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Preis des Architekturmuseums : Viel Berlin, einmal Offenbach

Vorbildhafte Sanierung: Kulturpalast in Dresden Bild: © Christian Gahl / gmp Architekten

Einmal im Jahr kürt das Architekturmuseum die 25 besten Bauten. Ein Frankfurter Haus hat es nicht in diese Auswahl geschafft, dafür aber die Hafenschule aus der Nachbarstadt.

          Wie Fische in einem großen Aquarium bewegen sich die Besucher in diesem Glaskasten. Das hellerleuchtete, überbreite Foyer nimmt dem Haus seine Schwere. Dieses Fenster zur Stadt thront über einem Vorplatz, auf dem die Straßenbahnen fahren. Das kommt einem bekannt vor? Wer jetzt an die Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz denkt, geht fehl. Von ferne ähnelt der Kulturpalast in Dresden zwar tatsächlich der Frankfurter Doppelanlage von Schauspiel und Oper. Aber es fehlt natürlich der Bühnenturm.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beide Gebäude stammen aus derselben Zeit. Die Frankfurter Theateranlage wurde 1963 errichtet. Der Kulturpalast, ein herausragendes Beispiel der Ost-Moderne, ist 1969 in der damaligen DDR eröffnet worden. Verblüffend, dass bei allen weltanschaulichen Unterschieden auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze doch so ähnlich im Stil der internationalen Moderne gebaut wurde.

          Für die behutsame Sanierung des Kulturpalastes ist das Büro GMP Architekten von Gerkan, Marg und Partner jetzt mit dem DAM Preis 2019 des Deutschen Architekturmuseums ausgezeichnet worden, wobei der Begriff Sanierung nur die Herrichtung der Hülle zutreffend beschreibt, insgesamt aber einen falschen Eindruck vermittelt. Von innen nämlich handelt es sich eigentlich um einen Neubau.

          Lehren aus der Sanierung des Kulturpalastes

          Die Architekten haben aus dem zuvor für Kongresse, Konzerte und andere Veranstaltungen genutzten Mehrzwecksaal ein auch tagsüber geöffnetes und bespieltes Kulturzentrum gemacht. Für die Dresdner Philharmoniker entstand ein neuer Konzertsaal mit einem spektakulären Innenraum, der für seine Akustik gerühmt wird. Dieser Saal wird auf drei Seiten von einer großen Stadtbibliothek umrahmt. Im Erdgeschoss war außerdem noch Platz für eine Kabarettbühne. Die Architekten verzichteten darauf, für die einzelnen Einrichtungen im Kulturpalast eigene Eingänge und Treppenhäuser zu schaffen. Sie legten die Erschließung zentral ins große Foyer. Außerdem ging GMP bei der Sanierung nicht radikal vor, sondern versuchte, so wenig wie möglich am vertrauten Erscheinungsbild zu verändern. Die Architekten suchten nach originalgetreuen Ersatzteilen und verwendeten die alten Fensterrahmen wieder. Das Gebäude ist wiedererkennbar geblieben.

          Kann man aus der Sanierung des Kulturpalastes etwas für die maroden Frankfurter Bühnen lernen? Eher nein. Trotz der formalen Ähnlichkeit sind beide Gebäude nicht vergleichbar. Denn in Frankfurt wurde auf einen Altbau aufgebaut, der teilweise noch hinter der modernen Fassade erhalten ist. Das Gebäude ist dermaßen verbaut und verschachtelt, dass eine Sanierung schwer kalkulierbare Risiken mit sich bringt. Zumal zwei Theaterbühnen mit all ihrer Technik ungleich schwieriger zu modernisieren sind als ein Mehrzwecksaal. Das drückt sich auch in den Zahlen aus: Das Budget für die mit rund 105 Millionen Euro erstaunlich günstige Sanierung des Kulturpalastes wurde nur leicht überschritten. Die Kosten für eine Ertüchtigung der Frankfurter Doppelanlage hingegen werden auf 900 Millionen Euro geschätzt. Die Fachleute von GMP halten diesen Wert für realistisch.

          Die 25 besten Häuser der letzten beiden Jahre

          Der Kulturpalast ist nicht das einzige Gebäude, das in der Ausstellung im Architekturmuseum zu bewundern ist. Die 25 besten Häuser, die zwischen Ende 2016 und Frühjahr 2018 fertiggestellt wurden, werden auf Wandtafeln vorgestellt. Wer gelegentlich an seinem Glauben an die Zukunft der Demokratie zweifelt, den wird es freuen, dass viele Bildungsbauten unter den nominierten Projekten sind. Zu nennen sind beispielsweise die Stadtbücherei Rottenburg, die sich sensibel in die Altstadt einfügt, das Philosophische Seminar in Münster, in dessen Inneren die Studenten über eine lange Himmelsleiter in die hohen Lüfte gelangen, und die rundum gelungene Offenbacher Hafenschule von Waechter und Waechter. Das Darmstädter Büro ist noch mit einem weiteren Lernort in der Ausstellung vertreten. In Bonn ist ein freundliches Seminargebäude entstanden, in dem Entwicklungshelfer auf ihren Dienst vorbereitet werden. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Wohnungsbau. In Berlin zeigt ein integratives Bauprojekt, wie durch Konzeptvergabe günstiger Wohnraum entstehen kann. Der ästhetische Reiz des schroffen Gebäudes erschließt sich allerdings nicht sofort.

          Die Mehrzahl der Projekte liegt in Berlin und am Rand der Republik. Gab es denn keine Frankfurter Beispiele? Doch, aber sie fanden in der Jury keine Mehrheit. Ein Blick auf die Longlist der 100 bemerkenswerten Gebäude verrät, dass mit dem Henninger-Turm, dem Historischen Museum und der Evangelischen Akademie prominente Gebäude leer ausgingen.

          DAM Preis 2019. Die 25 besten Bauten in/aus Deutschland. Bis 22. April im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, Schaumainkai 43.

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