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Private Flüchtlingshilfe : Vier Mann in drei Zimmern

  • -Aktualisiert am

Männerwirtschaft: In der Küche der Studenten-WG teilen sich Malik, Jonathan, Stefan und Samuel die Arbeit. Bild: Norbert Müller

Zwei Jahre lang reiste Samuel durch Europa. Auf der Suche nach Arbeit landete der junge Mann erst auf Frankfurts Straßen und dann in einer Studenten-WG. Doch der Abschied naht.

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          Schwer zu sagen, was Samuel am meisten vermissen wird. Vielleicht sind es die Partys, vielleicht die Demos, auf die seine Mitbewohner ihn so gerne mitnehmen. Womöglich ist es das für ihn kostenlose Busticket oder die gemeinsamen WG-Küchenrunden mit Malik, Jonathan und Stefan. Die drei Studenten und der Flüchtling aus Ghana sind ein ungleiches Quartett. Die angehenden Akademiker sind ziemlich links und ein bisschen naiv, er ist gezeichnet von jahrelanger Reise und doch optimistisch wie eh und je. Das Zusammenleben klappt, auch wenn eigentlich gar kein Platz ist für einen vierten Mann. Je nach Lage rollt Samuel seine Matratze in einem der drei Zimmer aus. Mal schläft er neben Malik, mal neben Stefan oder Jonathan.

          Dass der Vierundzwanzigjährige diese vorübergehende Bleibe gefunden hat, hängt mit einem ungewöhnlichen WG-Casting zusammen. Malik hatte von den Afrikanern gehört, die am Mainufer schlafen, weil sie kein Recht auf einen Wohnheimplatz haben. Seine Mitbewohner und er waren sich schnell einig, etwas dagegen zu tun. Aber wen sollten sie aufnehmen? Schließlich mussten sich die Flüchtlinge selbst darüber verständigen, wer die Hilfe am nötigsten hatte. Als Ergebnis meldete sich vor einigen Monaten Samuel - und ein Freund von ihm. So lebten anfangs gleich zwei Flüchtlinge mit in der Drei-Zimmer-Wohnung. Samuels Kumpel ist inzwischen weitergezogen, und auch für ihn ist die WG nur eine Zwischenstation auf einer Reise mit unbekanntem Ziel.

          Samuel ist kein Illegaler

          Sieben Jahre lang lebte er in Italien in der Nähe von Mailand. Dorthin war sein Vater ausgewandert, um Arbeit zu finden. Samuel durfte nachziehen und absolvierte eine Ausbildung als Mechaniker. Weil er aber danach keine Arbeit mehr fand, zog es ihn zuerst nach Malta, dann nach Frankreich und schließlich nach Frankfurt. Samuel ist kein Illegaler. Für ein Jahr darf er sich in der Europäischen Union frei bewegen und nach Arbeit suchen. Die Regeln sind kompliziert, aber wenn er lange genug in die Sozialkassen eingezahlt hat, darf er länger bleiben. Erst dann hat er auch Anspruch auf staatliche Unterstützung.

          Malik und seine Mitbewohner wollen das nicht hinnehmen. Die Stadt solle viel mehr tun für Flüchtlinge wie Samuel, ihnen helfen, eine Bleibe zu finden und Deutsch zu lernen. Wie in anderen Städten wollen sie eine Art WG-Zimmer-Vermittlung für Flüchtlinge organisieren. Auf der Online-Plattform „Open Petititon“ haben sie einen Aufruf unter dem Namen „Project. Shelter“ gestartet. Damit wollen sie die Stadt auffordern, ein Haus zur Verfügung zu stellen. Doch die Sozialverwaltung hat schon abgelehnt. So sehr sie das persönliche Engagement der Studenten schätze: Wer keinen Anspruch auf staatliche Hilfe habe, bekomme auch keine, heißt es aus dem Sozialdezernat.

          Endlich eine Perspektive für Samuel

          Viele Privatleute denken anders. Rund um die Gruppe von Lampedusa-Flüchtlingen, die vorübergehend in der Gutleutkirche übernachten durften, hat sich ein Netzwerk von Helfern gebildet. Sie geben Deutschkurse, spenden Kleider und Lebensmittel, manche bieten sogar Schlafplätze an. Andere unterstützen Leute wie Samuel auf Behördengängen.

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