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Projekt: Förderschule : Mit belegten Brötchen zum Schulabschluss

  • -Aktualisiert am

Sie müssen sich formgerecht bewerben, um sich ihre Brötchen verdienen zu können: die Schüler der Karl-Krolopper-Schule - Förderschule. Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Karl-Krolopper-Förderschule unterrichtet Kinder mit Lernschwächen - in kleineren Klassen und ungewöhnlichem Projektunterricht. Fast alle Schüler machen den Abschluss.

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          Der fünfzehn Jahre alte Yassin ist Koch, Verkäufer und Buchhalter in einer Person. An der Karl-Krolopper-Förderschule in Kelsterbach wird er nur der „Pausenkönig“ genannt. Ohne ihn stünden viele Mitschüler mit knurrendem Magen auf dem Pausenhof. Er stillt ihren Hunger mit belegten Brötchen und Brezeln für 40 Cent oder mit Knoppers für 30 Cent. Durstige Kunden können bei ihm Wasser und Apfelschorle für 60 Cent inklusive Pfand kaufen.

          Yassin ist nicht der einzige „Pausenkönig“. Elf Mitschüler der Kelsterbacher Förderschule arbeiten im Schülerunternehmen „Pausenkönige“ und betreiben den gleichnamigen Schulkiosk. Yassin war am Morgen schon zusammen mit einigen Mitschülern im Supermarkt, um Wurst, Käse und Wasser zu kaufen. „Ganz allein“, wie er mit Stolz hervorhebt.

          „Ein bisschen Kontrolle gibt es natürlich trotzdem“

          Katharina Seitz beobachtet den routinierten Yassin von weitem und lässt den Jungen seine Arbeit machen. Die 33 Jahre alte Lehrerin ist die Geschäftsführerin der „Pausenkönige“. Bei ihr müssen sich die Schüler mit Anschreiben und Lebenslauf um eine Stelle bewerben und bekommen einen Arbeitsvertrag - so wie im Berufsleben später auch. Jeden Tag müssen die Jugendlichen der Nachfrage nach Brezeln und Brötchen gerecht werden, genügend Vorräte einkaufen und am Ende des Tages korrekt abrechnen. „Ein bisschen Kontrolle gibt natürlich trotzdem“, sagt Lehrerin Seitz. Sie zeichnet ab, ob der Betrag in der Kasse noch stimmt.

          Die Schüler dieser Klasse machen einen sogenannten berufsorientierenden Abschluss. Er sei eine Chance für alle Schüler, die keinen Hauptschulabschluss machen könnten, sagt Seitz. Denn damit könnten sie eine Lehre beginnen oder auf eine Berufsschule gehen. Der Projektunterricht ist Pflicht. Mittlerweile nehmen die „Pausenkönige“ kleinere Aufträge außerhalb der Schule an. Die Schüler haben schon Magistratssitzungen der Stadt Kelsterbach mit belegten Brötchen beliefert, und für Veranstaltungen der evangelischen Gemeinde übernehmen sie gelegentlich das Catering. Mit großem Erfolg: „Wir schreiben schwarze Zahlen“, sagt die Lehrerin. Am Ende des Schuljahres wird der Gewinn in eine Fahrt zum Europapark investiert. Der wirtschaftliche Erfolg der „Pausenkönige“ und das positive Feedback der Mitschüler und Erwachsenen über die selbstgemachten Leckereien motiviere die Jugendlichen, die Schwierigkeiten beim Lernen haben, sagt Seitz. „Die Schüler werden darin bestätigt, dass sie etwas können.“

          „Dumm sind sie auch nicht“

          Das Selbstwertgefühl stärken, Motivation entwickeln und wieder lernen, dass Schule Spaß machen kann: Für die 90 Kinder und Jugendlichen an der Karl-Krolopper-Schule ist dies eine neue Erfahrung. Schulleiter Jürgen Seeberger spricht von einer „negativen Schulkarriere“. Seine Schüler kommen von Regelschulen aus Kelsterbach und Raunheim. Sie konnten dem Lernpensum ihrer Mitschüler nicht mehr folgen. Ein „sonderpädagogischer Lernbedarf“ wurde festgestellt, die Schüler an die Förderschule verwiesen.

          Die wenigsten seien aus medizinischen Gründen am Lernen gehindert, sagt Schulleiter Seeberger. „Dumm sind sie auch nicht.“ Vielmehr seien soziale Gründe Ursache der Lerndefizite der Schüler. Am Anfang kämen die Kinder im Regelunterricht nicht mehr mit, die Eltern seien mit der Situation überfordert und könnten ihre Kinder nicht angemessen unterstützen. Am Ende hätten sich die Kinder und Jugendlichen „aufgegeben“.

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