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Portrait Rainer Ewerrien : Messdiener wird Komiker

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„Wenn ich durchs Bild ging, lachten alle.“ Rainer Ewerrin in der Frankfurter Innenstadt Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die katholische Kirche habe ihn zu seinem Beruf inspiriert, sagt der Schauspieler Rainer Ewerrien. Was daraus wurde, sehen Zuschauer im Fernsehen und seit 13 Jahren beim Magic Monday in der Frankfurter Schmiere.

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          Würde Gott seinen Espresso selbst umrühren? Fragen wie diese stellt man sich bei einer Verabredung zum Kaffee mit Rainer Ewerrien. Nicht, weil der Frankfurter Schauspieler und Drehbuchautor ein Ego in Boris-Becker-Dimensionen vor sich hertragen würde. Sondern weil Ewerrien mit seinem Freund und Kollegen Carsten Strauch eine sehr bodenständig-menschliche Vorstellung des Schöpfers ins Fernsehen gebracht hat, in einer Mini-Comedy-Serie mit dem schönen Namen „Götter wie wir“. In der tragen die beiden Herren Kostüm, Fönfrisur, Stützstrümpfe und Kassenbrille, heißen Ingeborg und Renate und behaupten: „Wir sind Gott.“

          In Ostthüringisch und Hessisch babbeln sich die beiden Allmächtigen durch die wichtigsten Stationen des Alten Testaments, sind mal Moses, mal Balthasar, durchaus werktreu, aber unter Ausnutzung des größtmöglichen Interpretationsspielraumes. Das ist so hinreißend komisch, anarchisch und klug, dass die Serie gerade hochverdient den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Comedy“ und den Hessischen Fernsehpreis 2013 für die „herausragende schauspielerische Leistung im Ensemble“ erhalten hat. Dennoch hat der Sender ZDFkultur „Götter wie wir“ nach erfolgreicher Ausstrahlung der sechs Episoden eingestellt. „Kommentarlos“, sagt Ewerrien. Gut, dass er nicht nur von Berufs wegen das einzig nützliche Instrument mitbringt, diesen öffentlich-rechtlichen Irrsinn abzufedern: Humor. Der sei familiär bedingt, erzählt der Dreiundfünfzigjährige. Sein Vater, ein Elektriker in städtischen Diensten, sei ihm da ein großes Vorbild gewesen. „Er war wirklich sehr, sehr komisch.“

          Ministrant wie Harald Schmidt

          Ewerriens Eltern sind vor ein paar Jahren gestorben, der Sohn erzählt davon, wie idyllisch seine Kindheit und die seiner drei Jahre jüngeren Schwester in Kalbach gewesen sei: „Letztes Haus am Feldrand und immer draußen gewesen.“ In der örtlichen Grundschule allerdings wurde den Schülern die Disziplin noch mit dem Lineal eingebleut, und mit dem Schlüsselbund des Lehrenden, „den man schon mal um die Ohren bekam“.

          Wie Harald Schmidt oder Jürgen von der Lippe war auch Rainer Ewerrien Ministrant, offenbar ist das eine Art Grundausbildung für höhere Entertainment-Ränge, eine Schulung mit Weihrauch, Messwein und Oblate. „Ich glaube, die katholische Kirche führt einen direkt in die Arme der Komik“, sagt Ewerrien. „Wenn man da vorne steht und Quatsch macht, obwohl es streng verboten ist, und wenn alle mehr oder weniger heimlich kichern, da spürt man etwas von der subversiven Kraft des Lachens.“

          „Mindestens 300 Mal“ will er die Lehre abbrechen

          In der Integrierten Gesamtschule Stierstadt, die Ewerrien später besuchte, nahmen die Lehrer unterdrücktes Lachen nicht hin, zum Glück. Seinem Deutschlehrer, sagt Ewerrien, habe er mitgeteilt, „wie grauenhaft langweilig“ Friedrich Hebbels Maria Magdalena sei. Der Aufforderung des Lehrers, dem Stück mehr Unterhaltungswert zu verleihen, ist er nachgekommen, mit anderen Schülern zusammen hat er eine Comedy-Version der Tragödie erarbeitet.

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