https://www.faz.net/-gzg-9fjps

Star-Dirigent Stakionis : „Man muss wissen, was man will“

Er mag es am Pult gerne expressiv: Martynas Stakionis gilt als großes Nachwuchstalent unter den Dirigenten. Bild: Dmitrij Matvejev

Er zählt zu den jungen europäischen Talenten am Dirigentenpult: Martynas Stakionis, in Litauen geboren und aufgewachsen, lebt seit fast vier Jahren in Deutschland.

          Nett sein nützt nichts. Natürlich bleibt er freundlich, wenn er vor einem großen Orchester steht. Aber Respekt muss er sich schon verschaffen. Sich durchsetzen als 22 Jahre alter Dirigent, der es in der Regel mit lauter älteren, zum Teil reichlich älteren Musikern zu tun hat. Ohne Autorität geht da gar nichts. „Man muss wissen, was man will“, sagt Martynas Stakionis, der, in Litauen geboren und aufgewachsen, seit fast vier Jahren in Deutschland lebt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          „Und ein bisschen diktatorisch sein.“ Es sei am Anfang schwierig gewesen, aber er habe einen Weg gefunden. Vieles spiele zusammen beim Dirigieren, Psychologie, Kommunikationsfähigkeit, Inspiration. „Man muss inspiriert sein, um inspirieren zu können.“ Und man benötige einen Rhythmus. Nach Reisestrapazen etwa sei es wichtig, sich zu erholen, um stabil zu bleiben.

          Musikleben in Litauen

          Wenn er vermitteln könne, was er bei einem musikalischen Werk im Sinn habe, wie er es zu interpretieren gedenke, was er aus ihm herausholen wolle, folge ihm ein Orchester auch. Wenn zudem noch so viel Begeisterungsfähigkeit im Spiel ist, wie sie der junge Mann bei jedem seiner Sätze zum Ausdruck bringt, dürfte das auch alte Hasen an der Violine oder der Oboe beeindrucken. Eine klare Idee, eine deutliche Haltung, Durchsetzungsfähigkeit, Überzeugungskraft und Leidenschaft: Dieses außergewöhnliche Nachwuchstalent am Pult lässt nichts vermissen, was zum musikalischen Erfolg führt. Derzeit hält er sich in Frankfurt auf, wo er mit dem Litauischen Kammerorchester ein Konzert zum Abschluss der Europäischen Kulturtage der EZB gab.

          Noch ist er in Ausbildung an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Aber die Zahl der Klangkörper, mit denen er schon auftrat, ist beachtlich. Auch wenn die Möglichkeiten, die ein junger Musiker oder gar Dirigent in Litauen hat, schon aufgrund der geringen Größe des Landes beschränkt sind, bringt es doch in erstaunlicher Zahl musikalische Begabungen hervor. Stakionis hat dafür eine Erklärung: „Wir haben eine reiche Chorkultur, alle zwei Jahre kommen Zehn-, wenn nicht Hundertausende von Leuten aus aller Welt bei den großen Songfesten zusammen.“ Die Chorkultur habe einen großen Einfluss auf das gesamte Musikleben in Litauen. Er selbst ist mit fünf Jahren in einen Knabenchor eingetreten. Und was das Singen für die Litauer und überhaupt die Balten bedeutet, ist ihm sehr bewusst, auch wenn er Jahre nach dem Ende der Sowjetherrschaft geboren wurde: „Unsere einzige Hoffnung war, zusammenzukommen und zu singen. Die Leute standen vor den Panzern und haben gesungen.“

          „Ich liebe mein Land“

          Für die Identität der Balten spielen die Volkslieder mit der für sie typischen Polyphonie eine wichtige Rolle. Wie auch für die Komponisten Litauens, die sie in ihre Werke einarbeiteten. Stakionis ist damit bestens vertraut. Und er hängt an seiner Heimat. Was deutschen jungen Menschen kaum über die Lippen geht, spricht er ganz selbstverständlich aus: „Ich liebe mein Land.“ Schließlich habe er dort 18 Jahre lang gelebt. Doch er sagt auch: „Europa ist sehr wichtig für mich.“ Er habe nicht nur deutsche, sondern auch französische oder englische Freunde. Und er staune noch immer, wie reichhaltig das Musikleben in Deutschland ist.

          „Diese musikalische Kultur kann man mit der in Litauen nicht vergleichen. Dort gibt es nur ein Opernhaus. Und die Bühne der Litauischen Philharmonie ist eigentlich zu klein für ein großes Orchester.“ Zwar gebe es Bestrebungen, ein großes Konzerthaus zu bauen: „Aber es dauert, es kommt immer etwas dazwischen, man muss bis zur nächsten Wahl warten.“ Es gebe keine Priorität für die Kultur in Litauen. Was der Dirigent sehr bedauert, mehr politische Unterstützung wäre dringend nötig. Und was strebt er als nächstes größeres Ziel in seiner Dirigentenkarriere an? Wagner möchte er dirigieren. In einem wichtigen Opernhaus. Er klingt entschlossen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.
          Erntete zuletzt mehrfach Kritik für seine Äußerungen auf Twitter: Uwe Junge

          Äußerungen von Uwe Junge : Kein Interesse an Mäßigung

          Für gemäßigte Aussagen ist Uwe Junge definitiv nicht bekannt. Im Gegenteil: Er nutzt die Sozialen Netzwerke regelmäßig, um unter seinen Anhängern Stimmung zu machen – mit Erfolg.
          Außenminister Heiko Mass (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich vor Beginn des Petersburger Dialogs in Königswinter.

          „Petersburger Dialog“ : Maas nähert sich an – Lawrow teilt aus

          Laut Außenminister Maas könnten die dringenden Fragen der Weltpolitik nur mit Russland angegangen werden. Sein russischer Amtskollege wirft Deutschland hingegen vor, sich an „einer aggressiven antirussischen Politik“ zu beteiligen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.