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Politische Flüchtlinge in Frankfurt : Die Hoffnung ist geblieben

  • -Aktualisiert am

Shadi Amin: „Ich war gegen Chomeini und wollte Freiheit und Demokratie für alle Iraner“ Bild: Wolfgang Eilmes

Shadi Amin und Ali Sadrzadeh kämpften gegen den Schah für Freiheit und Demokratie in Iran. Als die Mullahs die Macht ergriffen, mussten sie fliehen. Die Hoffnung haben sie dennoch nicht aufgegeben.

          5 Min.

          Was wäre, wenn? „Das ist meine große Frage“, sagt Shadi Amin. „Was wäre, wenn die Islamische Revolution anders verlaufen wäre?“ Tränen sammeln sich in ihren Augen. Die 47 Jahre alte, gedrungene Frau mit den kurzen schwarzen Haaren sitzt in ihrer Frankfurter Drei-Zimmer-Wohnung und horcht ihren Worten nach.

          1979 hatte Amin begonnen, sich politisch zu engagieren. Vier Jahre später, da war sie gerade mal 18, musste sie ihr Heimatland, Iran, verlassen. Ihre Familie, ihre Freunde. Sie floh, geführt von Schleppern, nach Pakistan und von dort in die Türkei bis nach Istanbul. Mehr als einen Monat war sie unterwegs. Erst fünf Jahre später konnte sie ihre Familie wiedersehen. Mit dem Flugzeug kam sie schließlich nach Berlin und von dort später nach Frankfurt.

          Nach der Revolution des Jahres 1979 war Amin einer Abspaltung der Organisation „Volksfedayin“, die sich marxistisch-leninistisch nennt, beigetreten. „Ich war gegen Chomeini und wollte Freiheit und Demokratie für alle Iraner“, sagt sie. Ihren Einsatz dafür hat sie teuer bezahlt. Früh erkannte sie, dass Chomeini nicht dasselbe Ziel hatte wie sie.

          „Iraner brauchten keine Psychologen“

          „Was habt ihr nur getan?“ Diese Frage bekommt der Rundfunk-Journalist Ali Sadrzadeh von seiner 30 Jahre alten Tochter oft zu hören. „Ihre Generation wirft uns vor, dass wir Scheiße gebaut haben – und zwar zu Recht“, sagt der Journalist. Er versucht gar nicht erst, seine Ideale, für die er vor 34 Jahren kämpfte, zu verteidigen.

          Dabei hatte Sadrzadeh damals „für die Revolution“ alles stehen und liegen gelassen: „Meine Wohnung, meine Freundin, alles.“ Als Vorstandsmitglied der linken Studentenorganisation CISNU in Frankfurt war er Teil der sozialen Bewegung, der sich später die Religiösen bemächtigen sollten.

          1969 war Sadrzadeh mit 25 Jahren zum Studieren nach Deutschland gekommen. Zunächst schrieb er sich in Kiel für Psychologie ein, später wollte er Bauingenieur werden. „Ich habe gemerkt, dass die Iraner vor allem technischen Fortschritt brauchten und keine Psychologen“, sagt Sadrzadeh. Er hat viel zu erzählen. In dem kleinen, trubeligen Café, das er für das Treffen vorgeschlagen hat, zerrinnen unter dem knarzenden Klang seiner Stimme die Stunden.

          „Justice for Iran“ - für Menschenrechte

          Der heute 69 Jahre alte Ali Sadrzadeh und die gut zwanzig Jahre jüngere Shadi Amin besitzen mittlerweile beide einen deutschen Pass. Außer der alten Heimat und Frankfurt als dem Ort, an dem sie sich eine neue Existenz aufbauten, verbinden sie viele Fragen, die sie sich unentwegt stellen. „Ich telefoniere mehrmals in der Woche mit Verwandten und Freunden in Iran“, sagt Amin, die lange Zeit als Webdesignerin arbeitete. „Ich esse nur persisches Essen. Was gibt es Köstlicheres als persischen Reis?“, fragt Sadrzadeh, der mit einer Iranerin verheiratet ist und mit seiner in Deutschland geborenen Tochter Persisch spricht. Noch heute arbeitet er für hiesige Medien.

          Auch Amins Leben ist nach wie vor ganz auf Iran ausgerichtet. 2010 gründete sie die Menschenrechtsorganisation „Justice for Iran“, die auf ein Tribunal für die im Namen der Islamischen Republik begangenen Verbrechen hinarbeitet. „Das ist aber sehr schwierig, wir sind auf die Mithilfe nationaler Staatsanwaltschaften angewiesen, die tätig werden könnten, sobald einer der identifizierten Täter in ihr Land einreist“, sagt Amin. Einen beachtlichen Erfolg errang „Justice for Iran“ aber bereits. Zu den 17 Personen, gegen die die EU im letzten Jahr Einreiseverbote verhängte und deren Auslandskonten sie einfror, trug die Organisation einige Informationen bei.

          Ali Sadrzadeh: „Ich hatte das Gefühl eines vom Kampffeld geflohenen Soldaten.“

          „Meine Eltern kontrollierten mich kaum“

          Der Bruch mit dem Iran der Ayatollahs vollzog sich in Stufen. Als in Amins Abiturzeugnis in der Spalte, in der das Arbeitsverhalten bewertet wird, die Note Mangelhaft auftauchte, mit dem Vermerk: „Mitgliedschaft bei den Volksfedayin“, war ausgeschlossen, dass sie jemals in Iran würde studieren können. „Meine Eltern wussten, dass ich weiterhin Flugblätter verteilen würde. Sie haben zwar versucht, mich davon abzuhalten, haben mich aber auch immer geschützt“, erinnert sie sich. Irgendwann wurde Amin, als sie wieder einmal Zettel in Briefkästen steckte, festgenommen. Die Familie stand schließlich vor der Wahl: Entweder die Tochter hört auf, politisch zu arbeiten, oder sie kommt ins Gefängnis. Da floh sie, ihre Eltern bezahlten die Schlepper.

          Die Eltern waren angesehene Leute unter dem Schah, der Vater besaß eine Baufirma, baute Straßen, Schulen und andere öffentliche Gebäude, sogar einen Flughafen. Nach der Revolution bekam er weniger Aufträge, musste Gefälligkeiten erweisen. „Mein Vater war nicht politisch interessiert. Immer wenn ich über Politik reden wollte, sagte er, es gebe so viele schöne Dinge, und wollte über etwas anderes sprechen“, sagt Amin. Eines Tages fuhr sie mit ihm an der Baustelle eines Gefängnisses für politische Häftlinge vorbei. Sie saßen in dem amerikanischen Geländewagen der Familie, das Modell gab es nur ein einziges Mal in Iran. Als ihr Vater anhielt, um mit einigen Arbeitern zu sprechen – er lieferte Steine für die Mauer –, stellte Amin ihn zur Rede, wollte wissen, warum er den Bau dieses Gefängnisses unterstütze. „Willst du, dass ich auch eines Tages hier eingesperrt werde?“, fragte sie ihren Vater. „Verhalte dich einfach so, dass du gar nicht erst ins Gefängnis kommst“, antwortete dieser. Die Atmosphäre im Wagen war eisig: „Das war der Bruch zwischen meinem Vater und mir.“ In der Folge gingen Vater und Tochter getrennte Wege. Amin war fortan so viel wie möglich unterwegs. „In meiner Familie genossen die Frauen immer viele Freiheiten, daher kontrollierten mich meine Eltern trotz alledem kaum.“

          Zeit des politischen Ringens

          Die Ambivalenz im Verhältnis zu ihren Eltern macht ihr bis heute zu schaffen. „Politisch gesehen bereue ich nicht, was ich getan habe“, sagt Amin. „Ich hätte aber weniger hart zu meinen Eltern sein sollen.“ Ob sie ein schlechtes Gewissen deshalb habe? Amin schweigt. Schließlich erzählt sie, wie ihr Vater sie einmal fragte, ob sie eigentlich wisse, wie sehr ihre Eltern wegen ihr gelitten hätten, ob sie wisse, welche Einbußen sie ihretwegen in Kauf nehmen mussten. „Solange wir dich haben, werden wir nicht mehr dieselbe Stellung genießen“, hat ihr Vater einmal gesagt. Das Regime der Geistlichen habe ihr Leben zerstört, lautet Amins Resümee.

          Sadrzadeh musste sein Heimatland zwar nicht unter Druck verlassen, jedoch kann auch er heute nicht dorthin zurück. „Als die Revolution aufzog, bin ich voller Hoffnung nach Teheran gefahren, habe dort Schriften verfasst, in denen ich für Demokratie eintrat, und getan, was man eben tut während einer Revolution“, sagt er. Die Zeit des politischen Ringens – lange war nicht klar, ob der Schah das Land kampflos verlassen würde – erlebte er sehr intensiv. „Alles andere wurde schlagartig unwichtig“, erzählt er. Sadrzadeh schlief wenig, war permanent auf den Straßen Teherans und verteilte Blumen an Soldaten.

          Auf einmal war alles zu spät

          Als er nach Frankfurt zurückkehrte, um seine Sachen zu holen und endgültig umzuziehen, rief ihn seine Mutter an: „Komm nicht zurück, sonst verhaften sie dich“, sagte sie. Chomeinis Revolutionskomitees hatten die Macht an sich gerissen. Sadrzadeh musste von Frankfurt aus mit ansehen, wie sein Land in einen Krieg mit dem Irak schlitterte und all seine Wünsche und Träume zerplatzten. „Ich hatte das Gefühl eines vom Kampffeld geflohenen Soldaten“, beschreibt Sadrzadeh seine Stimmung. Dieses Gefühl plagt ihn bis heute. Die professionelle Perspektive als Journalist half ihm, darüber hinwegzukommen.

          „Einmal fragte mich ein deutscher Fernsehreporter am Rande einer Demonstration verschleierter Frauen, ob ich keine Angst vor den Geistlichen hätte“, erzählt Sadrzadeh. Er habe geantwortet, dass die Geistlichen die Macht schon wieder abgeben würden. „Ich war davon überzeugt, dass sich die Religiösen aus der Politik heraushalten und sie den Krawattenträgern überlassen würden.“ Er sollte sich täuschen. Verzeihen kann er sich das bis heute nicht. „Wir haben uns zu sehr auf unsere Gegnerschaft zum Schah fokussiert und zu wenig geschaut, was Chomeini eigentlich vorhat“, sagt Sadrzadeh. So wurde Chomeini unversehens zum Gegenmodell zum Schah, auch für die Linken, und auf einmal war alles zu spät, in der Heimat weiter für die Ideale zu kämpfen.

          Das Exil ist für Amin wie für Sadrzadeh weiterhin eine Last, aber längst auch schon eine Aufgabe. Beim kleinsten Anschein von Veränderung in Iran keimt bei ihnen immer noch die Hoffnung. So wie 2009, als die „Grüne Bewegung“ den Aufstand probte. So wie jetzt, nach der Wahl Rohanis zum neuen Präsidenten. Wie so oft schon in den vergangenen Jahrzehnten.

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