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„Evakuieren“ in Frankfurt : Das ist jetzt bestimmt Kunst

Lektion im Warten: Akira Takayama leitet mit seinem Projekt dazu an, dem Alltag zu entfliehen. Bild: Wonge Bergmann

Als Gorilla durch die Stadt: Noch bis Sonntag lädt ein Projekt des Mousonturms zum „Evakuieren“ ein und bietet so eine Fluchtmöglichkeit aus dem Herkömmlichen und Bekannten an.

          3 Min.

          Der Mutter ist die Sache nicht geheuer. Sie zieht ihre kleine Tochter am Jackenärmel weg. Da winkt man mal freundlich, einfach so, am hellichten Tag Wildfremden zu – und dann das. So also fühlt es sich an, als Gorilla in der Stadt unterwegs zu sein. Schwierig, einer misstrauischen Mutter zu versichern, man sei ganz und gar harmlos. Schließlich ist ein Gorilla in der Ostendstraße an sich schon ungewöhnlich genug. Aber ein sprechender Gorilla? Besser nichts sagen und stumm weitertappen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gorilla zu sein, hat allerdings auch enorme Vorteile: Es ist einem vieles von Herzen wurst, was ohne Zottelfell tierisch nerven würde. Ach, Gorilla sollte man jede Woche ein paar Stündchen lang sein! Noch von Freitag bis Sonntag hängen im Etablissement „New am Zoo“ in der Zoopassage Gorillas, Eisbären und Phantasie-Zotteltiere zum Ausleihen. Und dann muss man raus.

          Eine künstlerische Wundertüte

          Die öligen Jungs im Muskelshirt vor der Passage gucken so, als könne sie das überhaupt nicht überraschen. Sie sind offenbar keine Kandidaten für „Evakuieren“. Die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, sich gegebenenfalls auch zum Affen zu machen, gehört unbedingt dazu bei dem Großprojekt, das man nur noch bis Sonntag kreuz und quer in Frankfurt und im gesamten Rhein-Main-Gebiet erleben kann. Die Idee des Japaners Akira Takayama: Er inszeniert alltägliche Orte so, dass wir sie evakuieren können, eine Flucht antreten aus dem Herkömmlichen, Bekannten. Zwangsläufig lernt man dabei eine Menge völlig fremder Orte kennen, die doch nur ein paar Meter links oder rechts der gewohnten Routen liegen. Hauptwache, Taunusanlage, Bahnhof: Es ist ein Augenöffner, eine Anleitung zum Neu-Denken, dieses „Evakuieren“, ein Kunstprojekt des Mousonturms mit den Staatstheatern Mainz und Darmstadt.

          Auf der Homepage www.evakuieren.de muss man nur ein paar Fragen beantworten und den Plan studieren, den der Computer ausspuckt. Man kann auch lediglich nachsehen, welche der 40 Stationen am jeweiligen Tag geöffnet sind, und sich seine eigene Tour zusammenstellen. Etwa 100 Künstler und Mitarbeiter haben das Projekt verwirklicht, eine Art künstlerische Wundertüte mit Performances, Videoinstallationen, Hörspielen, kleinen Aufgaben. Die Sache kostet – fast – nur Zeit: Eine Fahrkarte für S-Bahn, U-Bahn oder Tram reicht, um in Rüsselsheim und Mainz, in Hanau und Wiesbaden, in Griesheim und im Ostend das Unerwartete zu treffen. Im „Rübezahl“, der Raucherkneipe in der B-Ebene der Konstablerwache allerdings ist es eher die Stammkundschaft, die vom Unerwarteten getroffen wird. Die Bedienung schaut kurz auf den ausgedruckten „Evakuieren“-Plan, nickt wortlos und reicht einen MP3-Player über den Tresen, um gleich wieder Schnaps in Miniaturtassen zu füllen. Die Stimme aus dem Kopfhörer befiehlt, vor den Säulen in der B-Ebene Aufstellung zu nehmen für eine Lektion in „Warten, dass etwas passiert“.

          Japanischer Alltag in Frankfurt

          Der Hörer guckt und staunt, plötzlich sieht die B-Ebene aus wie eine Theaterkulisse. Sind die Wachleute an der Ecke von den Künstlern bestellt? Fast passen sie zu gut zu dem Text im Ohr. Das Zechertrio am Stehtisch ist irritiert wie das Personal bei Karstadt. Auch da steht die Kunst irgendwie im Raum, lockt Leute an, die Zettel mit kleinen Notausgangs-Logos dabei haben. In der Parfümabteilung kleben Puderdöschen in fünf Hautfarbentypen, wie fünf Kontinente. „Das soll die Kunst sein“, sagt eine Verkäuferin etwas ratlos. Immerhin, man kommt schon ins Grübeln. Vielleicht nicht gerade darüber, wie das Leben sich grundlegend verändern ließe. Eher zum Beispiel, ob man nicht ein bisschen mehr Geld in Kosmetik investieren sollte. Vielleicht wäre dann sogar jemand ins Café Mozart gekommen? Wer dort seine Lektion „Vergeblich auf jemanden warten“ übt, bekommt erst eine enthusiastische Begrüßung im Samengeschäft nebenan. Und eine Überraschung. Und bemerkt, vielleicht zum ersten Mal, die vielen Baustellen mitten in der Stadt. Japanische Touristen bewundern den Stoltze-Turm, der dadurch plötzlich sichtbar geworden ist, und tragen tütenweise Qualität made in Germany mit sich herum. Unterdessen können wir an der Hanauer Landstraße, mitten in einer Baumarktausstellung, den japanischen Alltag nach Fukushima kennenlernen. Oder zum ersten Mal einen vietnamesischen Tempel besuchen. Und auf dem Rückweg vielleicht noch einmal Gorilla spielen.

          Die nette junge Frau, die hilft, den Reißverschluss am Rücken zu schließen, sagt, neulich hätten zwei Damen im Zottelkostüm den Zoo besucht. Und eine war sogar essen in einem Restaurant. Vielleicht das nächste Mal. Man müsste Frankfurt jeden Tag ein bisschen evakuieren.

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