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Präventionsprogramm „Halt“ : Komatrinken als Mutprobe und als Versehen

  • -Aktualisiert am

„Komatrinken“: Viele Jugendliche unterschätzen die Wirkung des Alkohols, andere sind süchtig. Bild: dpa

Selbst für Jugendliche, die regelmäßig Alkohol konsumieren, ist es ein Schock, wenn sie nach dem Rausch im Krankenhaus erwachen. An diesem Punkt setzt ein Präventionsprogramm an.

          Die Zeiten, in denen er sich bis zum Kontrollverlust betrunken hat, sind für den 15 Jahre alten Sebastian vorbei. „Ich trinke ja schon noch gerne“, sagt der Realschüler, aber er wolle beim Feiern auch etwas mitbekommen. Früher hatte er mit seinen Freunden häufig Trinkspiele gespielt und sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken.

          Nicht nur für Haupt- und Realschüler, sondern auch für Abiturienten ist Rauschtrinken ein Thema. Heute werden in Hessen die letzten Abiturprüfungen abgelegt. In den vergangenen Jahren haben die Frankfurter Abiturienten dieses Ereignis im Grüneburgpark gefeiert, auch viele jüngere Schüler waren dabei. 2011 mussten sieben Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden.

          Reaktion auf alarmierende Zahlen

          Immerhin geht die Zahl der jungen Rauschtrinker in Frankfurt inzwischen zurück. Während laut städtischem Drogenreferat 2010 noch 137 Jugendliche unter 18 Jahren mit einer Alkoholvergiftung in einem Krankenhaus behandelt werden mussten, waren es 2011 nur noch 125. Die Präventionsprojekte für die Jugendlichen scheinen zu greifen. Die Zahl der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 21 Jahren, die wegen Alkoholkonsums im Krankenhaus behandelt werden mussten, stieg dagegen weiter von 189 auf 211.

          Die Stadt habe schnell auf die alarmierenden Zahlen des Statistischen Bundesamts vor einigen Jahren reagiert, sagt Regina Ernst, Leiterin des Drogenreferats. Ein breites Netz aus Präventions- und Aufklärungsangeboten sei seither entstanden. Dennoch könne noch keine sichere Aussage getroffen werden, weil die Zahlen erst seit 2010 zuverlässig erfasst würden. Das Thema sei außerdem zu komplex, um anhand solcher Statistiken zu Lösungen zu kommen, meint Ernst.

          Viele unterschätzen die Wirkung

          Natürlich gebe es die typischen „Komasäufer“: Jugendliche, die als eine Art Mutprobe gezielt und in kurzer Zeit hochprozentige Getränke herunterkippten und schließlich mit einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus gebracht werden müssten. Es gebe aber auch Jugendliche, die ohne Vorsatz zu viel Alkohol konsumierten. Viele unterschätzten einfach dessen Wirkung. Wieder andere Jugendliche tränken regelmäßig, einige hätten ein richtiges Alkoholproblem. In den Krankenhäusern landeten junge Leute aus all diesen Gruppen.

          Dass das Thema des Alkoholkonsums unter Jugendlichen nicht so einfach zu erfassen sei, findet auch Matthias Kieslich, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendneurologie der Universitätsklinik. Seiner Meinung nach ist es falsch, das Phänomen an den Jugendlichen festzumachen, die in den Krankenhäusern landeten. Die Kliniken führten zwar eine Statistik über die jungen Alkoholpatienten, in den vergangenen Jahren seien aber die Zuständigkeiten neu verteilt worden. Während die Jugendlichen früher in das nächstgelegene Krankenhaus gekommen seien, habe sich zuerst das Bürgerhospital auf diese Fälle spezialisiert, seit 2012 kommen die volltrunkenen Jugendlichen vorwiegend in die Uniklinik. Vom Bürgerhospital war auch die Initiative zur Teilnahme Frankfurts am bundesweiten „Halt“-Projekt ausgegangen.

          Klettern gegen Alkoholsucht

          “Halt“ richtet sich an junge Menschen bis 21 Jahre, die mit einer Alkoholintoxikation in einem Frankfurter Krankenhaus behandelt werden. Ein Mitarbeiter des Projekts besucht sie am Morgen nach dem Rausch in der Klinik. „Die Gründe, warum die Jugendlichen im Krankenhaus landen, sind so unterschiedlich wie die Jugendlichen selbst“, sagt Melanie Bieber, Projektleiterin von „Halt“. Einige hätten schon häufig viel Alkohol getrunken und seien erstaunt, dass sie die gewohnte Menge diesmal nicht vertragen haben. Andere hätten zum ersten Mal überhaupt getrunken. Alle seien schockiert, wenn sie im Krankenbett aufwachten.

          2012 wurden 50 Jugendliche im Rahmen des Projekts in Frankfurt betreut. Nach dem ersten Treffen im Krankenhaus können sie Angebote nutzen wie etwa ein Elterngespräch oder den sogenannten Risikocheck, bei dem individuelle Trinkgewohnheiten und -risiken ermittelt werden. Er geht einher mit einem Abenteuer-Sportangebot, etwa einem Besuch im Kletterpark. „Panikmache hilft niemandem“, sagt Bieber. Was helfe, sei Aufklärung und das Aufzeigen anderer Möglichkeiten, an die eigenen Grenzen zu gehen.

          Mutprobe geht auch anders

          Die Mosyd-Studie (Monitoring-System-Drogentrend-Studie) des Drogenreferats und der Goethe-Universität untersucht seit 2002 unter anderem Trinkgewohnheiten und Trinkmotivation bei Jugendlichen bis zu einem Alter von 18 Jahren. Die Hälfte der jungen Leute hatte 2011 das Komatrinken einmal ausprobiert. Alkohol sei die am häufigsten genannte Lieblingsdroge, er genieße ein positives Image, heißt es in der Studie. Allgemein würde er viel und regelmäßig konsumiert.

          Die Landesärztekammer hat das Projekt „Hackedicht - besser geht’s dir ohne“ ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt steht die vermeintliche Harmlosigkeit von Alkohol. Seit 2010 besuchen im Rahmen des Projekts Ärzte Schulklassen und klären über die Wirkung des Stoffs auf.

          Sebastian hat an keinem der Projekte teilgenommen, trotzdem hat sich seine Einstellung zum Alkohol geändert. Klar werde man lockerer, auch mit Mädchen, wenn man getrunken hat. Andererseits komme es auch nicht gut an, zu locker zu sein. Ein gekonnter Umgang mit Alkohol steigere auf jeden Fall die Attraktivität. Und Mutproben? Die fänden bei ihm jetzt auf dem Sprungbrett im Schwimmbad statt.

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