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Politische Flüchtlinge in Frankfurt : Die Hoffnung ist geblieben

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Die Eltern waren angesehene Leute unter dem Schah, der Vater besaß eine Baufirma, baute Straßen, Schulen und andere öffentliche Gebäude, sogar einen Flughafen. Nach der Revolution bekam er weniger Aufträge, musste Gefälligkeiten erweisen. „Mein Vater war nicht politisch interessiert. Immer wenn ich über Politik reden wollte, sagte er, es gebe so viele schöne Dinge, und wollte über etwas anderes sprechen“, sagt Amin. Eines Tages fuhr sie mit ihm an der Baustelle eines Gefängnisses für politische Häftlinge vorbei. Sie saßen in dem amerikanischen Geländewagen der Familie, das Modell gab es nur ein einziges Mal in Iran. Als ihr Vater anhielt, um mit einigen Arbeitern zu sprechen – er lieferte Steine für die Mauer –, stellte Amin ihn zur Rede, wollte wissen, warum er den Bau dieses Gefängnisses unterstütze. „Willst du, dass ich auch eines Tages hier eingesperrt werde?“, fragte sie ihren Vater. „Verhalte dich einfach so, dass du gar nicht erst ins Gefängnis kommst“, antwortete dieser. Die Atmosphäre im Wagen war eisig: „Das war der Bruch zwischen meinem Vater und mir.“ In der Folge gingen Vater und Tochter getrennte Wege. Amin war fortan so viel wie möglich unterwegs. „In meiner Familie genossen die Frauen immer viele Freiheiten, daher kontrollierten mich meine Eltern trotz alledem kaum.“

Zeit des politischen Ringens

Die Ambivalenz im Verhältnis zu ihren Eltern macht ihr bis heute zu schaffen. „Politisch gesehen bereue ich nicht, was ich getan habe“, sagt Amin. „Ich hätte aber weniger hart zu meinen Eltern sein sollen.“ Ob sie ein schlechtes Gewissen deshalb habe? Amin schweigt. Schließlich erzählt sie, wie ihr Vater sie einmal fragte, ob sie eigentlich wisse, wie sehr ihre Eltern wegen ihr gelitten hätten, ob sie wisse, welche Einbußen sie ihretwegen in Kauf nehmen mussten. „Solange wir dich haben, werden wir nicht mehr dieselbe Stellung genießen“, hat ihr Vater einmal gesagt. Das Regime der Geistlichen habe ihr Leben zerstört, lautet Amins Resümee.

Sadrzadeh musste sein Heimatland zwar nicht unter Druck verlassen, jedoch kann auch er heute nicht dorthin zurück. „Als die Revolution aufzog, bin ich voller Hoffnung nach Teheran gefahren, habe dort Schriften verfasst, in denen ich für Demokratie eintrat, und getan, was man eben tut während einer Revolution“, sagt er. Die Zeit des politischen Ringens – lange war nicht klar, ob der Schah das Land kampflos verlassen würde – erlebte er sehr intensiv. „Alles andere wurde schlagartig unwichtig“, erzählt er. Sadrzadeh schlief wenig, war permanent auf den Straßen Teherans und verteilte Blumen an Soldaten.

Auf einmal war alles zu spät

Als er nach Frankfurt zurückkehrte, um seine Sachen zu holen und endgültig umzuziehen, rief ihn seine Mutter an: „Komm nicht zurück, sonst verhaften sie dich“, sagte sie. Chomeinis Revolutionskomitees hatten die Macht an sich gerissen. Sadrzadeh musste von Frankfurt aus mit ansehen, wie sein Land in einen Krieg mit dem Irak schlitterte und all seine Wünsche und Träume zerplatzten. „Ich hatte das Gefühl eines vom Kampffeld geflohenen Soldaten“, beschreibt Sadrzadeh seine Stimmung. Dieses Gefühl plagt ihn bis heute. Die professionelle Perspektive als Journalist half ihm, darüber hinwegzukommen.

„Einmal fragte mich ein deutscher Fernsehreporter am Rande einer Demonstration verschleierter Frauen, ob ich keine Angst vor den Geistlichen hätte“, erzählt Sadrzadeh. Er habe geantwortet, dass die Geistlichen die Macht schon wieder abgeben würden. „Ich war davon überzeugt, dass sich die Religiösen aus der Politik heraushalten und sie den Krawattenträgern überlassen würden.“ Er sollte sich täuschen. Verzeihen kann er sich das bis heute nicht. „Wir haben uns zu sehr auf unsere Gegnerschaft zum Schah fokussiert und zu wenig geschaut, was Chomeini eigentlich vorhat“, sagt Sadrzadeh. So wurde Chomeini unversehens zum Gegenmodell zum Schah, auch für die Linken, und auf einmal war alles zu spät, in der Heimat weiter für die Ideale zu kämpfen.

Das Exil ist für Amin wie für Sadrzadeh weiterhin eine Last, aber längst auch schon eine Aufgabe. Beim kleinsten Anschein von Veränderung in Iran keimt bei ihnen immer noch die Hoffnung. So wie 2009, als die „Grüne Bewegung“ den Aufstand probte. So wie jetzt, nach der Wahl Rohanis zum neuen Präsidenten. Wie so oft schon in den vergangenen Jahrzehnten.

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