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Anziehungskraft der AfD : „Wähler quer durch die Altersschichten“

Bekennend: Eine Anstecknadel sitzt am Revers eines AfD-Anhängers. Bild: Bloomberg

Die AfD kommt inzwischen auch bei Jüngeren gut an. Unter denen, die sie gewählt haben, sind viele Frauen. Das sagt der Politologe Wolfgang Schroeder. Ein Gespräch über den Umgang mit Extremen.

          6 Min.

          Herr Professor Schroeder, dieser Tage sind Sie auf einer Vortragsreise in Südamerika. Wenn Sie erzählen sollen, wo Deutschland nach den Landtagswahlen vom vergangenen Sonntag und wo Hessen nach den Kommunalwahlen vom 6. März politisch steht, was sagen Sie?

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich sage: Bei aller Komplexität und Differenziertheit, das Moment der Protestwahlen sticht hervor. Dabei hat eine neue Partei, die AfD, einen kometenhaften Aufstieg in die Parlamente erzielt, mit bis zu 25 Prozent der Sitze in einem Landesparlament, in Sachsen-Anhalt. Ich sage auch, dass wir im Zuge dieser Wahlen und des dadurch entstandenen Drucks eine Verschiebung des gesamten Parteiensystems nach rechts feststellen werden.

          Und was sagen Sie, wenn Sie gefragt werden, ob man sich jetzt Sorgen machen muss um die Demokratie in Deutschland?

          Dann sage ich: Nein, das muss man nicht. Aber Sensibilität ist angebracht. Es gibt einen Teil der Gesellschaft, der unzufrieden ist mit dem politischen System, mit seiner Problemlösungsfähigkeit, aber auch mit seinem Personal.

          Das ist aber doch nichts Neues?

          Nein, das beobachten wir schon relativ lange. Man kann den Anteil der grundsätzlich Unzufriedenen im Land mit 20 Prozent beziffern. Es sieht so aus, dass ein Teil der Unzufriedenen mit der AfD ein Angebot gefunden hat.

          Ist Deutschland ein Land, das zwar einerseits Flüchtlinge willkommen heißt, in dem es aber andererseits einen erheblichen Prozentsatz potentiell rechten Gedankenguts gibt? Muss man sich damit abfinden?

          Man muss den Rahmen berücksichtigen. Die Bundesrepublik ist, aufs Ganze betrachtet, eine außerordentlich erfolgreiche Gesellschaft, die eine hohe Integrationsfähigkeit hat, wir haben eine Wirtschaft, die außerordentlich leistungsfähig ist. Aber: Es gibt viele Menschen, die an dieser positiven Entwicklung weder materiell noch kulturell beteiligt sind, die teilweise das Gegenteil erleben . . .

          . . . Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen, meinen Sie die?

          Soziale Gerechtigkeit ist das eine in einer Gesellschaft. Es gibt aber auch noch das Element Kultur, das Erleben von Fremdem als bereichernd oder bedrohend. Die Verschmelzung von verteilungspolitischen Fragen mit sozialen und kulturellen Positionen, das macht den Sprengsatz der gegenwärtigen Situation aus. Die AfD scheint zu versuchen, diese beiden Pole zusammenzuführen.

          Was ist also, Ihren Erkenntnissen nach und in wenigen Sätzen, die AfD für eine Partei?

          Erstens eine Protestpartei, das zeigen die Umfragen. Diejenigen, die sie gewählt haben, geben zu 70 Prozent an, das getan zu haben, weil sie enttäuscht sind von den anderen Parteien und von der sozialen, ökonomischen und kulturellen Lage in Deutschland. Zweitens ist sie in der Lage, bestimmte Ressentiments und diffuse Ängste und Abneigungen zu bündeln. Das Dritte ist, dass sie anders als die vorhergehenden Protestparteien, anders als NPD, DVU, Republikaner oder Schillpartei einen größeren Anteil von Aktivisten hinter sich hat, die früher Mitglieder der CDU oder auch der SPD gewesen sind, Leute, die in der Mitte der Gesellschaft stehen und nicht so einfach als Rechte abgetan werden können. Eine Mischung aus Rechtspopulismus und Pragmatismus, das macht die Attraktivität der AfD in der jetzigen Situation aus.

          Mit der AfD will niemand koalieren. Die AfD selbst stört das nicht, sie erweckt nicht einmal den Anschein, anderes als opponieren zu wollen. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Alexander Gauland hat unlängst gesagt, niemand in der AfD wolle politische Verantwortung übernehmen. Wie bewerten Sie das?

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