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Porträt aus dem 3D-Drucker : Ich für die Ewigkeit

Ansichten eines Klons: 60 Kameras schießen gleichzeitig Fotos von allen Seiten, die dann im Computer zu einem digitalen Ebenbild umgewandelt werden. Bild: Fricke, Helmut

Ein Laden in Frankfurt-Bockenheim bietet 3D-Drucke an. Auch sich selbst kann man nach einem aufwendigen Scanverfahren als Plastikfigur nachbilden lassen. Wir haben das einmal ausprobiert.

          4 Min.

          Bevor ein Mann zum Denkmal gegossen wird, stellen sich ihm seltsame Fragen. Was soll ich anziehen? Sitzt die Frisur? Müsste ich die Fingernägel nochmal schneiden? Was ich sonst eher dem Zufall überlasse, entscheidet plötzlich darüber, wie die Nachwelt über mich denken wird. Ein Abbild in Kunststoff soll heute von mir entstehen, gut 20 Zentimeter groß, aus dem 3D-Drucker gezaubert. Gut möglich, dass Kinder das Ding irgendwann einmal in ihr Playmobilspiel einbauen werden – wie ich heute herumlaufe entscheidet, ob als Außerirdischen vom Planet der Supercoolness oder eher als Sumpfwesen, das der Kanalisation entstiegen ist. Also: gutes Hemd, beste Hose, Haare stylen.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit einigen Wochen bietet Thomas Mörsdorf in seinem Laden 3D-Scaper an der Leipziger Straße in Frankfurt 3D-Drucke an. Selbst gestaltete Handyhüllen, Stiftständer und Kunstobjekte kann man sich bei ihm drucken lassen. Aber eben auch sich selbst. Und das will ich heute ausprobieren.

          Das falsche Outfit für den 3D-Drucker

          Die bisherigen Kunden, deren Plastik-Klone Mörsdorf in seinem Laden ausstellt, kamen alle eher vom Planet der Supercoolness – ein Muskelmann mit freiem Oberkörper, ein Hipster mit Schal und Baskenmütze. Wer in ihre Gesellschaft aufgenommen werden will, muss erst einmal in das kleine Hinterzimmer des Ladens. Dort steht eine Art schwarzer Käfig, über dessen Streben 60 Kameras verteilt sind. Jedes kleinste Detail meines Körpers sollen sie gleichzeitig aus jedem Blickwinkel einfangen, damit ein Computer aus all den Einzelbildern eine perfekte 3D-Abbildung von mir machen kann.

          Den ersten Fehler habe ich schon zu Hause gemacht: ein weißes Hemd angezogen. Mit weißen, schwarzen, glänzenden und durchsichtigen Klamotten kann das Programm nichts anfangen, weil sie zu wenige Kontraste bieten. Die Figur wäre oben ohne, und das im Wortsinn. Eine Kundin, die eine weiße Hose getragen hatte, erschien im Computer ohne Beine, weil das Weiß den Kameras und dem Bearbeitungsprogramm zu wenige Anhaltspunkte gegeben hat, um ein Modell zu formen. Zum Glück habe ich eine braune Jacke dabei. „Sieht sowieso viel cooler aus“, ermuntert mich Mörsdorf.

          Der Kunde auf dem Drehteller

          Und damit sind wir schon beim nächsten Problem. Wie hinstellen? Mörsdorf setzt da kaum Grenzen. Schwierig wird es nur, wenn irgendetwas überhängt, weil der Drucker die Figur schichtweise 0,1 Millimeter für 0,1 Millimeter von unten nach oben aufbaut.

          Groß, mittel, klein: Ein Mensch und zwei Kunststofffiguren. Die sind so beliebt, dass bereits Termine für die Vorweihnachtszeit gebucht werden. Bilderstrecke
          Groß, mittel, klein: Ein Mensch und zwei Kunststofffiguren. Die sind so beliebt, dass bereits Termine für die Vorweihnachtszeit gebucht werden. :

          Für die günstigste Skulpturvariante – 15 Zentimeter in weiß, für 79 Euro – wird der Kunde auf einem Drehteller statt in dem Käfig gescannt. Die Methode hat den Nachteil, dass man sich eineinhalb Minuten lang nicht bewegen darf. Tut man es doch, dann entstehen Figuren ohne Gesicht und andere Horrorgestalten. Für Kinder, Haustiere und andere zappelige Gemüter ist die Methode also eher nicht geeignet.

          60 Kameras lösen auf einmal aus

          Der Käfig hat den Vorteil, dass alle 60 Bilder gleichzeitig gemacht werden. Daran, und dass auch noch der Blitz zur rechten Zeit auslöst, hat Mörsdorf zusammen mit einem Partner lange getüftelt. Der Rundum-Scanner ist Marke Eigenbau und funktioniert noch nicht immer perfekt. Manches an dem Gestell habe er auch selbst gedruckt, sagt Mörsdorf.

          „Bedruckt?“

          „Nein, gedruckt, im 3D-Drucker natürlich.“ Daran muss man sich erst einmal gewöhnen.

          Nun also möglichst lässig hinstellen auf den Punkt zwischen all den Kameras. „60 Kameras auf einmal – das haben nicht einmal die Hollywoodstars“, sagt Mörsdorf und verschwindet hinter dem weißen Vorhang. Es wird dunkel und auf mein Kommando drückt Mörsdorf den Auslöser. Tschacktschack macht es sechzigfach gleichzeitig von allen Seiten. Es hört sich an, wie ein Schießkommando im Kriegsfilm.

          Lange Wartezeiten und volle Auftragsbücher

          Mörsdorf kommt wieder herein und auf einem Computerbildschirm in der Ecke erscheint die ganze Foto-Reihe. Sechzig Mal ich, von allen Seiten. Ein Traum für Narzissten. Wir versuchen noch zwei andere Posen. Einmal winken – wirkt auf den Bildern eher wie ein Hitlergruß. Einmal Boxerpose – wirkt in den Klamotten nicht so richtig authentisch.

          Normalerweise dauert es zwei bis vier Stunden, bis der Computer all die Bilder, die insgesamt 250 Megabyte umfassen, zu einem 3D-Avatar umgerechnet hat und Mörsdorf alle schwarzen Flecken, die trotz der Belichtung von allen erdenklichen Seiten bleiben, ausgebessert hat.

          Bis das Gerät endlich mit meinem Plastik-Klon loslegt, vergehen dann aber doch noch einige Tage. Zum einen stellt Mörsdorf bei der Nachbearbeitung fest, dass der Computer auch meine dunkelgrüne Hose nicht so recht erkennen kann, so dass wir noch einmal Fotos in Blue Jeans machen müssen. Außerdem sind die Auftragsbücher schon ziemlich voll und jeder Druck dauert mehrere Stunden.

          Vier Stunden für eine Plastikfigur

          Doch schließlich gibt es mich tatsächlich als 3D-Modell in Mörsdorfs Computer, und er kann mich in alle Richtungen drehen. Bei einem Zwischenschritt der Modellierung habe ich noch ein Loch im Kopf, durch das man in mich hineinschauen kann – bis zu den Füßen hohl.

          An einer Wand hängen die Kunststofffäden, die der 3D-Drucker erhitzt und Schicht um Schicht zur Figur übereinanderlegt. Neben Weiß und Schwarz gibt es verschiedene Farben, auch Neongelb, Gold und Silber. Der Stoff ist industriell kompostierbar, wie Mörsdorf sagt. Dass sich dereinst die Paläontologen über mein Plastik-Alter-Ego beugen werden, ist also recht unwahrscheinlich.

          Gut vier Stunden dreht der Druckerkopf immer wieder seine Runden über die Bodenplatte des Geräts. Mit viel Geduld kann man mich in der offenen Box wachsen sehen. Passanten drücken ihre Nasen gegen die Schaufensterscheibe. „Sie wissen gar nicht, wie oft ich die Scheibe putzen muss“, sagt Mörsdorf lachend.

          Bereits Termine für Vorweihnachtszeit gebucht

          Schon vor der offiziellen Eröffnung habe er zig Anfragen von Kunden erhalten, die den Laden an der Leipziger Straße 5, nahe der Bockenheimer Warte gesehen haben. Viel war schon über die Möglichkeiten des 3D-Drucks zu lesen. Und wenn man Mörsdorf so reden hört, haben auch die Frankfurter schon viele Ideen. Teils kommen sie mit fertigen Modellen auf USB-Sticks, teils hilft ihnen eine 3D-Modulatorin, die Mörsdorf angestellt hat. Ein Behinderter hat sich eine vergrößerte Kurbel für seine Kaffeemühle drucken lassen, ein Designer eine Box für die Iphone-Kopfhörer, eine Firma Papierclips mit dem eigenen Logo. Doch vor allem die Figuren sind der Renner. Schwangere Frauen lassen sich verewigen, und Eltern ihre Kinder für die Großeltern; manche buchten schon jetzt Termine für die Vorweihnachtszeit, sagt Mörsdorf. Eine Konditorei habe ihn nach einer Kooperation gefragt für Hochzeitspaare, die sich selbst auf die Torte stellen wollen.

          Seinen Schritt in die Selbstständigkeit dürfte der Informatiker Mörsdorf, der früher einmal Geschäftsführer in der Multimedia-Agentur Pixelpark und dann Manager bei der Telekom war, angesichts der Auftragslage nicht bereuen. Die aufwendigeren Farbfiguren lässt er von einem externen Unternehmen herstellen. Sie werden in einer größeren Maschine aus einem Gipsverbund gedruckt. Das dauert ein paar Wochen und ist teurer. Die 15-Zentimeter-Skulptur kostet 230 Euro, der große Bruder mit 35 Zentimetern 990 Euro.

          Dagegen ist der weiße Mini-Me, den der Drucker von mir moduliert hat, geradezu bescheiden. Und wie ein Sumpfwesen sieht er nicht aus. Mörsdorf will sogar einen der Ausdrucke – den in Boxerpose – behalten. Der darf nun zwischen all den Supercoolen im Laden stehen.

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