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„Tristan und Isolde“ : Liebe ohne Rücksicht

Zwei, die gern miteinander arbeiten: Katharina Thoma und Sebastian Weigle Bild: Frank Röth

Dieser besondere Sog: Regisseurin Katharina Thoma und Generalmusikdirektor Sebastian Weigle sprechen über „Tristan und Isolde“. Jetzt ist Premiere in Frankfurt.

          2 Min.

          Acht Jahre lang hat er Richard Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“ nicht mehr dirigiert. Diese Pause sei wohl auch notwendig gewesen, sagt Sebastian Weigle. Denn es sei „schwierige und emotionale Musik“, die ihn psychisch und physisch immer sehr mitgenommen habe. Inzwischen glaubt der 59 Jahre alte Frankfurter Generalmusikdirektor „eine gewisse Gelassenheit“ entwickelt zu haben. Die kann demnach seinem Dirigat bei der Neuproduktion mit Premiere am Sonntag, dem 19. Januar, nur zuträglich sein.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn von zwei früheren Produktionen, zu denen auch die an der Oper Frankfurt 2003 noch zu Zeiten seines Amtsvorgängers Paolo Carignani unter der Regie von Christof Nel entstandene und mehrfach wiederaufgenommene zählt, wisse er, dass er seine Emotionen unter Kontrolle bringen müsse: „Sobald ich die Emotionen loslasse, springt das Orchester sofort an, und das ist so gefährlich.“ Dabei geht es darum, keine dauerhafte Überspannung zu erzeugen und auch die Sänger nicht zu übertönen.

          Zugleich ist Weigle voll des Lobes für das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, mit dem er, seit er 2008 hierherkam, in so langer Kontinuität arbeitet, wie es heute selten geworden ist. Viele Mitglieder hätten schon Erfahrungen mit „Tristan“, und einige wirkten sogar im Orchester der Bayreuther Wagner-Festspiele mit. Das Engagement sei groß, und sofort habe ein Musiker zugesagt, auf der Bühne die schwer zu intonierende Holztrompete zu spielen, die Johann Adam Heckel eigens für die „Fröhliche Hirtenweise“ im dritten Akt entwickelt hatte.

          Mächtige Emotionen

          Regisseurin Katharina Thoma, die an der Musikhochschule Lübeck Klavier studiert hat, ehe sie sich der Opernregie zuwandte, liebt es, Musiker auf die Bühne zu bringen. Das nehme die Trennwand zwischen Orchester und Sängern weg, sagt sie. In ihrer vorherigen gemeinsamen Produktion mit Weigle, in der romantisch-komischen Oper „Martha“ von Friedrich von Flotow, brachte so etwa der Auftritt eines Schlagzeugers einen witzigen Effekt. Thoma und Weigle arbeiten spürbar gerne zusammen, und diesmal sei es für sie, die zum ersten Mal eine Wagner-Oper inszeniere, eine besonders günstige Konstellation, so Thoma: Weigle hat schon alle 13 Bühnenwerke Wagners dirigiert.

          Sie habe unterdessen lange Schwierigkeiten mit Wagner gehabt, gibt sie zu, abgeschreckt auch von dessen Persönlichkeit, seit er von etwa 1850 an dazu übergegangen sei, aus seinem Werk eine „Ersatzreligion“ zu schaffen. Bei ihm bekomme alles eine riesige Dimension, das habe sie größenwahnsinnig gefunden. Andererseits machten wohl gerade diese Aspekte Wagners Aura und das Bahnbrechende seines Werks aus. Dem Sog des „Tristan“ könne man sich jedenfalls kaum entziehen. Selbst auf der profansten Probebühne werde man davon ergriffen.

          Die Kraft resultiere aus der Musik, aus den nie wirklich aufgelösten Dissonanzen, aus den übergebundenen Noten, den Synkopierungen, dem ständigen Fluss, glaubt Thoma, die ihre Arbeit für jede Operninszenierung mit dem Klavierauszug beginnt. Irgendwann komme es dann im „Tristan“ zu diesen mächtigen Entladungen, was etwas sehr Erotisches habe, pflichtet Weigle bei. Aber auch der Text sei „eine harte Nuss“, sagt Thoma. Wagners „künstliches Mittelalter-Deutsch“ wirke sehr „verschwurbelt“. Wenn man aber die Informationen aus den komplizierten Worten herausgelesen habe, trete ein großartiger Text hervor.

          Liebe, die nicht von Dauer sein kann

          Es gehe darin um eine große, unglaubliche Liebe, aber um eine ohne Rücksichtnahme und eine, die die Partner nicht auf Augenhöhe zusammenführe, die schnell abbrenne wie ein Feuerwerk und nicht von Dauer sein könne. Daher sei gleichermaßen viel von Liebe und Tod die Rede. „Tristan und Isolde sind das Gegenteil von Philemon und Baucis“, meint Thoma mit Blick auf das alte Paar, das Ovid beschrieben hat. Dass Tristan am Ende „im Alleingang“ in den Tod geht, indem er sich in Melots Schwert stürzt, und seine „permanente Verweigerungshaltung“ deutet Thoma allerdings als Ausdruck einer sehr tief sitzenden Beziehungsunfähigkeit. Wenn man den Text sehr genau lese, finde man dafür eine Erklärung in frühkindlichen Traumata. In einer minimalistischen Inszenierung mit intensiver Personenregie habe sie das herauszuarbeiten versucht.

          Spieltermine

          Die Premiere in der Oper Frankfurt beginnt am Sonntag um 17 Uhr. Weitere Vorstellungen am 25. Januar sowie am 1., 9., 14., 23. und 29. Februar.

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