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Autokino Taunusstein : „Der Blick ist ein Traum“

  • -Aktualisiert am

Leinwand und Landschaft: Im neuen Taunussteiner Autokino bleibt kein Stellplatz frei. Bild: Marcus Kaufhold

Hessens erstes Pop-up-Autokino nimmt auf dem Halberg den Kampf gegen die Corona-Langeweile auf.

          3 Min.

          Es ist ein grandioser Blick: Tiefe Wolkenbänke umhüllen die Taunuskämme. Das satte Grün des Frühlings wird von einzelnen gelben Rapsfeldern unterbrochen, und die Sicht vom Halberg im Taunussteiner Stadtteil Wehen reicht bis weit über die anderen Stadtteile Neuhof und Orlen in den Untertaunus hinaus. Die herrliche Aussicht ist für die mehr als 200 automobilen Cineasten, die am Donnerstagabend in ihren Fahrzeugen auf dem großen Parkplatz sitzen, indes nur eine Dreingabe. In der größten Stadt des Rheingau-Taunus-Kreises hat das erste Pop-up-Autokino Hessens den Kampf gegen die Langeweile aufgenommen.

          Noch bis Ende Mai/Anfang Juni werden jeden Tag drei Filme auf dem knapp 70 Quadratmeter großen LED-Bildschirm gezeigt, und schon jetzt zeichnet sich ab: Das wird eine Erfolgsgeschichte. Rund 120 Autos können gleichzeitig auf dem Parkplatz stehen, ohne dass der aufgrund der Pandemie vorgeschriebene Mindestabstand unterschritten wird.

          Die Tickets kosten 20 Euro je Auto, Eltern dürfen ihre Kinder im Fahrzeug kostenfrei mitnehmen. Initiator der Aktion ist Christian Howaldt vom Veranstalter KF Live, der gemeinsam mit seinem Partner Marko Kleemeyer das Projekt trägt. Howaldt, der eigentlich mit Sportevents sein Geld verdient, lebt seit 2001 in Taunusstein. „Unser Geschäft ist derzeit tot. Ich saß auf der Terrasse und blickte auf den Halberg“, schildert er das Entstehen seiner Idee, für die er in kürzester Zeit auch Taunussteins Bürgermeister Sandro Zehner (CDU) gewinnen konnte. Schon am Donnerstagabend waren rund 2000 Tickets verkauft. „Es läuft weltklasse“, bestätigt Howaldt, und von den Ordnern am Eingang ist zu hören, dass einige Vorführungen mittlerweile ausverkauft sind.

          Zuschauer kommen angereist

          Das ist kein Wunder, denn die Kinofans kommen nicht nur aus Taunusstein, wie an den Nummernschildern zu erkennen ist. Aus Limburg, Groß-Gerau, Wiesbaden und dem Main-Taunus-Kreis reist das Publikum an und ist angetan: „Das ist der Knaller“, sagt Uwe Hermann aus Hünfelden, als er mit Frau Ludmilla auf den Beginn eines Films wartet. Auch Heidi und Klaus Weber aus Neuhof sind fasziniert: „Allein der Blick auf den Himmel, bei so einem Wetter“, schwärmt Weber, der zuletzt vor 30 Jahren in einem Autokino war.

          Da es aber selbstverständlich nicht nur um den Blick geht, haben Howaldt und sein Partner für ein spannendes Programm gesorgt. Neben Klassikern wie „Dirty Dancing“, „Titanic“ und „Pretty Woman“ werden auch aktuelle Filme wie „Joker“, „Frozen 2“ und „Das perfekte Geheimnis“ gezeigt. Die erste Vorstellung beginnt um 13.30 Uhr. Die Filme, das ist Howaldt wichtig, können auch bei Tageslicht sehr gut geschaut werden. „Der LED-Screen ermöglicht HD-Qualität und ist extrem lichtstark“, sagt er. Die weiteren Vorstellungen beginnen täglich um 17 Uhr und 20.30 Uhr.

          Initiatoren: Christian Howaldt (links) hatte die Idee, die er mit Marko Kleemeyer verwirklicht.
          Initiatoren: Christian Howaldt (links) hatte die Idee, die er mit Marko Kleemeyer verwirklicht. : Bild: Marcus Kaufhold

          Auch für Autokinos gelten besondere Regeln

          Also, alles wie immer? Nein, denn Autokinos dürfen aufgrund der Corona-Pandemie nur unter strengen Auflagen betrieben werden. Die Fahrzeuge müssen den Sicherheitsabstand einhalten, weshalb rot-weiße Flatterbänder auf dem Parkplatzboden die Parkboxen anzeigen. Die Filmfans sollen im Auto sitzen bleiben, es sei denn, sie müssen auf die Toilette. Der Verkauf von Speisen und Getränken ist verboten, was die vielen Chipstüten und Keksrollen auf den Armaturenbrettern der Autos erklärt. Die Tickets werden bei der Einfahrt durch die geschlossenen Fenster gescannt. Die Corona-Auflagen mindern das Filmvergnügen aber nur unerheblich. Michael Bieger ist mit Frau und zwei Töchtern gekommen. Der findige Taunussteiner parkt seinen Geländewagen auf einer leichten Anhöhe einfach mit dem Heck zur Leinwand und öffnet die Heckklappe. Die Familie sitzt auf der Ladefläche und veranstaltet ein cineastisches Picknick. Auch Biegers Kommentar über das Autokino fällt deutlich aus: „Das ist einfach phantastisch, und der Blick ist ein Traum.“

          Es war nicht ganz einfach, die Idee zu realisieren, denn die Anfahrt auf den Halberg verläuft durch ein Wohngebiet. Bürgermeister Zehner appelliert daher an die Besucher, langsam zu fahren und nicht zu hupen. Bis jetzt sind alle Anwohner im Boot, und das soll auch so bleiben. „Was die Stadt getan hat, das ist mit Geld nicht zu bezahlen“, lobt Howaldt die Hilfe durch den Bürgermeister und sein Team. Überzeugungsarbeit musste er nicht leisten, denn Zehner teilte bereits im Vorfeld mit: „Wir unterstützen das von Seiten der Stadt mit großem Vergnügen.“

          Auf dem Halberg hat unterdessen der Film begonnen. Es dämmert. Die Lichter der umliegenden Orte illuminieren die Szene und sorgen für eine ganz besondere Atmosphäre. Für Uwe Hermann, den Kinofan aus Hünfelden, steht fest: „Ich komme wieder.“

          Tickets gibt es ausschließlich online unter www.autokino-taunusstein.de.

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