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Frankfurt : „Brexit“ als Glücksfall für den Finanzplatz

Könnte von einem „Brexit“ profitieren, hat aber unter anderem Paris als Konkurrenz: Finanzplatz Frankfurt am Main Bild: Frank Röth

Die Stadt Frankfurt könnte mit ihrem Finanzplatz von einem Ausstieg Großbritanniens profitieren: „Viele Banken haben schon Pläne in der Schublade“, sagen Experten. Frankfurt hat aber starke Konkurrenz.

          Für überzeugte Europäer wäre es ein Albtraum: der Austritt Großbritanniens aus der EU. Frankfurt jedoch könnte kaum etwas Besseres passieren als der „Brexit“, über den im Juni in einem Referendum entschieden wird. Die Finanzmetropole würde von einem Austritt Großbritanniens ganz besonders profitieren, denn die Banken würden ihre Niederlassungen und Abteilungen auf dem europäischen Festland voraussichtlich vergrößern müssen. Die Makler bereiten sich ebenso wie die Marketingexperten der Stadt auf dieses Szenario vor.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Immobilienbranche sei der „Brexit“ ein großes Thema, heißt es. „Viele Banken haben schon Pläne in der Schublade“, sagt Tobias Dichtl vom Maklerunternehmen Colliers. Für die Flächennachfrage auf dem Frankfurter Büromarkt wäre ein EU-Austritt ein Glücksfall, meint er und macht eine Rechnung auf: In London arbeiteten rund 700 000 Menschen im Finanzsektor, in Frankfurt seien es nur 70 000. Würden nur drei bis fünf Prozent der Arbeitsplätze verlagert, kämen mehr als 20.000 Beschäftigte nach Frankfurt. „Eine nur geringfügige Verlagerung hätte also immense Auswirkungen“, sagt Dichtl.

          Manche haben Paris im Blick statt Frankfurt

          Frankfurt ist allerdings nicht die einzige Stadt, die sich Hoffnungen macht. Oliver Barth, Geschäftsführer von BNP Paribas Real Estate, sieht die Konkurrenz vor allem in Frankreich. „Es gibt internationale Player, die sich nicht für Frankfurt interessieren und eher nach Paris gehen würden“, sagt er. Die französische Hauptstadt habe einen anderen Ruf als Frankfurt, dessen Vorteile bei vielen Bankern in London kaum bekannt seien. Carsten Ape, der die Geschäfte bei CBRE führt, sieht Frankfurt gegenüber Paris jedoch in einer aussichtsreichen Position. „Der Finanzplatz Frankfurt hat eine federführende Rolle in Europa, vor allem durch die Europäische Zentralbank“, sagt er. Ape hält es daher für durchaus wahrscheinlich, dass sich Banken in Frankfurt vergrößern werden.

          Ein paar Banker aus London kämen gerade zur rechten Zeit. Denn der Frankfurter Büromarkt ist in den vergangenen Jahren hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Die Umsätze lagen 2014 und 2015 weit unter dem langjährigen Mittelwert. Frankfurt gehöre derzeit nicht zu den Gewinnern am Markt, sagt Ape. „Wir wären froh, wenn sich das Geschäft etwas beleben würde.“

          Noch ist allerdings unklar, welche Konsequenzen ein EU-Austritt für den Finanzsektor in London überhaupt hätte. Es sind auch Modelle denkbar, nach denen das Geschäft weiter aus Großbritannien möglich wäre. Solange weder das Ergebnis des Volksentscheids noch die Regularien feststehen, bleibt die Spekulation über die Folgen für den Frankfurter Büromarkt eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Daher würden auch noch keine Büroflächen angemietet, meint Barth - schon gar nicht „auf Vorrat“.

          Auch Christian Lanfer, der das Vermietungsgeschäft des Maklerhauses JLL leitet, berichtet, dass über das Thema in London viel ernster diskutiert werde als in Frankfurt. Noch gebe es keine Anfragen von Unternehmen, die einen Wechsel vorbereiteten. „Still ruht der See“, sagt Lanfer, doch: „Aus Immobiliensicht würden wir eine riesige Party feiern“, sagt er. Allerdings rechnet er für den Fall eines EU-Austritts der Briten mit langen Übergangsfristen.

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