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Bauernmolkerei-Chefin : „Produzenten müssen handeln“

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Der Bundeslandwirtschaftsminister setzt vorerst auf freiwillige Mengenreduzierung. Ist das der Weg, der gegangen werden muss?

Die Politik muss handeln, meine ich. Aber die Produzenten müssen auch aktiv werden. Wir sind es mit unserem Betrieb jedenfalls geworden.

Was haben Sie getan?

Die Landwirte haben schon im vergangenen Jahr eine bedarfsorientierte Mengenregulierung beschlossen. Ich wundere mich, dass das nicht mehr Nachahmer gefunden hat.

Eine Herde kann man nicht in kurzer Zeit verkleinern. Wenn Landwirte die Menge begrenzen, was passiert mit der Milch? Wird sie in den Gully gekippt?

Bei uns funktioniert das so: Zuerst wird, wenn sich eine entsprechende Entwicklung abzeichnet, die Menge, die jeder Landwirt an die Molkerei liefern darf, eingefroren. Wer trotzdem mehr liefert, bekommt für diese Übermenge einen schlechteren Preis. Der Landwirt selbst kann, um die Milchmenge in seinem Stall zu senken, zum Beispiel Investitionen in den Aufbau einer größeren Herde aufschieben, er kann Kühe halten, die nicht so stark auf Leistung gezüchtet sind.

Und was kann er kurzfristig tun?

Im konventionellen Bereich kann er zum Beispiel anders füttern, den Einsatz von Kraftfutter drosseln, dann geht die Milchleistung zurück. Außerdem kann man die Kühe früher trockenstellen, die Phase verlängern, in der sie vor dem Kalben nicht gemolken werden, man kann einen Teil der Milch, den die Kuh gibt, an die Kälber verfüttern.

Also handeln, wie es ein Biobauer tut?

Man muss nicht auf Bio umstellen, um die Menge zu reduzieren, es gibt Maßnahmen, die jeder Bauer ergreifen kann. 

Was halten Sie von Vorschlägen der EU-Kommission wie dem, die Überproduktion subventioniert in Länder wie Kolumbien zu exportieren, als Milchpulver?

Ich finde es ganz schwierig, in dieser Situation auf einen ausländischen Markt zu setzen. Man muss da genau hingucken, wie der Bedarf ist und ob man nicht einen regionalen Markt kaputtmacht. In Afrika ist das passiert. Da hat man mit dem Export von europäischen Agrarprodukten, Hähnchenfleisch zum Beispiel, aber auch Milchpulver, die Mengen, die wir hier zu viel hatten, weggedrückt. Und den Bauern dort die Existenzgrundlage genommen. Auf den Weltmarkt zu setzen, hat aber noch mehr Schwierigkeiten. Zum Beispiel gibt es viele Länder, in denen billiger produziert wird als in Deutschland. Da mitspielen zu wollen heißt, sich auf ein unsicheres Feld begeben. Wir jedenfalls konzentrieren uns auf den regionalen Markt. Wir haben viele Kunden, die uns die Treue halten und hoffen, dass das so bleibt.

Einer ihrer Handelspartner ist Alnatura. Ist in der Bioszene das Geschäftemachen einfacher, hat Treue dort einen besonderen Wert?

Die Bioszene ist schon etwas Eigenes, es zählen andere Werte. Insgesamt entwickeln sich aber mehr und mehr Strukturen, die denen im konventionellen Bereich ähneln, einfach weil der Biomarkt wächst und immer mehr Mitspieler dabei sind.

Die Botschaft, die Sie senden, heißt aber doch trotzdem ,Leute, stellt auf Biobetrieb um‘, oder?

Das wäre einerseits schön. Andererseits: Zu viele Biobetriebe mit ihrer Milch kann der Markt nicht verkraften. Das ist auch in unserer Molkerei so, im Moment können wir niemanden mehr aufnehmen.

Wie viele Lieferbetriebe haben Sie aktuell?

Es sind 110 Landwirte. Und 15, die wir in der jüngeren Vergangenheit noch aufgenommen haben, werden in den nächsten zwei Jahren dazukommen.

Wieviel Milch werden Sie in diesem Jahr erhalten?

35 Millionen Liter.

Wie wird es auf dem Milch-Markt weitergehen? Bis auf welches Niveau können Preise sinken?

Sie haben doch vorhin Fachleute zitiert, die nichts Zutreffendes vorhersagen konnten. Da möchte ich mich lieber nicht einreihen.

Die Fragen stellte Jacqueline Vogt

Die Molkerei

Biobauern, Umweltschützer, Privat- und Geschäftsleute haben in den späten neunziger Jahren in Willingen in Nordhessen eine GmbH gegründet und mit Unterstützung der Gemeinde Willingen und des Landes die aufgegebene Upländer Gebirgsmolkerei erworben. Im September 1996 wurde sie neu in Betrieb genommen, als Upländer Bauernmolkerei. Anfangs lieferten 18 Landwirte eine Jahresmenge von einer Million Liter Milch, heute sind mehr als 100 Bauern beteiligt. Eine schwere Krise durchlitt die Molkerei, nachdem sie 2011 das später insolvent gegangene Neukircher Käsewerk erworben hatte. Wegen Millionenverlusten konnte sie den Bauern zeitweise nur 22 Cent auszahlen, heute sind es, 47. Konventionell wirtschaftende Landwirte bekommen derzeit zum Teil weniger als 20 Cent je Liter. (jv.)

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