https://www.faz.net/-gzg-79utz

Procter & Gamble : Roboter an der Bürste, Kügelchen in der Zahnpasta

Zähne zeigen: Eine Maschine in der Zahnklinik von Procter & Gamble macht Beläge sichtbar. Bild: dpa

Procter & Gamble steckt Millionen in den Forschungsstandort Kronberg. Dort entwickelt das Unternehmen etwa Zahnpflegeprodukte und Rasierapparate weiter. Auch bei Windeln seien noch Innovationen möglich, heißt es.

          3 Min.

          Das UV-Licht bringt es an den Tag. Am Übergang vom Zahnfleisch zu den Zähnen leuchtet es gelblich. Das soll auch so sein. Der junge Mann, dessen Gebiss auf dem Bildschirm zu sehen ist, hat sich extra nicht die Zähne geputzt, damit Beläge sichtbar werden, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Doch eine Maschine in der Zahnklinik von Procter&Gamble in Kronberg macht ihn sichtbar. Zu diesem Zweck hat sich der junge Mann mit einer Flüssigkeit den Mund ausgespült. Und eben dieser Stoff lässt den Zahnbelag unter UV-Strahlen gelblich erscheinen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach der Aufnahme die gleiche Übung: Mund ausspülen, Zähne zeigen, Bild machen lassen. Nur leuchtet diesmal lediglich eine kleine Stelle im Gebiss auf. Denn die Testperson hat sich vor dem zweiten Durchgang die Zähne mit einer elektrischen Zahnbürste geputzt. Ralf Adam zeigt sich zufrieden mit dem Ergebnis: „Da hat er einen guten Job gemacht“, lobt der Leiter der Zahnklinik von Procter&Gamble. Mit seiner Einrichtung steht Adam am Ende einer Kette von Arbeitsschritten, mit denen der Konsumgüterhersteller an seinem Standort im Taunus neue Produkte für die Mundhygiene entwickeln und bekannte Erzeugnisse verbessern will. Adam formuliert es so: „Hier kommt das alles Entscheidende“ - die Erkenntnis, ob ein neues Produkt in der Praxis hält, was es zuvor im Laborversuch versprochen hat.

          90 Millionen Euro investiert

          Welchen Aufwand die Muttergesellschaft von Marken wie Pampers, Oral-B und Braun in Forschung und Entwicklung betreibt, zeigt sie an diesem Montag bei ihrem ersten „Innovationstag“. „Das Herz der weltweiten Forschung von P&G schlägt in Deutschland“, sagt Pirjo Väliaho, die Chefin von Procter & Gamble (P&G) in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Diese Position solle in den nächsten Jahren gestärkt werden.

          Im Rhein-Main-Gebiet verortet: das Reich von Procter und Gamble
          Im Rhein-Main-Gebiet verortet: das Reich von Procter und Gamble : Bild: F.A.Z.

          Zu diesem Zweck investiert das Unternehmen in diesen Monaten rund 90 Millionen Euro in Kronberg. Dort bringt es forschende Mitarbeiter verschiedener Fachrichtungen zusammen: Chemiker und Elekrotechniker, Maschinenbauer und Biologen, Physiker und Ärzte. Von einer „interdisziplinären Disziplin“ ist in dem modernen Firmengebäude die Rede. Dieser Ansatz gleicht jenem des Chemiekonzerns Clariant, der gerade in Höchst ein neues Forschungszentrum baut und Forscher unterschiedlicher Geschäftsfelder darin unterbringen wird. Ebenso wie Clariant erhofft sich der Konsumgüterhersteller, von dem künftigen Zusammenspiel seiner kreativen Köpfe und dem Austausch untereinander einen Schub für neue Produktideen und Verfahren.

          Der Bürstenkopf in der Superzeitlupe

          Zu tun gibt es noch genug, wie die Chefin durchblicken lässt. Innovation bezeichnet sie als „Motor“ des Unternehmens. Um diesen Motor ständig laufen zu lassen, arbeiten alleine 80 Forscher und Entwickler an neuen Mundhygieneprodukten. Bevor ein Erzeugnis von Adams Zahnklinik geprüft wird, wird es von unseren „orangefarbenen Mitarbeitern“ strapaziert, wie Dirk Markgraf seiner einarmigen Kuka-Roboter nennt. Diese Geräte, die auch bei Autobauern zu finden sind, erledigen unermüdlich die immer gleichen Aufgaben: Sie führen eine Zahnbürste zu einem Kunstgebiss und reinigen mit gleichbleibendem Druck nacheinander jeden Zahn. Sie simulieren im Grunde das, was der Durchschnittskonsument beim Zähneputzen so macht. Im Zweifelsfall könnten sie also auch die Zähne schrubben, was die meisten Menschen machen obwohl es falsch ist, wie Eva Kaiser, Biologin mit Doktorhut aus dem Oral-B-Team, sagt.

          Mit den Robotern testet das Unternehmen laut Markgraf zum Beispiel, welchen Einfluss eine Zahnpaste auf die Langlebigkeit der Borsten hat, oder welche Zahnbürste aus einer Auswahl die beste ist. Dabei kommen auch Kunstgebisse mit festen Metallklammern zum Einsatz, die im richtigen Leben schiefe Zähne in Reih´ und Glied bringen sollen. Die Putzergebnisse werden jeweils per 3-D-Scanner von Vitronic aus Wiesbaden überprüft. Gleich nebenan schaut sich ein Team die elektrisch angetriebenen Bürstenköpfe, ihre Drehungen und Schwingungen mit Superzeitlupe genau an. Diese Technik ist für das Bürstendesign wichtig, wie es heißt. Und sie hilft zu klären, ob die Borsten auch tatsächlich die Zahnzwischenräume erreichen.

          Professionelle Begeisterung

          Auch in dem, was auf die Bürsten aufgetragen wird, steckt mitunter mehr Aufwand, als der Laie meinen mag. Zehn Jahre haben Forscher des Unternehmens getüftelt, bis sie ein Verfahren gefunden haben, Zinnflourid als Bestandteil von Zahncreme zu stabilisieren, wie Eva Kaiser erzählt. Das sei etwa gelungen, indem eine neue Zahncreme nur vier Prozent Wasser enthalte statt der üblichen 70 Prozent. Das Ergebnis präsentiert das Unternehmen in einer neuen Zahncreme, der sie auch Kügelchen aus einem Stoff namens Natriumhexametaphosphat hinzugefügt hat. Diese Kügelchen lösen sich wie Brausepulver auf der Zunge auf. Sie sollen nicht nur Verfärbungen durch Tee oder Rotwein von den Zähnen lösen, sondern auch einen Film auf der Zahnoberfläche bilden. Dieser „Lotuseffekt“ wiederum soll den Neubefall durch Zahnbelagsbakterien hinauszögern.

          Chefin Pirjo Väliaho spricht mit professioneller Begeisterung von dieser Zahncreme. Sie selbst habe nach dem Zähneputzen „Wow“ gerufen, berichtet sie. Ob sie danach auch noch in der firmeneigenen Zahnklinik vorbeigeschaut und ins UV-Licht gelächelt hat, steht dahin.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Reserviert? Viele, die die Corona-Impfung derzeit noch kritisch sehen, sind unsicher – nicht impfskeptisch.

          DFG-Experten zu Corona-Impfung : Mehr wissen, informiert entscheiden

          Der Vorwurf, die Pandemie-Politik agiere ohne ausreichende wissenschaftliche Evidenz, lässt sich leicht widerlegen. Die unabhängige Forschung zur Corona-Impfung zeigt beispielhaft, welche Aussagen schon sicher getroffen werden können. Das ist alles andere als zu wenig. Ein Gastbeitrag.
          René Gottschalk: „Bei Covid-19 wird in dem Moment, in dem der PCR-Test positiv ist, jeder positive Test zu einem Fall, der beim RKI gezählt wird“

          Gesundheitsamtschef Gottschalk : „Das Problem sind die privaten Haushalte“

          René Gottschalk hat während der Pandemie schon die ein oder andere kontroverse Position vertreten. Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts kritisiert im F.A.Z.-Interview nun die Datengrundlage, auf deren Basis wichtige Corona-Regeln beschlossen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.