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Rekordhalterin aus Offenbach : Die Meisterin der Nachkommastellen

  • -Aktualisiert am

Deutsche Rekordhalterin: die Polizistin Susanne Hippauf Bild: Wonge Bergmann

Die Polizistin Susanne Hippauf aus Offenbach kann mehr als 10.000 Nachkommastellen von Pi auswendig. Dafür müsse man kein Rechengenie sein, sagt die ehemalige deutsche Rekordhalterin.

          Die Zahl Pi hat kein Ende. Sie gehört zu den irrationalen Zahlen, ihre Nachkommastellen sind unendlich. Dass die Kreiszahl mit 3,14 beginnt, ist noch vielen bekannt. Von der dritten Nachkommastelle an wissen aber nur noch die allerwenigsten weiter. Das macht sie für eine kleine, aber wachsende Gruppe von Gedächtnissportlern interessant.

          Die Offenbacher Polizistin Susanne Hippauf hat im März vergangenen Jahres die ersten 11.104 Nachkommastellen von Pi auswendig aufgeschrieben. Das machte sie zur deutschen Rekordhalterin. Beim Pi-Wettbewerb im Emden brauchte sie dafür fünf Stunden, also etwa eineinhalb Sekunden je Ziffer. „Das war wirklich sehr anstrengend gewesen“, sagt sie.

          Hippauf hatte Mathematik als Leistungskurs in der Schule, aber fürs Pi-Merken müsse man kein Rechengenie sein, sagt sie. Das sei vielmehr lediglich eine Frage der Technik und der Konzentration.

          Hilfe für den Alltag

          Die 37 Jahre alte Offenbacherin arbeitet im Frankfurter Polizeipräsidium. Polizistin zu werden war ihr Kindheitstraum, draußen auf der Straße zu arbeiten fand sie spannend. Zunächst war sie einige Jahre Mitglied einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit in Frankfurt. Sie wurde bei Großveranstaltungen eingesetzt, ihre Einheit sollte Straftaten dokumentieren und die Festnahmen sofort vornehmen. Eine anspruchsvolle Arbeit sei das, aber auch sehr abwechslungsreich. Dass bei der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit auch viel Sport dazu gehört, gefiel ihr, in ihrer Freizeit läuft sie oft bei Marathon-Läufen mit.

          Dass sie ein gutes Gedächtnis besitze, sei ihr schon bewusst gewesen. Wie gut, das lernte sie erst Ende 2015, als sie an einer internen Ausschreibung teilnahm. Zum Bewerbungsverfahren gehörte ein Gedächtnistest. Dafür übte Hippauf systematisch und stolperte dabei über ein Buch, in dem Merk-Techniken vorgestellt wurden. „Schon zwei Tage, nachdem ich das Buch gelesen hatte, konnte ich 100 Zahlen hintereinander auswendig.“ Das weckte ihren Ehrgeiz. Jetzt wollte sie wissen, wie weit sie kommen könnte.

          Geschichten für die Ziffern

          Die Loci-Methode genannte Memotechnik sei die bei den Pi-Gedächtnissportlern am weitesten verbreitete. „Wenn man diese Technik beherrscht, ist das wenig Aufwand und viel, was man sich merken kann“, sagt Hippauf. Ziel ist es, die abstrakte Zahl in einfache Bilder zu übersetzen, um sie sich so besser merken zu können.

          Hippauf hat jeder zweistelligen Zahl, von 00 bis 99, eine Person zugeordnet. So wird sie selbst zur 15, da sie am 15. Juni geboren wurde. Die 07 ist ihre Freundin Johanna, die am 7.7. geheiratet hat. Die Popsängerin Nena wurde 1960 geboren, also steht sie für die 60. Damit müssen für 11000 Ziffern nur noch 5500 Personen aufgezählt werden. Damit sie die in der richtigen Reihenfolge anordnet, hat sich Hippauf eine „Route“ ausgedacht. Ihre Route ist eine Geschichte, halb persönliche Erinnerungen, halb erfunden, die in ihrem Haus in Offenbach startet, zu ihrer Freundin führt, dann nach Frankfurt, wo sie den Marathon läuft und von wo aus sie später nach Amerika fliegt. Das alles hat sie wirklich erlebt. Nur die Menschen, die sie in ihrer Geschichte trifft, waren nicht zugegen.

          Kein Ende in Sicht: Das Gießener „Mathematikum“ hat einen Teil der Zahl Pi auf einer Wand festgehalten.

          Die Ziffernfolge von der 2500. Nachkommastelle an wird so zu folgender kleinen Geschichte. Susanne Hippauf sitzt neben ihrer Freundin Johanna am Strand in Südafrika und isst Eis. Nena gesellt sich zu ihnen. Dann gehen sie in einen Supermarkt, in dem sie ihren Vater, der 1947 geboren wurde und der für die 47 steht, trifft. Also ist die Ziffernfolge an dieser Stelle 15076047.

          „Dadurch, dass ich so viele Reisen und Erlebnisse auf meiner Route habe, bewahre ich mir auch schöne Erlebnisse. Wenn ich die Route im Kopf abschreite, fühle ich so, wie ich mich damals gefühlt habe“, sagt Hippauf.

          Pi kann entweder eine endlos lange Kombination von Zahlen sein, oder eine Geschichte, in der schöne Urlaubserlebnisse neu belebt werden. Es sei nicht allzu schwer, sich Letzteres zu merken, sagt Hippauf. „Der Knackpunkt an der Sache ist gar nicht so sehr das Memorieren, sondern diese große Anzahl von Ziffern ohne Dreher wiederzugeben.“

          Keine Namen mehr vergessen

          Auch ihren jetzigen Freund lernte Hippauf durch den Gedächtnissport kennen: bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr. Er wohnt in Kopenhagen und tritt ebenfalls bei Gedächtnismeisterschaften an. Auf bevorstehende Wettkämpfe bereiten sich die beiden gemeinsam vor. Beim Telefonieren sagen sie sich manchmal abwechselnd jeweils 100 Stellen der Kreiszahl auf.

          Ein gutes Gedächtnis nutzt aber nicht bloß in der Freizeit. „Das hilft auch bei der Polizeiarbeit“, sagt Hippauf. In einem Gerichtsprozess hat sie, obwohl der Fall Monate zurück lag, durch Details dazu beitragen können, den Angeklagten zu überführen. Natürlich sei auch der Umgang mit Kollegen einfacher, wenn man sich in einem großen Polizeipräsidium, wie dem in Frankfurt, immer alle Namen merken könne.

          Seit Oktober vergangenen Jahres arbeitet sie im Führungs- und Lagedienst des Polizeipräsidiums. Dort ist sie zuständig für 52 Mitarbeiter, die Tag und Nacht die Notrufe entgegennehmen. Wenn ihr jemand von einer geplanten Reise erzähle, könne sie sich auch ein halbes Jahr später noch daran erinnern. Das helfe beim Umgang mit den vielen Kollegen; die freuten sich, wenn beim nächsten Treffen nach den Erlebnissen im Urlaub frage.

          Verwunderung bei den Freunden

          In den vergangenen beiden Jahren ist Hippauf immer wieder zu Gedächtniswettbewerben gefahren. Das Pi-Merken ist nicht die einzige Disziplin, in der sich gemessen wird. In anderen Wettkämpfen merken sich die Teilnehmer die Namen bestimmter Personen oder fiktive historische Daten. Beim „Speed Numbers“-Wettbewerb muss unter Zeitdruck eine vorgegebene Zahlenreihe auswendig gelernt werden. Hippauf tritt auch immer wieder in anderen Disziplinen an, aber das „Pi-Memorieren“, wie es die Sportler nennen, liege eben „voll im Trend“, sagt die Polizistin.

          Kollegen und Freunde verwundere ihr Hobby manchmal, aber neugierig seien die meisten dann doch. „Ich habe schon oft erlebt, dass die Leute das nicht so ganz verstehen.“ Dabei sei es eigentlich ganz einfach. Nicht abstrakte Zahlen könne man sich merken, sondern konkrete Bilder. So sei das Gedächtnistraining kinderleicht. Sie lerne jetzt Dänisch. Beim Sprachenlernen Eselsbrücken zu benutzen, mache es viel einfacher. Erfolgreiches Auswendiglernen sei eine Frage der Kreativität, und die habe jeder als Kind mal gehabt. Man müsse sie nur wiederbeleben.

          Für den nächsten Wettkampf lernt die Polizistin schon. Am nächsten Wochenende steht wieder der Emder Pi-Wettbewerb an. Im September wurde Hippaufs deutscher Rekord überboten, sie will ihn sich zurück holen. Dafür lernt sie jetzt die ersten 16.000 Nachkommastellen von Pi auswendig. In fünf vollgeschriebenen Heften mit je 28 doppelseitigen Blättern ist ihre Route durch das Zahlenlabyrinth aufgeschrieben. „Am Ende wird es an meiner Konzentration liegen“, sagt sie. „Auswendig kann ich sie schon.“

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