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Projekt der Diakonie : Gemeinsam im Kampf gegen die Einsamkeit

Mit den Jahren wird es schlimmer mit seiner Gesundheit. Immer wieder muss Degenhardt ins Krankenhaus, oft wochenlang. Manchmal stürzt er, die Knochen sind brüchig. Der Körper streikt immer öfter. Am Arm trägt er ein Band mit einem roten Knopf. Damit kann er Hilfe rufen. Denn allein kommt Degenhardt nicht mehr vom Boden hoch. Außerdem braucht er orthopädische Schuhe. Mit einem Rollator kann er damals aber noch alleine zur Bank und zum Supermarkt gehen.

Auf ständige Hilfe angewiesen zu sein, schützt nicht vor Einsamkeit

Marion Hofmann kümmert sich seit Jahren um einsame, kranke Menschen. Die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder mag diese Aufgabe. Sie weiß aber auch, dass der Klient und sie zueinander passen müssen. Das ist nicht immer so. „Es gibt ältere Menschen, die sind sehr skeptisch“, sagt Hofmann. Die lassen keinen an sich heran. Dann ist es schwer, die Einsamkeit zu durchdringen. Viele Ältere achten auch sehr auf Pünktlichkeit, Benehmen, das Äußere, wie Hofmann beobachtet hat. „Ist die Bluse in Ordnung? Liegen die Haare richtig?“ Sie hat schon erlebt, wie eine alte Frau mitten durch das ganze Café nach einer Kellnerin gerufen hat, weil der Cappuccino nicht so viel Sahne hatte wie beim letzten Mal. Manche haben einfach nur Angst: „Da kommt wieder ’ne Fremde.“ Hofmann hat schon ihre Eltern gepflegt. Manche ihrer Klienten sagen: „Ich bin ja eh nicht mehr lange da.“ Sie antwortet dann: „Das können Sie nicht wissen.“

Wolfgang Degenhardt wartet immer schon darauf, dass Marion Hofmann klingelt. Sie sagt: „Ruckzuck ist er an der Tür.“ Er sagt: „Naja, wenn ich weiß, dass sie kommt, setze ich mich schon mal in den Stuhl.“ Was sie dann machen? Er sagt: „Wir erzählen uns gewisse Erlebnisse.“ Sie sagt: „Mhm, ja.“ Pause. Dann sagt sie: „Manchmal haben wir auch unseren Ruhigen.“ Er nickt.

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Im November 2017 erleidet Degenhardt eine Blutvergiftung. Er steht kurz vor der Amputation eines Unterschenkels. Das passiert nicht, aber ein Fuß ist seitdem deformiert. Statt 170 Kilo wie früher wiegt der große Mann nur noch 109 Kilo. 15 Wochen liegt er damals im Krankenhaus. Seitdem kann er ohne Rollstuhl das Haus nicht mehr verlassen. Weil er außerdem an Gicht erkrankt, braucht er immer jemanden, der ihn schiebt. Unter dem Dach wohnt mittlerweile eine Dauerpflegerin in einer eigenen Wohnung. Im ersten Stock, den Degenhardt schon lange nicht mehr betreten kann, lebt eine Familie zur Miete.

Berufskrankheit: Science-Fiction

Draußen hat es zu nieseln begonnen, drinnen schaltet Marion Hofmann das Licht ein. Gerade schüttelt Degenhardt wieder den Becher kräftig, die fünf Würfel lässt er weich auf einen Untersetzer fallen. Er sortiert sie und lässt drei liegen – „gar nicht übel“. Nach dem dritten Wurf notiert er das Ergebnis auf seinem Kniffel-Zettel.

Wenn die zwei Stunden vorbei sind, wartet wieder eine lange Woche auf Degenhardt. Er wird viel liegen, oft Musik hören, hin und wieder lesen. „Ein Laster der Physiker habe ich behalten: das Verschlingen von Science-Fiction-Literatur. Das ist eine Berufskrankheit“, sagt er. „Sonst bin ich für Unterhaltung aufs Fernsehen angewiesen.“ Blockbuster sieht er gerne, aber auch politische Talkshows, außerdem Opern auf Arte. „Ab und zu gucke ich auch den Lichter mit seinem ,Bares für Rares’, obwohl ich den Kerl fürchterlich finde.“

Soll Wolfgang Degenhardt erklären, warum ihm der Besuch von Marion Hofmann gut tut, sagt er: „Es ist schön, dass ich einmal in der Woche das Gefühl habe, dass jemand nur meinetwegen kommt.“ Und wenn Marion Hofmann nach den Treffen in ihrem Auto sitzt, denkt sie manchmal: „Das war ja heute wieder lustig.“

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