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Professur für Landesgeschichte : Die Suche nach dem Hessen-Gen

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Professorin für Hessische Landesgeschichte: Sabine Mecking. Bild: Carlos Bafile

Sabine Mecking ist Hessens einzige Professorin für Landesgeschichte. Im Interview spricht sie über die Regionalkultur – und warum Hessen schwierig zu charakterisieren sind.

          Frau Mecking. Sie haben zum Wintersemester 2018/2019 in Marburg die neue Professur für Hessische Landesgeschichte angetreten. Was ist Hessen für Sie?

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zunächst einmal ein interessanter Untersuchungsraum. Als Zeit- und Landeshistorikerin nehme ich nicht nur die Zeit, sondern auch den Raum ernst. Die Region Hessen ist für mich eine Untersuchungsebene, auf der ich historische Prozesse beobachten und analysieren kann.

          Den Staat Hessen gibt es erst seit 1945, geschaffen in seinen heutigen Grenzen von der amerikanischen Militärregierung. Ist das Land nicht immer noch ein Kunstgebilde, ein Flickenteppich?

          Die meisten deutschen Flächenländer sind weitgehend Kunstgebilde, mit Ausnahmen wie Bayern und Sachsen. Viele Länder sind nach 1945 unabhängig von historisch gewachsenen Gegebenheiten gegründet worden. Hessen mit der Vielzahl von Kleinstaaten und Fürstentümern ist allerdings schon ein speziellerer Fall. Aber seit der Gründung Hessens sind mehr als 70 Jahre vergangen, eine Zeit, die drei Generationen geprägt hat, und das zählt auch. Der Begriff Flickenteppich führt eher in die Irre, für Hessen ist heute das Bild von der „Vielfalt in der Einheit“ wohl treffender.

          Gibt es eine hessische Identität?

          Im Singular finde ich den Begriff schwierig, was soll das in einem facettenreichen Land wie Hessen mit seiner vielfältigen Gesellschaft genau sein? Auf einer Fachtagung zum Landesjubiläum hieß es denn auch: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“

          Also keine hessische Identität?

          Man sollte sich eher die Frage stellen, inwieweit es ein Landesbewusstsein geben kann, und was hierfür die Kristallisationskerne sein könnten. Dies könnten Sprache oder ein besonderer Dialekt, historische Traditionen oder topographische Besonderheiten sein. Doch all dies ist in einem größeren Flächenland zumeist wenig homogen und eignet sich damit kaum als Identitätsanker. Fragt man sich, wer oder was sich als Träger von Landesbewusstsein letztlich eignet, dann gelangt man recht schnell zu den politischen und staatlichen Institutionen – etwa Landtag, Landesbehörden und -einrichtungen oder Schule. Landesbewusstsein ist letztlich genau wie eine Nationalidentität etwas Konstruiertes.

          Gibt es Hessen auch jenseits der politischen Strukturen, in den Köpfen und Herzen der Menschen?

          Das ist eine genauere Untersuchung wert, und die Untersuchung von Regionalkulturen ist auch eine Aufgabe der Landesgeschichte. Sicher gibt es Werte – Demokratie, Freiheit, Menschenrechte – die die Menschen in Hessen grundsätzlich einen; aber das ist nichts typisch Hessisches. Die im Bundesland zusammengefassten Regionen und Territorien haben sich über Jahrhunderte Identitäten geschaffen, die bis heute fortwirken, aber durch veränderte geographische Zuschnitte und andere, neue Identitätsentwürfe überlagert wurden und werden.

          Sie meinen die Befruchtung von jenseits der Landesgrenzen?

          Ja, denn natürlich sind viele Menschen von außerhalb nach Hessen gekommen, die eigene Überzeugungen, Werte und Identitäten mitgebracht haben. Das führt zu einer spezifischen Art von Regionalkultur, die sich im Handeln von Menschen äußert. Hier setzt eine moderne Landes- und Regionalgeschichte mit ihren Fragen und Methoden an.

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