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Priester : Zu 15 Prozent Geistlicher, zu 85 Prozent Manager

Auf dem Sprung: Martin Sauer bei einem Zwischenstopp vor dem Pfarrbüro in Zeilsheim. Fast täglich muss er zwischen den fünf Gemeinden, für die er zuständig ist, hin und her fahren. Die vielen Termine sind nur mit einem Auto und ständiger Erreichbarkeit über das Handy zu bewältigen. Bild: Eilmes, Wolfgang

Priester in den neuen Großpfarreien stehen vor vielen organisatorischen Aufgaben. Sie arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag. Seelsorge betreiben sie fast nicht mehr. Ein Beispiel.

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          Es ist neun Uhr morgens. Martin Sauer ist auf dem Weg zu seinem Büro in Sindlingen. „Sieben Sekretärinnen, fünf Büros und vierzig ungelesene E-Mails habe ich zurzeit“, sagt er lachend. Was auf den ersten Blick nach dem Arbeitsalltag eines Wirtschaftsbosses aussieht, ist die tägliche Organisationsaufgabe, vor der katholische Pfarrer heute stehen. Martin Sauer ist einer von ihnen, als „priesterlicher Leiter“ zuständig für fünf Gemeinden mit 16200 Katholiken im Westen der Stadt, im „Pastoralen Raum Frankfurt-Höchst“.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jene Pfarrverbünde fusionieren derzeit im ganzen Bistum Limburg nach und nach zu Großpfarreien. Gründe dafür sind der große Priestermangel und die zurückgehende Zahl von Gläubigen, die vor allem durch den demographischen Wandel bedingt ist. Nur noch sechs solcher „Pfarreien neuen Typs“ soll Frankfurt nach 2016 haben. Zehn Pastorale Räume, die organisatorischen Vorstufen mit insgesamt noch 42 Pfarreien, gibt es zurzeit. Der Pastorale Raum Höchst setzt sich zusammen aus den Gemeinden der Stadtteile Zeilsheim, Sindlingen, Unterliederbach, Sossenheim und eben Höchst. Damit ist er der viertgrößte in Frankfurt.

          Niemand darf benachteiligt werden

          „Für praktisch alle Fragestellungen, ob sie die Verwaltung oder die Gemeindearbeit betreffen, gilt im Moment die Regel: Aus fünf mach eins“, sagt Sauer. Dass es dabei zu Reibereien zwischen den Gemeinden kommt, ist programmiert. Überall sind Gemeindemitglieder in „Habachtstellung“, dass ihren Pfarreien nicht noch mehr Eigenständigkeit genommen wird. Ein besonders brisantes Thema ist dabei die Gottesdienstordnung. „Am liebsten würde jede Gemeinde an ihrem Kirchenort zwei Wochenendgottesdienste haben - so wie früher“, sagt Sauer. Doch das ist bei eineinhalb festen Priesterstellen nicht mehr möglich. Um wenigstens in jeder der Gemeinden einen Wochenendgottesdienst und eine Messe an Hochfesten anbieten zu können, springen regelmäßig Priester aus dem Ruhestand ein.

          In Sindlingen erwarten Sauer Berge von Briefen, die er noch unterschreiben muss, Terminabsprachen und die Frage, welches Geschenk ein achtzigjähriges Gemeindemitglied zum Geburtstag bekommen soll. Gerade bei solchen Kleinigkeiten hat jede Gemeinde ihre eigenen Traditionen, für die nun „eine Einheitsregelung gefunden werden muss“. Von Sauer wird dabei verlangt, niemanden zu benachteiligen, alle Interessen zu bedenken und eine einfühlsame Entscheidung zu treffen. „Und trotzdem wird eine Gruppierung unzufrieden sein.“ Nachdem Sauer einige Punkte auf seinem Notizzettel abgehakt und deutlich mehr hinzugefügt hat, geht es weiter nach Unterliederbach. Auch hier: Briefe, Termine und ein Gespräch mit der engagierten Caritas-Beauftragten.

          Zeit für einen Kaffee und ein paar freundliche Worte

          Wohlfahrtsarbeit bildet einen Schwerpunkt in Unterliederbach. „Beim Zusammenwachsen muss jede Gemeinde schauen, worauf sie ihren Fokus legt. Auf lange Sicht werden nicht mehr überall jede Veranstaltung und jedes Gremium bestehen können“, sagt Sauer und macht sich auf den Weg zurück nach Sindlingen mit einem kurzen Zwischenstopp bei der Sparkasse. Denn als Mann mit allen Vollmachten gehören auch Bankgeschäfte zu seinen Aufgaben.

          In Sindlingen steht - zum ersten Mal an diesem Tag - eine seelsorgerische Aufgabe an: Sauer bringt einer 98 Jahre alten Frau die Krankenkommunion. Um mit der blinden Frau zu beten, ihre Hand zu halten und ihr zuzuhören, nimmt Sauer sich eine halbe Stunde Zeit. Das russische Ehepaar, das die Frau pflegt, bittet „Herrn Pfarrer“, sich doch zu setzen, etwas zu essen oder zu trinken. Doch für mehr als einen heißen Kaffee und ein paar freundliche Worte bleibt keine Zeit.

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