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Dienstvilla des Ministerpräsidenten : Politisches Palais in musealer Ruhe

Repräsentativ: Der letzte Ministerpräsident, der hier mit seiner Familie eingezogen ist, war Hans Eichel. Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Dienstvilla des Ministerpräsidenten in Wiesbaden wird gelegentlich genutzt - aber nicht als Wohnung.

          3 Min.

          Eigentlich sollte in die Dienstvilla des Hessischen Ministerpräsidenten in diesem Jahr der Alltag des politischen Apparats einkehren. Im laufenden Haushalt waren 473.000 Euro dafür vorgesehen, das Obergeschoss in dem Palais am Hang des Wiesbadener Nerobergs in eine Büroetage umzuwandeln. Außerdem standen Sanierungsarbeiten an.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Doch die veranschlagte Summe hätte für eine solide Lösung nicht ausgereicht. „Bautechnische und ökonomische Gründe sprechen dafür, das Projekt erst einmal auf Eis zu legen“, sagt der Sprecher des Ministerpräsidenten. In dem gerade vorgelegten Entwurf für den Doppelhaushalt der beiden nächsten Jahre ist der Posten nicht mehr enthalten - und so bleibt die im englischen Landhausstil erbaute dreiflügelige Anlage an der Rosselstraße ein politisches Museum, dessen Portal sich nur gelegentlich öffnet.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Amerikaner das Gebäude

          Im Erdgeschoss finden bei Gelegenheit kleinere offizielle Empfänge statt. Der Hauptraum zum Beispiel dient dazu, verdiente Persönlichkeiten mit Orden auszuzeichnen. Im Konferenzsaal kommen regelmäßig Koalitionsrunden zusammen. In einem kleineren Zimmer werden vertrauliche Gespräche oder Interviews geführt. Und manchmal nutzt der Regierungschef den Ort für halboffizielle Abende, im Sommer lädt Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) beispielsweise Gäste zu einem Grillabend auf der großen Terrasse ein. Dort böte sich eine traumhafte Aussicht auf Wiesbaden und Mainz, wenn die hochgewachsenen Tannen an der Grenze des 6500 Quadratmeter großen Grundstücks den Blick nicht so stark beeinträchtigen würden.

          Die Familie Schertel von Burtenbach hat das Palais 1928 von dem Münchner Architekten Ernst Haiger bauen lassen. 1937 kaufte der preußische Staat das Anwesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten es die Amerikaner, schließlich ging es in den Besitz des Landes Hessen über. In der Grünanlage befand sich einst ein Schwimmbad, das der frühere Ministerpräsident Holger Börner (SPD) zuschütten ließ. Im Keller ließ der gelernte Betonfacharbeiter stattdessen eine rustikal möblierte Bierbar einrichten.

          Das Bad umbauen

          Kleine Schäden wie etwa das feuchte Gemäuer im Untergeschoss sind im vergangenen Jahr für rund 30.000 Euro behoben worden. Für solche „Maßnahmen der Substanzerhaltung“ ist immer Geld da. Die Pflege des Gebäudes verschlingt nach den Angaben der Leiters der Staatskanzlei, Axel Wintermeyer (CDU), jedes Jahr rund 70.000 Euro. Aus seiner Sicht ist es in einem ordentlichen Zustand. Wenn ein Ministerpräsident dort mit seiner Familie einziehen wolle, sei das ohne allzu großen baulichen Aufwand durchaus möglich, meint Wintermeyer. Tatsächlich würde man auch angesichts der Lage von einer Top-Immobilie sprechen - wenn die Mängel im Innern nicht wären. Während die unteren Räume eine angenehme Höhe von zirka vier Metern aufweisen, sind die Decken im leerstehenden Obergeschoss sehr niedrig.

          Ein Regierungschef, der hier mit seiner Familie wohnen wollte, würde wohl als Erstes das aus den Sechzigern stammende Bad umbauen. Zwar kann man es vom Schlafzimmer aus direkt erreichen. Aber wer dort heute duschen wollte, müsste in die Wanne klettern und erst einmal den an einem Blechgestänge befestigten dünnen weißen Vorhang zuziehen. Die Kacheln sind gelb, auf den schlichten Armaturen steht der Schriftzug des Herstellers Villeroy&Boch. Von hemmungsloser Geldverschwendung kann nicht die Rede sein.

          Einige Ungereimtheiten

          So lautete aber der Vorwurf, den der frühere Regierungschef Hans Eichel sich monatelang anhören musste, als er das Haus zu Beginn seiner Amtszeit hatte renovieren lassen. Er nutzte nicht nur das Erdgeschoss zur Repräsentation, sondern zog mit seiner damaligen Frau Karin und seinen beiden Kindern in die erste Etage ein.

          Zu schaffen machte Eichel in der hitzigen Debatte zu Beginn des Jahres 1993 nicht so sehr der aufgewandte Betrag von rund 1,6 Millionen Mark, sondern vor allem die Tatsache, dass er eine aus seiner Heimatstadt Kassel stammende Freundin der Familie als Architektin heranzog und noch manchen anderen Auftrag ohne Ausschreibung vergab. Andere Ungereimtheiten kamen hinzu. So verbargen sich hinter kostspieligen „Pflanzungen zur Erhöhung des Sichtschutzes“ in Wirklichkeit vier Rhododendronsträucher und 140 Stiefmütterchen. Die damalige Opposition kostete den Vorgang über Wochen genüsslich aus. Als ihr früherer Anführer Roland Koch (CDU) Ministerpräsident wurde, gab er übrigens zu, es mit der Kritik übertrieben zu haben.

          Enormer Kostenfaktor

          Alles in allem ist den späteren Bundesfinanzminister sein Privatleben in der besten Wiesbadener Halbhöhenlage relativ teuer zu stehen gekommen. Seine sozialdemokratischen Vorgänger Georg August Zinn und Albert Osswald hatten dort noch unentgeltlich wohnen dürfen. Eichel hingegen musste nach einer Änderung des Ministergesetzes „die ortsübliche Miete“ zahlen. Weil die Lage nach wie vor zu den begehrtesten Wiesbadener Adressen zählt, würde für die Wohnfläche von 200 Quadratmetern heute wohl eine monatliche Kaltmiete in der Größenordnung von mindestens 3000 Euro fällig.

          Als Zweitwohnung ist das Obergeschoss in der Dienstvilla also auch für einen Spitzenbeamten ein enormer Kostenfaktor. Koch blieb nach seinem Regierungsantritt mit Frau und Kindern in Eschborn. Und der amtierende Hausherr Bouffier zieht das Eigenheim in seiner Heimatstadt Gießen dem Palais in der Landeshauptstadt vor. An einen Verkauf denkt die Landesregierung nicht. Immerhin werde das Erdgeschoss genutzt, sagt ihr Sprecher. „Und das Haus hat eine gewisse Tradition.“

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