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Toter Regierungspräsident : Polizei setzt im Fall Lübcke auf Videos und Fotos

  • -Aktualisiert am

Walter Lübcke wurde auf seinem Grundstück in Wolfhagen-Istha bei Kassel erschossen. Bild: Reuters

Noch immer bleiben viele Fragen um den getöteten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke offen. Die Polizei hofft auf Hinweise durch die Bevölkerung und richtet ihr Augenmerk auf eine Kirmes in der Nähe des Tatorts.

          Im Fall des getöteten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke geht die Polizei vielen neuen Hinweisen nach. Wie ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) gestern mitteilte, haben sich rund 80 Anrufer gemeldet, die Angaben zu den möglichen Umständen des Todes von Walter Lübcke machen konnten. Zuvor war der Fall, wie berichtet, in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ aufgegriffen worden. Die Staatsanwaltschaft Kassel teilte mit, man habe sich durch die Sendung „eine Breitenwirkung erhofft“. Möglicherweise seien dadurch „auch potentielle Hinweisgeber erreicht worden, die sich vorher nicht intensiv mit dem Fall beschäftigt haben“.

          Wie aus Ermittlerkreisen weiter zu hören ist, sind die Beamten derzeit damit beschäftigt, die Tage und Stunden vor dem Tod des CDU-Politikers zu rekonstruieren. So soll er zwar am Freitagabend auf der Kirmes gewesen sein, nicht aber am Samstag. An diesem Abend habe er in seinem Haus Besuch von mehreren Personen gehabt, die Nachbarn als „vermutlich gute Bekannte“ beschrieben. Danach hatte sich Lübcke mit seiner Frau, der Schwiegertochter, einem seiner Söhne und dem Enkel in dem Haus in Wolfhagen-Istha aufgehalten.

          Der Sohn verließ das Haus später jedoch. Zeugen berichteten, Lübcke sei zunächst noch bis etwa 22.30 Uhr auf der Terrasse gesehen worden. Andere berichten, er habe danach noch auf dem Balkon sitzend eine Zigarette geraucht. Für die Zeit um Mitternacht, als es zu der Begegnung mit dem Täter gekommen sein muss, gibt es hingegen so gut wie keine belastbaren Angaben von Zeugen. Auch hat offenbar niemand den Schuss bewusst wahrgenommen. Nach den Worten des LKA-Sprechers sind die Ermittler auf jedes scheinbar noch so unbedeutende Detail angewiesen.

          Fokus liegt auf Weizenkirmes

          Ein Fokus der Ermittler liegt nach wie vor auf der sogenannten Weizenkirmes, die an jenem Wochenende nur etwa 200 Meter vom Wohnhaus Lübckes stattgefunden hat. Die Polizisten interessieren sich vor allem für Fotos und Videos, die auf dem Festgelände entstanden sind; vor allem für das Geschehen auf der Straße, die zu Lübckes Haus führt. Die Dateien, die der Polizei schon vorlägen, würden in den nächsten Tagen und Wochen ausgewertet. Falls nötig, wird die Sonderkommission abermals erweitert. Derzeit besteht sie aus 50 Beamten; weitere stehen bereit. Geklärt werden soll, wer sich am Wochenende auf der Kirmes aufgehalten hat und wer anderen Besuchern aufgefallen ist, vielleicht auch deshalb, weil er nicht zur Dorfgemeinschaft gehört.

          Chef-Ermittler: Der Leitende Oberstaatsanwalt aus Kassel, Horst Streiff, und die Präsidentin des Landeskriminalamts, Sabine Thurau, bitten die Bevölkerung um Hilfe bei der Aufklärung des Mordfalls Lübcke.

          Noch immer unklar sind die Umstände des Streits, der zwischen Lübcke und einem weiteren Kirmes-Besucher entbrannt sein soll. Während es am Montag noch als sicher erschien, dass es diese Auseinandersetzung gegeben hat, findet sich nun offenbar kein Zeuge mehr, der einen Streit beobachtet haben will.

          Auch die Spurensicherung am Haus des Politikers ist noch immer nicht beendet. Die Polizei hat den Tatort, wie es mittlerweile üblich ist, mit einer 360-Grad-Kamera erfasst. Somit kann er in ein Computerprogramm eingespeist und später in einer räumlichen Darstellung immer wieder aufgerufen werden.

          Was über den Fall bekannt ist

          Ob die einzelnen Spuren noch lückenlos zu rekonstruieren sind, ist jedoch unklar. Wie bekannt wurde, hatte ein Rettungssanitäter, der in der Nacht zu dem Haus gerufen wurde, einen Teil der Blutlache entfernt, in dem der CDU-Politiker, der durch einen Schuss in den Kopf getötet wurde, gelegen hatte; angeblich, um den Angehörigen den Anblick zu ersparen. Staatsanwaltschaft und LKA äußerten sich nicht dazu. Offenbar wird aber unter Rettungsdienst-Mitarbeitern heftig über den Vorfall diskutiert. Aus Ermittlerkreisen ist zu hören, man sei „nicht erfreut darüber“, dass sich jemand am Tatort zu schaffen gemacht habe, aus welchem Grund auch immer. Das erschwere die weitere Arbeit massiv. Im schlimmsten Fall seien Spuren vernichtet worden.

          Dem Vernehmen nach sind schon jetzt mehrere hundert Spuren gesichert worden. Sowohl auf der Terrasse selbst als auch im Garten und in anderen Teilen des Grundstücks sowie an der Straße, die zu dem Haus führt. Was davon „tatrelevant“ ist, wird die Auswertung in den nächsten Tagen und Wochen ergeben. Am 13. Juni soll die Trauerfeier für den getöteten Regierungspräsidenten stattfinden.

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