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Prämie für Elektroautos : Der Funke springt nicht über

Anschlussfähig: Ladestationen für Elektroautos sind rar - auch das hält viele davon ab, sich ein solches Fahrzeug zu kaufen. Bild: dpa

Seit rund sechs Wochen gibt es bis zu 4000 Euro Prämie, wenn man sich ein echtes Elektroauto oder einen Hybriden kauft. Doch das Interesse ist bisher mager.

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          Das Geld aus dem 1,2-Milliarden-Euro-Topf werde nach dem Windhundprinzip verteilt, hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gemahnt. Inzwischen ist klar, dass - um im Hundebild zu bleiben - auch ein adipöser Mops noch schnell genug wäre, um für den Kauf von Elektroautos und Hybriden eine Prämie von bis zu 4000 Euro zu ergattern. Denn die will kaum jemand.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Man müsste die Elektroautos wohl verschenken, um bis 2020 eine Million Fahrzeuge auf die Straße zu bringen, wie es die Bundeskanzlerin als Ziel vorgegeben hat. Jedenfalls sieht es rund sechs Wochen nach dem Start der Prämie düster aus: Bisher sind aus Hessen nur rund 150 Anträge bei dem in Eschborn ansässigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle eingegangen. Aus ganz Deutschland sind in dieser Zeit etwa 1800 Anträge auf den Zuschuss für den Kauf eines Neuwagens mit reinem oder zusätzlichem Elektroantrieb dort angekommen.

          Der Trick des Bundes, um die Pleite zu verbergen

          Dabei wissen zumindest die etwas erfahreneren Mitarbeiter des Bundesamtes noch ziemlich genau, wie ein erfolgreiches Belohnungsmodell funktioniert. Denn als es 2009 die Abwrackprämie gab, zählten die Eschborner noch bis zu 8000 Anträge am Tag im Posteingang.

          Doch die Elektro-Prämie bewährt sich nicht einmal den offiziellen Zahlen nach, obwohl der Bund längst einem ziemlich forschen Trick anwendet, um den Fehlschlag bei der Einführung der Elektromobilität zu verbergen: In der Statistik der neuen Prämie sind zu den eigentlichen Elektroautos jene mit hybridem Antrieb hinzugerechnet worden - also die Fahrzeuge, die zwar bei niedrigen Geschwindigkeiten von einem Elektromotor angetrieben werden, aber bei zügigerer Gangart sofort einen herkömmlichen Verbrennungsmotor aktivieren. Nähme man die eigene Zielvorgabe ernst, dürfte man diese Autos eigentlich gar nicht mitzählen. Würde man so verfahren, stünden für Hessen derzeit allerdings nur noch rund 100 Anträge innerhalb von rund sechs Wochen zu Buche und für die gesamte Bundesrepublik lediglich um die 1200.

          Die Krux der Lade-Infrastruktur

          Da inzwischen aber auch Berlin bemerkt hat, dass die Voraussage ausgesprochen euphorisch, wenn nicht vollkommen aus der Luft gegriffen war, hat man den Plansoll von einer Million Elektro-Autos bis zum Jahr 2020 stillschweigend aufgegeben. Inzwischen bleibt die Zahl von 500.000 Autos, natürlich inklusive der Hybridfahrzeuge, unwidersprochen.

          Mehr ist auch nach Einschätzung des Landesverbands des Kraftfahrzeuggewerbes in Hessen nicht drin, wie Roger Seidl, Sprecher des Verbands, auf Nachfrage sagte. „Eine Million Elektrofahrzeuge 2020 wird es nicht geben“, ist er sich sicher. Das liege nicht unbedingt nur am höheren Preis der Fahrzeuge, sondern eindeutig auch an der nach wie vor mangelhaften Lade-Infrastruktur. „Sie fahren einfach immer mit einem Gefühl der Unsicherheit“, berichtet Seidl über seine Selbstversuche als Pendler.

          Was Gewerbetreibende abhält

          Auch Gewerbetreibende wie der Elektroinstallateur Konrad Lamberti aus Presberg im Rheingau-Taunus-Kreis schreckt genau diese Unsicherheit ab: Als es um die vorerst nicht eingeführte Blaue Plakette für Innenstädte ging, hat er auch die Anschaffung von Elektrofahrzeugen für den Betrieb erwogen - statt der Dieselfahrzeuge, die er im Moment betreibt. Andernfalls hätte er womöglich seine Kunden in den Innenstädten von Wiesbaden, Mainz und Frankfurt nicht mehr bedienen können. Die Überlegungen habe er aber schon nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Und das nicht nur, weil die Kosten einer solchen Umstellung für einen kleinen Mittelständler kaum zu tragen seien. Sondern vor allem deshalb, weil praktisch kein Fahrzeug auf dem Markt sei, dessen Batterieladung für einen vollen Montage-Tag in der Wiesbadener oder gar in der Frankfurter Innenstadt genüge - schon gar nicht im Winter, wenn die Batterieleistung schnell erheblich unter die angegebene Reichweite sinke.

          Verbandssprecher Seidl ist sich sicher, dass die Deutschen durchaus aufgeschlossen für die neue Antriebstechnik wären, wenn nur mehr Geld für die Lade-Infrastruktur statt für Prämien ausgegeben würde. So zeige beispielsweise der Boom der E-Bikes, dass auch erstaunlich viele ältere Semester ohne jede Scheu vor der neuen Technik auf diese Fahrräder stiegen. Die könne man aber eben fast immer und überall aufladen. Elektromobilität, meint Seidl, sei letztlich vor allem eine Frage der Versorgungssicherheit.

          Die Vorbehalte der Autofahrer gegenüber der Elektromobilität zeigen sich auch in den neuesten Zulassungszahlen für den Juli: Danach gab es gerade einmal 59 Zulassungen von reinen Elektro-Personenwagen. Bei den Hybriden waren es 251.

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