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Bauernmolkerei-Chefin : „Produzenten müssen handeln“

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Kann ihren Lieferanten stabil hohe Milchpreise zahlen: Karin Artzt-Steinbrink, Geschäftsführerin der auf Bio-Milch spezialisierten Upländer Bauernmolkerei Bild: Daniel Pilar

Bio-Bauern freuen sich, anders als ihre konventionellen Kollegen, über stabil hohe Milchpreise. Karin Artzt-Steinbrink, Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei, über die Milch-Krise und Gefahren für den Biomarkt.

          Frau Artzt-Steinbrink, erstmals ist in Deutschland in dieser Woche der Preis, den ein Bauer für ein Kilogramm Frischmilch von einer Molkerei bekommen kann, unter 20 Cent gefallen; in den Regalen der Supermärkte in Hessen steht konventionell erzeugte Milch für 46 Cent. Ist das einfach der Markt, muss man das ein Drama nennen?

          Das ist ein Drama, ein richtiges Drama für alle, die davon betroffen sind.

          Landwirte, die zum Beispiel das Deutsche Milchkontor beliefern, erhalten 21 Cent je Kilogramm. Ihre Molkerei ist auch ähnlich einer Genossenschaft verfasst, allerdings sehr viel kleiner als das Milchkontor, und verarbeitet Biomilch. Was zahlt ihr Betrieb den Bauern?

          Unsere Landwirte bekommen 47 Cent.

          Wie lange können Sie so einen Preis noch gewähren?

          Leider sind ja bei Aldi in der vergangenen Woche auch die Preise für Biomilch gesenkt worden. Jetzt müssen wir abwarten, wie stark auch der Bio-Sektor insgesamt unter Druck gerät. Bisher halten unsere Kunden uns die Treue, so dass wir auch unsere Auszahlungspreise an die Bauern beibehalten können.

          Wie war das bei ähnlichen Krisen in der Vergangenheit? Vom Marktgeschehen komplett abkoppeln können Sie sich doch sicher nicht?

          In den vergangenen Monaten hat sich der Bio-Markt komplett unabhängig verhalten. Die Molkereien, die Biomilch verarbeiten, mussten keine Preissenkungen vornehmen. Wenn „Bio“ auch unter Druck geriete, würden natürlich dieselben Mechanismen zum Tragen kommen wie jetzt bei der konventionellen Milch, mit denselben Problemen für die Bauern.

          Der Markt, das sind ja viele: Die Landwirte, die Molkereien. Der Handel, die Industrie, die Verbraucher. Sehen Sie einen, der die Schuld hat an der aktuellen Misere?

          Es gibt eine ganze Menge, was da zusammenkommt. Eine Erklärung für die Krise, die auch offiziell oft vorgebracht wird, sind das russische Handelsembargo und die rückläufige Nachfrage aus China. Ich glaube, das sind Faktoren, die zusätzlich die Lage verschärfen. Die Ursache sind sie nicht.

          Im letzten Jahr, in dem es noch die Milchquote gab, ist diese um knapp vier Prozent überliefert worden, nach Ende der Quote ist noch mehr produziert worden. Es gibt also einfach zu viel Milch. Richtig?

          Nach dem Wegfall der Quote haben viele Landwirte ihre Milchmenge gesteigert, das stimmt.

          Weil sie gehofft haben, mehr absetzen zu können. Ist das nicht unternehmerisches Risiko?

          Die Bauern haben das nicht einfach aufs Geratewohl gemacht. Ihnen ist von den großen Molkereien, vom Bauernverband, von der Politik gesagt worden: ,Ihr könnt ruhig steigern, der Markt wird das aufsaugen‘. Das ist aber nicht passiert.

          Was muss jetzt passieren?

          Mich wundert, dass so lange daran festgehalten wird, die Milchmenge nicht zu reduzieren.

          Der Bund der Milchviehhalter hat schon mehrfach Maßnahmen zur Senkung der Menge gefordert, unter anderem durch staatliche Interventionsprogramme.

          Das ist als Wunsch nach Wiedereinführung der Quote durch die Hintertür kritisiert worden. Es wäre aber einfach vernünftig, die Menge der Milch, die auf den Markt kommt, zu begrenzen.

          In der Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich in einem Branchenblatt eine Prognose vom Herbst vergangenen Jahres gelesen, in der von massiv steigenden Milchpreisen auf dem Weltmarkt die Rede war, mit der Vorhersage, das werde sich auch hierzulande in stabil steigenden Erträgen niederschlagen. Gekommen ist es ganz anders. Von Herbst 2015 bis heute: Müsste man für einen solch kurzen Zeitraum nicht zuverlässig etwas vorhersagen können?

          Man kann es offenbar nicht. Das Zusammenspiel auf dem Weltmarkt ist inzwischen hochkomplex. Politik spielt eine Rolle, das Wetter in einzelnen Ländern, das wiederum die landwirtschaftlichen Erträge beeinflusst und damit die Nachfrage, die wiederum Einfluss auf die Produktion in anderen Ländern hat: Vorhersagen über Entwicklungen, die Bestand haben, sind immer schwerer möglich. Aber noch einmal: Man braucht Maßnahmen zur Regulierung, die in Krisen wie der jetzigen greifen. Es ist für mich unbegreiflich, warum da bis jetzt nichts passiert ist.

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