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Projekt der Diakonie : Gemeinsam im Kampf gegen die Einsamkeit

Haltepunkt: Der ehrenamtliche Helferin Marion Hofmann besucht Wolfgang Degenhardt in seiner Wohnung. Bild: Frank Röth

Eine schwere Krankheit wirft Wolfgang Degenhardts Leben aus der Bahn. Mehr noch als an den Schmerzen leidet der Physiker unter einer erdrückenden Vereinsamung. Ein Projekt der Diakonie soll ihm neuen Lebensmut zu geben.

          Als das Licht des Wintertags schwindet, beginnt für Wolfgang Degenhardt eine Glückssträhne. Full House, Große Straße und Kniffel in zwei Würfen. Besser geht’s kaum. Langsam nimmt der Sechzigjährige, der in einem Stuhl mit vier Rollen sitzt, die fünf Würfel und legt sie zurück in den Becher. Dann schüttelt er den Kopf. Degenhardt sieht jetzt aus wie einer, der nicht glauben kann, dass er wirklich einmal Glück hat. Und wenn’s auch nur beim Würfeln ist.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Leben hat es nicht immer gut gemeint mit ihm. Nun sitzt Degenhardt in seinem Elternhaus in Bornheim. Die Eltern sind tot, er hat keine Frau, er hat keine Kinder, er hat keine Freunde. Und schwer krank ist er auch. Manchmal muss die Einsamkeit erdrückend sein.

          Plötzlich allein und eine lange Krankengeschichte

          Im Wohnzimmer steht ein Pflegebett. 17 von 24 Stunden liegt Degenhardt dort. Jeden Tag. Er hört viel Musik, am liebsten Klassik, keinen Schlager. „Und auch nicht dieses Rap.“ Die CD-Sammlung hat er längst digitalisiert, er hört sie über einen Laptop. Degenhardt wohnt im Erdgeschoss, Blümchentapete im Flur, Schrankwand, zwölf bemalte Teller über dem Heizkörper, ein Rollstuhl neben der Tür zum kleinen Garten. An Degenhardts Bett stehen drei gerahmte Fotos: links die Mutter, rechts der Vater, in der Mitte die Alte Oper. Vor ein paar Jahren starben die Eltern, kurz nacheinander. „Ich war auf einmal hier allein“, sagt Degenhardt. „Von da an ging es mit der Gesundheit nach unten.“

          Seine Krankheitsgeschichte beginnt 2003. Degenhardt, Mitte vierzig, 2,04 Meter groß, wiegt damals 170 Kilo. Er ist zu dick, an den Beinen hat er offene Wunden. Deshalb geht er zum Hausarzt. Der Doktor hört ihn ab und sagt: „Ihr Herz ist nicht in Ordnung.“ Degenhardt kommt ins Krankenhaus, der Blutdruck ist bei 280 zu 200, Gesunde haben einen Wert von 120 zu 80. „Da haben sie mich gleich dabehalten.“ Ein Blutbild weist Diabetes nach, außerdem leidet Degenhardt an „totaler Arhythmie und Herzinsuffizienz rechtsseitig“. Der Bluthochdruck erweist sich als chronisch. Zunächst bekommt er nur Tabletten gegen den Diabetes – und arbeitet weiter als Physiker an der Uni.

          Ein Modellprojekt nicht nur fürs hohe Alter

          Allmählich wird es dämmrig im Wohnzimmer. Degenhardt schiebt den Stuhl mit Hilfe seiner Füße über den Holzboden bis hin zu einem Tisch mit Glasplatte. Darauf steht Kaffee und Gebäck, denn er hat Besuch. Marion Hofmann ist da, sie ist der Anker in Degenhardts Woche. Im Auftrag der evangelischen Diakoniestation kommt sie wöchentlich für zwei Stunden vorbei. Einfach so, ohne bestimmtes Ziel. Seine Helferin im Kampf gegen die Einsamkeit. Das Modellprojekt, das es seit 2015 gibt, heißt „Gemeinschaft wagen“. Etwa 25 Ehrenamtliche betreuen ungefähr 30 Klienten. Für eine Aufwandsentschädigung von 12,50 Euro die Stunde. Hofmann sagt: „Ich werd’ auch mal alt. Wer weiß, wie ich werde. Die Kraft ist jetzt noch da. Ich will helfen. Wir sind ja die nächste Generation. Ich habe Angst, dass mich dann keiner pflegt.“

          Das Kniffeln war Hofmanns Idee. „Das ist was, was ich sonst nicht mache“, sagt Degenhardt. Die beiden würfeln aber nicht nur. Oft unterhalten sie sich bloß, zum Beispiel über alte Lehrer. Schließlich sind beide in Bornheim zur Schule gegangen. Hofmann, 64 Jahre alt, blaue Strickjacke, fester Händedruck, sagt: „Und er weiß ja auch so viel.“ Degenhardt schaut ein wenig verlegen drein.

          Mit den Jahren wird es schlimmer mit seiner Gesundheit. Immer wieder muss Degenhardt ins Krankenhaus, oft wochenlang. Manchmal stürzt er, die Knochen sind brüchig. Der Körper streikt immer öfter. Am Arm trägt er ein Band mit einem roten Knopf. Damit kann er Hilfe rufen. Denn allein kommt Degenhardt nicht mehr vom Boden hoch. Außerdem braucht er orthopädische Schuhe. Mit einem Rollator kann er damals aber noch alleine zur Bank und zum Supermarkt gehen.

          Auf ständige Hilfe angewiesen zu sein, schützt nicht vor Einsamkeit

          Marion Hofmann kümmert sich seit Jahren um einsame, kranke Menschen. Die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder mag diese Aufgabe. Sie weiß aber auch, dass der Klient und sie zueinander passen müssen. Das ist nicht immer so. „Es gibt ältere Menschen, die sind sehr skeptisch“, sagt Hofmann. Die lassen keinen an sich heran. Dann ist es schwer, die Einsamkeit zu durchdringen. Viele Ältere achten auch sehr auf Pünktlichkeit, Benehmen, das Äußere, wie Hofmann beobachtet hat. „Ist die Bluse in Ordnung? Liegen die Haare richtig?“ Sie hat schon erlebt, wie eine alte Frau mitten durch das ganze Café nach einer Kellnerin gerufen hat, weil der Cappuccino nicht so viel Sahne hatte wie beim letzten Mal. Manche haben einfach nur Angst: „Da kommt wieder ’ne Fremde.“ Hofmann hat schon ihre Eltern gepflegt. Manche ihrer Klienten sagen: „Ich bin ja eh nicht mehr lange da.“ Sie antwortet dann: „Das können Sie nicht wissen.“

          Wolfgang Degenhardt wartet immer schon darauf, dass Marion Hofmann klingelt. Sie sagt: „Ruckzuck ist er an der Tür.“ Er sagt: „Naja, wenn ich weiß, dass sie kommt, setze ich mich schon mal in den Stuhl.“ Was sie dann machen? Er sagt: „Wir erzählen uns gewisse Erlebnisse.“ Sie sagt: „Mhm, ja.“ Pause. Dann sagt sie: „Manchmal haben wir auch unseren Ruhigen.“ Er nickt.

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          Im November 2017 erleidet Degenhardt eine Blutvergiftung. Er steht kurz vor der Amputation eines Unterschenkels. Das passiert nicht, aber ein Fuß ist seitdem deformiert. Statt 170 Kilo wie früher wiegt der große Mann nur noch 109 Kilo. 15 Wochen liegt er damals im Krankenhaus. Seitdem kann er ohne Rollstuhl das Haus nicht mehr verlassen. Weil er außerdem an Gicht erkrankt, braucht er immer jemanden, der ihn schiebt. Unter dem Dach wohnt mittlerweile eine Dauerpflegerin in einer eigenen Wohnung. Im ersten Stock, den Degenhardt schon lange nicht mehr betreten kann, lebt eine Familie zur Miete.

          Berufskrankheit: Science-Fiction

          Draußen hat es zu nieseln begonnen, drinnen schaltet Marion Hofmann das Licht ein. Gerade schüttelt Degenhardt wieder den Becher kräftig, die fünf Würfel lässt er weich auf einen Untersetzer fallen. Er sortiert sie und lässt drei liegen – „gar nicht übel“. Nach dem dritten Wurf notiert er das Ergebnis auf seinem Kniffel-Zettel.

          Wenn die zwei Stunden vorbei sind, wartet wieder eine lange Woche auf Degenhardt. Er wird viel liegen, oft Musik hören, hin und wieder lesen. „Ein Laster der Physiker habe ich behalten: das Verschlingen von Science-Fiction-Literatur. Das ist eine Berufskrankheit“, sagt er. „Sonst bin ich für Unterhaltung aufs Fernsehen angewiesen.“ Blockbuster sieht er gerne, aber auch politische Talkshows, außerdem Opern auf Arte. „Ab und zu gucke ich auch den Lichter mit seinem ,Bares für Rares’, obwohl ich den Kerl fürchterlich finde.“

          Soll Wolfgang Degenhardt erklären, warum ihm der Besuch von Marion Hofmann gut tut, sagt er: „Es ist schön, dass ich einmal in der Woche das Gefühl habe, dass jemand nur meinetwegen kommt.“ Und wenn Marion Hofmann nach den Treffen in ihrem Auto sitzt, denkt sie manchmal: „Das war ja heute wieder lustig.“

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