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Portrait Jürgen Ponto : Der Leitbankier der Deutschland AG

Schweigemarsch: Nach dem Mord an Jürgen Ponto am 30.Juli 1977 laufen 4000 Bank-Mitarbeitern durch die Frankfurter Innenstadt. Bild: Primus Verlag

Eine neue Biographie erinnert an Jürgen Ponto, der von 1969 bis zu seiner Ermordung 1977 die Dresdner Bank führte und modernisierte, einen wichtigen Repräsentanten seiner Branche wie der Deutschland AG jener Tage.

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          Der Name Jürgen Pontos wird heute in einer Reihe genannt mit Siegfried Buback und Hanns Martin Schleyer, nicht zum Beispiel gemeinsam mit Hermann Josef Abs. Der Mord an dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank 1977 prägt dessen Bild postum dermaßen, dass an die acht Jahre, in denen er das damals zweitgrößte Kreditinstitut Deutschlands führte, kaum mehr gedacht wird. Dabei war es eine entscheidende Zeit für diese Bank, in der das nach dem Krieg in drei Regionalinstitute zerschlagene Haus wirklich wieder zu einer Einheit zusammenwuchs, in der die Deutschland AG, wie das Geflecht der Banken und der Großindustrie genannt wurde, in voller Blüte stand, in der zugleich die Bundesrepublik ihre erste schwere Wirtschaftskrise durchlebte. „Es traf einen der Besten“, überschrieb Jürgen Eick, damals für Wirtschaft zuständiger Herausgeber dieser Zeitung, seinen Nachruf, der in jeder Zeile das Entsetzen über die Bluttat in Pontos Wohnhaus in Oberursel spiegelt; in Eicks Augen war Ponto „ein hervorragender Repräsentant und Interpret der Marktwirtschaft, der in seiner Person das Zerrbild vom profitgierigen Unternehmer Lügen gestraft und aufs glänzendste widerlegt hat“.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Während einer durchdachten Veranstaltung, wie man sie sich für Buchveröffentlichungen öfter wünschte, hat die Eugen-Gutmann-Gesellschaft am Donnerstagabend eine Biographie präsentiert, die den Mord nicht ausspart, Ponto jedoch vor allem als „Bankier und Bürger“, so der Untertitel, würdigt. Der in Potsdam tätige Wirtschaftshistoriker Ralf Ahrens und Johannes Bähr von der Frankfurter Goethe-Universität, beide Fachleute für die deutsche Bankengeschichte, stützen sich vor allem auf die Akten Pontos aus den Jahren von 1969 an, in denen er an der Spitze der Dresdner Bank stand. Sie kommen zu dem Schluss, Ponto sei es gelungen, das Image des Kreditinstituts von einer altbackenen Händler- und Wertpapierbank zu einem modernen Haus zu wandeln, das den Trends der siebziger Jahre offener gegenüberstand als die Konkurrenz.

          Der Mann für die Krise

          Dabei waren Banken zu jener Zeit nicht geringeren Anfeindungen ausgesetzt als heute. In den siebziger Jahren richteten sie sich gegen die „Bankenmacht“, ihre Anteilspakete an der Großindustrie, mit der sie ihren ohnedies beachtlichen Einfluss noch steigerten, nach Ansicht der Kritiker ins Uferlose. Tatsächlich war die Liste der Aufsichtsratsmandate Pontos beeindruckend. Er saß den Kontrollgremien der AEG, des RWE, der Münchner Rück, von Bilfinger und Berger, von Hapag Lloyd und der schon vergessenen Nordwolle vor, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender war er unter anderen bei Krupp und der Allianz. Es war jedoch nur eine potentielle Macht, wie die Autoren am Donnerstag hervorhoben, zu einem wirklichen Einfluss kam es erst in Krisen, wenn die Vorstände mit ihrem Latein am Ende waren. So befasste sich Ponto etwa mit der Restrukturierung von Krupp und der AEG, im letzten Fall allerdings, ohne den Niedergang aufhalten zu können. Ärger brachte ihm die Vermittlung eines Pakets von Daimler-Aktien aus dem Besitz von Herbert Quandt an Kuweit, was manchen als Ausverkauf der Bundesrepublik galt, tatsächlich aber die Internationalisierung der deutschen Wirtschaft vorwegnahm.

          Staunend liest man hingegen die Absätze über die enge Zusammenarbeit der großen Häuser; mit seinem Pendant bei der Deutschen Bank, Franz Heinrich Ulrich, besprach Ponto wie selbstverständlich die Bildung offener Reserven, Kapitalerhöhungen und sogar die Folgen, die aus Leitzinsänderungen zu ziehen waren. Sein Führungsstil galt als kollegial, „er hatte ein Grundvertrauen in die Leute“, berichtete Bär am Donnerstag, „er brachte eine Leichtigkeit hinein“, meinte der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe. Anekdotisches wird man in dem Band allerdings nicht finden, weil er sich vornehmlich auf geschäftliche Korrespondenz stützt.

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