) seinerzeit die finanzielle Situation beider Kommunen an. Weiterstadt, so sagte Rohrbach, könne sich Ausgaben von zehn bis 15 Millionen Euro nicht leisten. Auch Feuchtinger äußerte, für die Stadt gebe es angesichts der angespannten Haushaltssituation „keine Chance“, die Investitionen und die laufenden Kosten für eine neue Straßenbahnverbindung in die Nachbarstadt aufzubringen.

          Frage nach Finanzierbarkeit offen

          Die Frage der Finanzierbarkeit steht zwar auch zehn Jahre später grundsätzlich weiterhin im Raum. Ungeachtet davon stellt Darmstadt aber schon einmal 600.000 Euro für aktuelle Planungen zur Verfügung, mit denen eine neu zu gründende Planungsgesellschaft in diesem Jahr beginnen soll. Anlass dafür ist eine neue Machbarkeitsstudie zur Straßenbahnlinie Darmstadt–Weiterstadt, die im November in der Verbandsversammlung der Dadina vorgestellt worden war. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer der sechs untersuchten Trassenführungen ein Kosten-Nutzen-Faktor von 1,27 erreicht wird, weshalb „voraussichtlich“ mit einer Förderfähigkeit des Projekts gerechnet werden könne.

          Das gilt zwar auch für die alte, bis 2008 favorisierte Linienführung. Die Relation von Kosten und Nutzen fällt aber bei der neuen „Vorzugsvariante“ deutlich besser aus: Ein um fast 15 Prozent höherer Nutzen stehen um fünf Prozent gesunkene Kosten gegenüber.

          „Vorzugsvariante“

          Diese Verschiebungen liegen vor allem daran, dass gegenüber der früher favorisierten Führung die Straßenbahn künftig über die Darmstädter Straße und die Bahnhofstraße führen soll und damit durch die Weiterstädter Innenstadt. Variante vier, die „Vorzugsvariante“, würde etwa so verlaufen: Von der Wendeschleife südlich der Braunshardter Forststraße zweigleisig entlang an der Eisenbahnlinie nach Osten über die Landstraße 3094 zum Weiterstädter Bahnhof, dann nach Süden durch die Bahnhofstraße auf die Darmstädter Straße bis zur B42. Von dort weiter über die Straße Im Rödling, um dann die Autobahn 5 auf Höhe des Einkaufzentrums Loop zu queren. Von hier könnte die Straßenbahnstrecke weiter durch den Stadtteil Riedbahn auf der Riedbahn/Mainzerstraße, die Michaelisstraße sowie den Dornheimer Weg durch die Darmstädter Waldkolonie führen und von dort an der Starkenburg-Kaserne vorbei über die Dornheimer Brücke bis zur Ostseite des Darmstädter Hauptbahnhofs.

          Wie das beauftragte Ingenieurbüro Raboll Transport errechnet hat, wäre für eine solche 7,1 Kilometer lange Strecke mit Baukosten von rund 110 Millionen Euro zu rechnen (Preisstand 2030). Hinzu kämen Planungskosten. Die, das deutet sich an, wären nicht unerheblich. Zwar hält die Studie eine Führung der Straßenbahn durch die Ortsmitte Weiterstadts für machbar, aber auch nur, wenn Gestaltung und Funktion der Straßen entsprechend angepasst werden. Was wiederum als nicht einfach eingeschätzt wird, da bestimmte „Regelwerke“ in der Darmstädter und Bahnhofstraße auf längeren Abschnitten nicht eingehalten werden könnten und es überdies eine „hohe Anzahl von direkt Betroffenen“ gebe.

          Mögliche Lösungen müssten daher unter Beteiligung aller Betroffenen abgestimmt werden. Überdies entstünden lange Bauabschnitte auf beiden Straßen, deren Kosten derzeit nicht förderfähig seien, und es sei zudem unklar, ob die Dornheimer-Weg-Brücke für eine Straßenbahn ausgelegt sei und der Knotenpunkt der B42/Darmstädter Straße von der Straßenbahn gequert werden könne.

          Vertiefte Studien sind nötig

          Das Ingenieurbüro hält vertiefte Studien ebenfalls für nötig, um die Frage zu klären, wie die Autobahn überquert werden soll (auf der vorhandenen Wegbrücke oder durch die Unterführung der ehemaligen Riedbahn) und ob die Brücke „Dornheimer Weg“ überhaupt so umgebaut werden kann, dass sie auch eine Straßenbahn trägt. Dazu sei ein brückentechnisches Gutachten erforderlich.

          Auf die Planer kommt also viel Arbeit zu. Aber auch auf die Politiker. Während die Dadina und die Stadt Darmstadt dem Straßenbahn-Projekt positiv gegenüberstehen, muss die Stadt Weiterstadt grundsätzlich klären, ob sie den Weg einer intensivierten Planung mit gehen will. In die Diskussion spielen dabei nicht nur Unwägbarkeiten hinein wie etwa die gleichzeitig laufenden Planungen für die neue ICE-Trasse Frankfurt–Mannheim. Auch die finanziellen Folgen sind neu zu bewerten.

          Bestätigt sich der vom beauftragten Büro ermittelte positive Kosten-Nutzen-Faktor, läge die Förderung durch Bund und Land nicht bei 100, sondern bei 60 bis 70 Prozent. Die laufenden Kosten des Straßenbahnbetriebes, den Feuchtinger vor zehn Jahren mit rund 600.000Euro bezifferte, wären zusätzlich von den Betreibern aufzubringen. Diese Summe wollte Feuchtinger damals zu je einem Drittel von Darmstadt, Weiterstadt und dem Dadina-Zweckverband finanzieren lassen.

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