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Primark-Skandal : Gereizte Antwort auf kritische Herkunftsfrage

Frankfurter Zeil: Bei Primark reagiert man gereizt auf die Frage, woher die nur wenige Euro teuren T-Shirts stammen. Bild: Gilli, Franziska

Woher stammt die Kleidung und wie wurde sie hergestellt? Eigentlich einfache Fragen. Doch was bekommt ein normaler Kunde zu hören, wenn er sie stellt? Ein Test in Frankfurt.

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          Ein revolutionärer Gedanke: Wenn nun auf einmal alle Kunden beim Bekleidungskauf das Personal fragen würden, woher denn die Textilien im Einzelnen kommen und  wie denn die Arbeitsbedingungen der Näherinnen sind. Und wenn dann die Kunden gar den Laden verließen, falls dies alles unklar bleibt – dann würden dies die Verkäufer den Filialleitern berichten und die der Zentrale. Und dann würde die Frage bei den Handelsketten endlich Gehör finden. Vielleicht würden sie irgendwann sogar genaue Antworten geben. Und vielleicht könnte es dann in den Textilfabriken in China und Bangladesch wirklich besser werden, ohne dass der Staat sich einschaltet. Sondern nur weil der Kunde seine Macht nutzt.

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Aber es fragt ja keiner. Und wer es dennoch in den Geschäften entlang der Frankfurter Haupteinkaufsmeile Zeil tut, weil die Arbeitsbedingungen in China seit dem Skandal um die irische Billigmodekette Primark auf einmal wieder ein Thema sind, blickt in leere Augen. „Nö“, sagt die Verkäuferin bei der Kette New Yorker bündig auf die Frage, ob sie wisse, unter welchen Bedingungen denn dieses T-Shirt hier auf dem Tisch gefertigt worden sei. „Pfff“, macht der Eckerle-Verkäufer auf die gleiche Frage mit Blick auf ein Sakko. „Ich hoffe, unter guten“, entgegnet die Verkäuferin bei C&A schlagfertig und fügt hinzu, es habe darüber einen Fernsehbericht gegeben, da habe C&A ordentlich abgeschnitten, soweit sie sich erinnere.

          „Sind Sie von der Presse?“

          Unangenehm ist es niemandem, dass er dazu nichts sagen kann. Es schaut auch niemand so, als werde ihm die Frage häufiger gestellt. Nur bei Primark ist man gereizt. Der Konzern steht seit Donnerstag im Zwielicht, weil angeblich in drei Kleidungstücken Hilferufe in chinesischer Schrift gefunden wurden. Die Handelskette selbst bezeichnet zwei dieser Hilferufe mit größter Wahrscheinlichkeit als Fälschungen und geht den Vorwürfen nach. Die Frage des Kunden, woher denn die Jeans stammten, löst Unruhe aus. Zu einer Antwort sei er nicht befugt, sagt der Verkäufer, man solle sich an das Management wenden, er selbst sei doch froh, dass er hier Arbeit habe. Kurz darauf ruft schon eine Frau von der Sicherheit hinter einem her. Fragt, ob man von der Presse sei. Aber eigentlich ist man in diesem Moment ja nur ein Kunde, der sich wundert, dass in all den Produkten, die man in die Hand genommen hat, gar kein Herkunftsland steht. Aber mit dem Satz, man werde doch wohl mal fragen dürfen, kommt man bei Primark im Moment nicht weiter. Die Dame wünscht jedenfalls resolut, dass das Personal nicht behelligt werde.

          Ein junger Verkäufer bei Peek&Cloppenburg hingegen hat über die Arbeitsbedingungen, unter denen die Sakkos der Hausmarke McNeal entstehen, schon einmal nachgedacht. Er berichtet von einem Abteilungsleiter, der die Fabriken besucht und versichert habe, es sei alles besser als bei der billigen Konkurrenz. Bei Esprit heißt es, der Konzern achte schon darauf, dass alles gut laufe, für weiteres verweist die Frau auf die Homepage. Im H&M wiederum berichtet eine Verkäuferin, die Arbeitsbedingungen würden von einer unabhängigen Organisation überprüft. Auch das bleibt aber alles vage.

          Niemand will, dass sich die Kundschaft in den Geschäften über das unangenehme Thema Gedanken macht. C&A schreibt wie Primark überhaupt kein Herkunftsland auf die kleinen Schilder in den Hosen und Hemden. Die anderen schon, aber ganz klein. Die ganze Welt findet sich dort, China, Kambodscha, Pakistan, Tunesien, die Türkei, Bulgarien und Litauen, auch Bangladesch, wo es die vielen Toten gab und die Arbeitsbedingungen offenbar besonders grenzwertig sind. „Party harder, sleep tomorrow“ steht bei H&M auf einem T-Shirt ausgerechnet von dort, hoffentlich können die Näherinnen kein Englisch. Der Kunde hat die Macht, er könnte dies alles im Wortsinne hinterfragen, aber auf der Zeil haben die Menschen anderes im Sinn. „Wir fangen oben an und arbeiten uns dann nach unten durch“, vereinbart ein Trupp Mädchen am Eingang vor Primark, dann stürmen sie los. „Dream your dream“, heißt es auf dem Shirt für 4,95 Euro am Eingang der Billigkette New Yorker. „With your eyes closed.“

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