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Theater-Ikone Günther Rühle : Man muss tun, was das Amt verlangt

Publizist, Kritiker, früherer Intendant: Günther Rühle kann auch eine bewegende Karriere zurückblicken. Bild: Wolfgang Eilmes

Erst hat Günther Rühle Theatergeschichte gemacht, als Kritiker, Intendant des Frankfurter Schauspiels, Akademiepräsident. Jetzt schreibt er Theatergeschichte: Fast 3000 Seiten sind schon erschienen. Nun muss Rühle einen Tag lang pausieren und feiern – er wird 95.

          Zurückzuschauen liegt Günther Rühle nicht. Erst recht nicht, wenn es um seine Person geht. Da winkt er mit einer seiner charakteristischen, etwas unwirschen Gesten ab. Wenn es um Theatergeschichte geht, macht er eine Ausnahme. Schließlich ist er zum Vorzeigechronisten des deutschen Theaters geworden, das manche gerne als Weltkulturerbe schützen lassen würden.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Theater in Gießharz zu packen allerdings wäre das Allerletzte, was Rühle in den Sinn käme. Auch wenn er heute meist den Formwillen vermisst, die raren „ungeheuren Momente“ von Tragödie, von Gegenwart und die Impulse, die vom Theater in die Gesellschaft wirken. Bedeutung und Funktion von Theater, sagt Rühle, seit 70 Jahren professioneller Theaterbesucher, hätten sich völlig verändert. Er sagt es nüchtern und doch leidenschaftlich, so, wie er viele Jahre lang in großen Artikeln Inszenierungen auseinanderklamüsert hat, Text, Inszenierung, Form, Spiel. Aber genauso analytisch auch über die ersten Vorboten der Achtundsechziger-Bewegung schrieb, über die Studenten etwa, die wissen wollten, was ihre Professoren im Nationalsozialismus getan hatten.

          Er sei „novitätssüchtig“, hatten vor mehr als 50 Jahren Ältere über den Feuerkopf Rühle gesagt. Er sei eben „immer sehr empfänglich für das Neue“ gewesen, sagt Rühle heute. Weshalb er findet, dass das Theater, einst der maßgebliche Ort der Bewusstseinsbildung, sich heute einer großen Aufgabe entziehe. „Die Theater sind voll, aber es gehen keine geistigen Impulse für die Gegenwart aus“, sagt er. Trotzdem geht er weiter hin – wie auch nicht. Er ist, mindestens seit Studentenzeiten, immer gern ins Theater gegangen. Heute gilt er als einer der bedeutendsten deutschsprachige Theaterkritiker überhaupt.

          „Ich wollte eigentlich gar nicht Kritiker werden, ich wollte nur schreiben“, sagt Rühle. „Die Lust, zu erfahren, wer man selber ist“, habe ihn wohl zum Schreiben getrieben, „ich weiß auch gar nicht, wie ich ins Theater gekommen bin“. Neugier, Fleiß und Risikofreude, gepaart mit einem zumindest nach außen dicken Fell, dürften dazu beigetragen haben. Rühle, in Gießen zur Welt gekommen, aufgewachsen in Weilburg an der Lahn und in Bremen, Studium in Frankfurt, hat für seine Karriere Frankfurt und die Rhein-Main-Region nie lang verlassen. „Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, es gab interessantes Theater in der Region“, erinnert er sich an seine Anfänge, als Rudolf Sellner in Darmstadt, Hansgünther Heyme in Wiesbaden inszenierte und Frankfurt von Harry Buckwitz geprägt wurde.

          Rühle ist Journalist, das ist er in seinem Denken wohl auch immer geblieben. „Ein Journalist lebt im Morgen, er ist ein Durchlauferhitzer und speichert nur das Allernötigste“, sagt er. Was ihn nicht daran hindert, seit Jahrzehnten in den Archiven zu arbeiten, um aus den seinerzeit tagesaktuell erschienenen Kritiken und Feuilletons, aus Memoiren und Briefeditionen ein lebendiges Bild vom Werden des deutschsprachigen Theaters zu zeichnen.

          Vor zwölf Jahren erschien der erste Band seines Haupt- und Staatswerks „Theater in Deutschland“, 1887-1945. 2014, pünktlich zum 90. Geburtstag, dann der zweite, der 1966 endet. 2800 Seiten bisher. Nun wühlt sich Rühle in seinem Arbeitszimmer in einem idyllischen Villenvorort von Bad Soden für den dritten und letzten Band durch die disparaten Strömungen des jüngeren Theaters. Denn um das bloße Aufzählen von Inszenierungen und Uraufführungen, Debatten oder Moden ist es ihm nie gegangen. Er interpretiert und erzählt, aus seinen Lektüren heraus, von Leben und Zeitläuften. Weshalb er auch nicht eine Jahreszahl nennt, bei der er dann Schluss machen möchte, sondern „den Tod von Heiner Müller“. Müller, dem das Frankfurter Theaterfestival Experimenta 6 gewidmet war, 1990, gleich nach dem Mauerfall. Über Jahre vorbereitet unter anderem von Rühle selbst.

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