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Heirat eines Priesters : „Liebe ist wichtiger als Zölibat“

  • Aktualisiert am

Seit über 40 Jahren glücklich verheiratet: Edith und Waldemar Wolf bereuen nichts. Bild: Rainer Wohlfahrt

Heimliche Treffen weit weg vom Wohnort, ständig Angst vor der Entdeckung: Als sich Edith und Waldemar Wolf ineinander verliebten, begann ein Versteckspiel. Denn für den Priester war das verboten.

          Edith und Waldemar Wolf beugen in ihrem Wohnzimmer in Bruchköbel die Köpfe über das Fotoalbum, lächeln beim Blick auf die Hochzeitsfotos aus dem Jahr 1972. „Das da, das mag ich besonders“, zeigt die 70 Jahre alte Frau auf das Bild des jungen Paares. Sie im weich fließenden Hochzeitskleid, mit offenen dunklen Haaren und einem weißen Schlapphut, er mit seinerzeit modernen Koteletten. „Da hatte ich noch richtig Haare“, schmunzelt der 79 Jahre alte Mann. Glücklich sehen die beiden aus auf ihren Bildern, auch wenn Edith Wolf meint, sie sei an dem Tag „total fertig gewesen“. Hinter dem Paar lagen ein langer Kampf um die gemeinsame Zukunft, Anfeindungen und jahrelanges Versteckspiel. Denn Waldemar Wolf war einst katholischer Priester.

          Die 18 Jahre alte Pfadfinderführerin aus Aschaffenburg fand den neuen Kaplan in ihrer Gemeinde von Anfang an sympathisch. „Und dann merkte ich irgendwann: Der mag mich auch“, erinnert sich die Frau mit den Lachfältchen. „Das stand nicht auf dem Plan, überhaupt nicht. Ich wollte doch keinen Priester heiraten – um Gottes Willen!“ Die junge Frau aus katholischer Familie kannte die Regeln: Priester sind aufgrund des Zölibats zur Ehelosigkeit verpflichtet. Auch Waldemar Wolf hatte bei seiner Priesterweihe 1966 fest daran geglaubt, mit dem Zölibat leben zu können. „Ich dachte, Priester zu sein ist genau das Richtige für mich.“ Dann kam die Liebe dazwischen. Für das Paar, das keines sein durfte, begann ein Versteckspiel. Da arbeitete der Priester schon in einer anderen Gemeinde, etwa 130 Kilometer entfernt.

          „Wir haben uns auf halber Strecke an einer Tankstelle getroffen. Es durfte uns ja keiner sehen“, sagt er. Die Angst vor Entdeckung war immer dabei. Gerade für Edith Wolf war es eine schwere Zeit, wagte sie doch selbst gegenüber ihrer Schwester und ihren Eltern nur vage Andeutungen. „Dabei bin ich eigentlich ein sehr offener Mensch.“ Nach fünf Jahren fiel die Entscheidung für eine gemeinsame Zukunft. Von kirchlicher Seite wurde das Paar gedrängt, noch zu warten – vielleicht sei der Zölibat schon im nächsten Jahr Geschichte. Dann kam ein Vorschlag, den sie als unmoralisches Angebot empfand: „Ich solle doch einfach in einen Nachbarort ziehen.“

          „Wir wollten schließlich eine Familie.“

          Doch die junge Frau wollte keine heimliche Geliebte sein. „Wir wollten schließlich eine Familie.“ Und bereits während die Beziehung der beiden in den Gemeinden zum Thema wurde, war sie diejenige, die vor allem Anfeindungen erlebte. „Ich war doch die böse Verführerin.“ Das „Skandalpaar“ musste für seine Zukunft die Diözese Würzburg verlassen, heiratete in Frankfurt. „Wir hatten sehr viel Glück“, sagen beide rückblickend. Ein Mitarbeiter des Bistums Limburg, der das Laisierungsverfahren Wolfs begleitete und das Paar auch traute, half dem Priester, beruflich neu Fuß zu fassen. Rund 30 Jahre lang unterrichtete Wolf an einer berufsbildenden Schule in Frankfurt.

          Doch gebe es keine einheitlichen Regeln, wie mit Priestern umgegangen werde, die heiraten wollen, klagt das Paar, das sich in der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen engagiert. „Es gibt welche, die arbeiten als Bäcker oder beim Bestatter“, sagt Waldemar Wolf. Im Bistum Limburg wird Priestern bei einer Amtsaufgabe eine Übergangshilfe gewährt. „Wie diese Hilfe aussieht, hängt vom Einzelfall ab“, sagt ein Bistumssprecher. Das Bistum kümmere sich zudem um eine Nachversicherung in der gesetzlichen Rentenversicherung.

          Drei Kinder und fünf Enkel

          Wenn das Paar, das drei Kinder und fünf Enkel hat, über den Umgang der Kirche mit dem Zölibat und dem Wunsch nach Familie bei Priestern redet, wird klar, wie sehr das Thema sie noch umtreibt. „Es gibt inzwischen eine Handvoll Bischöfe, die sich dieses Themas annehmen und sich trauen, was zu sagen. Aber die haben keine Chance“, sagt der ehemalige Priester. „Die Sexualmoral in der katholischen Kirche ist für mich das Grundübel.“ Edith Wolf, die sich auch in einer Organisation für Missbrauchsopfer engagiert, klagt über den Umgang mit Priestern, die sich für die Heirat entscheiden: „Priester, die missbraucht haben, wurden jahrelang einfach immer wieder neu versetzt und fingen womöglich wieder damit an. Ein Priester, der ehrlich ist und sagt, dass er heiraten will, wird rausgeschmissen.“

          Er wünsche sich, dass es kirchlicherseits irgendwann mal eine Entschuldigung gibt für den Umgang mit Priestern, die sich für eine Beziehung entscheiden, sagt Waldemar Wolf. „Es wäre ein Zeichen, Menschen zu rehabilitieren, die man in die Wüste geschickt hat, weil sie heiraten wollten.“

          Kritik an katholischer Sexualmoral

          In den Jahrzehnten seit ihrer Heirat habe sich für Betroffene nicht allzu viel geändert, meint das Paar. Den Traum von einer Zukunft, in der ein Kaplan oder Pfarrer ganz offiziell den Kinderwagen mit dem eigenen Nachwuchs schieben kann, wollen sie nicht aufgeben. „Wir haben 1989 gesehen, wie ein Regime nach 40 Jahren einfach zusammenbrach“, sinniert Waldemar Wolf. „Bei der katholischen Kirche dauert es eben länger.“

          Immerhin: Auf der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz sagte deren Vorsitzender Reinhard Kardinal Marx, es müsse die Frage erlaubt sein, ob verheiratete Priester in der katholischen Kirche die absolute Ausnahme bleiben müssten. Bei der Sexualmoral gebe es „einen außerordentlichen Gesprächsbedarf“.

          Manchmal hat Edith Wolf angesichts ausbleibender Reformen, des Festhaltens am Zölibat und kirchlicher Sexualmoral über einen Kirchenaustritt nachgedacht. „Aber dann würde ich ja aufgeben“, sagt sie kämpferisch. Der ehemalige Priester Wolf hofft, doch noch die Öffnung des Zölibats zu erleben: „Es gibt etwas Wichtigeres als den Zölibat, und das ist die Liebe.“

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